Ein Mann wühlt im Dreck, in einem Loch in der Erde - so stellt sich der Beginn des modernen Amerikas dar in "There will be Blood", dem neuen Film von Paul Thomas Anderson. Der Mann räumt Geröll beiseite, befestigt eine Sprengladung, dann klettert er aus der Grube und löst die Detonation aus. Seine Bewegungen sind schwerfällig, schweigend verrichtete er seine Arbeit, mit ausdruckslosem Gesicht; fast wirkt er wie ein Tier. Daniel Plainview sucht nach Silber im Jahr 1898 in Südkalifornien. Als er nach der Sprengung wieder in die Grube steigen will, verliert er den Halt und stürzt in die Tiefe; da liegt er nun mit einem kaputtem Bein. Weit und breit gibt es keinen Menschen, der zu Hilfe eilen könnte.Das ist das Ende, glaubt man, aber es ist erst der Anfang - der Anfang von Plainviews Aufstieg vom Steinklopfer zum Ölmagnaten und der Beginn eines großen, auch monumentalen Films. So wie sich Daniel Plainview kraft seines übermenschlichen Willens aus dem Erdloch ans Licht einer endlosen Weite kämpft, so bahnt sich "There will be Blood" kraft seiner mächtigen Metaphern einen Weg in die Gegenwart. Mit Upton Sinclairs Roman "Öl!" von 1927 hat der Regisseur Paul Thomas Anderson so etwas wie ein Nationalepos fürs Kino adaptiert: eine Erzählung über das Entdecken und Erobern, über Gier und Gewalt, Väter und Söhne und Brüder. Daniel Plainview ist darin so etwas wie ein Schlüssel zum Mythos der Vereinigten Staaten: ein universaler Geschäftsmann, der seine Karriere nur sich selbst verdankt und der Arglosigkeit derer, die er betrügt. Er ist der Stärkere, der alle überlebt; ein erfolgssüchtiger Misanthrop, der keine Rücksichten kennt, weder gegen sich selbst noch gegen andere. Daniel Plainview, das wollen Roman und Film uns sagen, ist der Ursprung der modernen USA.Seine Geschichte gibt Aufschluss auch über das, was Amerika heute ausmacht. 1911 wühlt Plainview längst nicht mehr selbst im Dreck, sondern kauft Ölbohrrechte, um mit Hilfe seiner Arbeiter fremdes Land auszubeuten. Auf seiner Reise von Farm zu Farm, von einem Hinterland zum nächsten, lässt er sich von einem kleinen Jungen, H.D. genannt, begleiten: Witwer mit Söhnchen - das ist vor allem eine Marketingidee Plainviews; damit rührt er die Leute, wodurch sie sich bereitwilliger von ihm betrügen lassen. Sie wollen vor allem Geld für ihre Kirche. Geschäftstüchtigkeit, Gier und Religion - das sind hier die Fundamente der Vereinigten Staaten. Von den Allianzen, die sich zwischen ihnen auf der Jagd nach Macht und Geld ergeben, erzählt "There will be Blood".Paul Thomas Anderson hat diesen Film seinem großen Vorbild, dem 2006 verstorbenen Regisseur Robert Altman gewidmet; wie diesem geht es auch Anderson (u. a. "Magnolia") mehr um das Gesellschaftsbild als um Einfühlungskino. Und für seine Erzählung über den Beginn des modernen Amerika findet Anderson geradezu wuchtige Bilder: etwa von namenlos bleibenden Arbeitern in der verglühenden Weite des Westens - es ist nur eine der Variationen auf das Entfremdungsmotiv. Ein brennender Bohrturm, der wie eine Fackel in die Nacht fällt. Immer wieder die schmutzigen, ausdruckslosen Gesichter von Männern, die im Dreck wühlen und im Dreck umkommen. Und dazu die lichten Gesichter evangelikaler Christen, die nach höherem Sinn suchen im Schatten der Bohrtürme, angeführt von ihrem ehrgeizigen Prediger Eli Sunday (Paul Dano). Das Öl finanziert die neue Kirche. Plainview spricht vom Wohlstand durch Öl, an dem die Gemeinde teilhaben werde. Er braucht das Land ihrer Mitglieder."There will be Blood" ist der erste Höhepunkt des Berlinale-Wettbewerbs; man mag kaum annehmen, dass er noch Stärkeres bieten könnte. Zu Anfang des Films sieht man Plainview seinen noch kleinen Sohn mit dem Erdöl salben, ganz so als wäre diese fette, schwarze Flüssigkeit ein heiliger Saft und die Ölgewinnung eine sakrale Handlung. Und das ist es auch: Dies ist Plainviews Glaubensbekenntnis. Für diesen Mann ist alles eine Kapitalbildungsfrage; einmal fragt er "Warum gehört mir das nicht?" Und so verstößt er H.D. denn auch, als der sein Gehör bei einem Bohrunglück verliert. Ersetzt wird der "Krüppel" durch einen Bruder, der sich später nicht als echt erweist; dafür wird er mit dem Tod bestraft. Kaum eine Beziehung in diesem Film ist wahrhaftiger Natur.Manchmal ist das alles vielleicht ein wenig zu erhaben, zu gewaltig. Und doch packt einen die Bildmacht dieses Films, der auch ein Vehikel ist für seinen Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis. Man stelle diesen Mann einfach in irgend eine Szenerie, und es komme Kunst heraus, soll mal jemand gesagt haben. In Day-Lewis Spielart ist Plainview ein Ungeheuer. Der sehr ambitionierte Soundtrack mit Musik von Jonny Greenwood, Johannes Brahms, Arvo Pärt beschwört das Fieberhafte und Zwanghafte, das latent Dissonante der Figur. Zweieinhalb Stunden dauert dieser Film; die letzten dreißig Minuten zeigen den reichen, alten, verkommenen Plainview in seiner Villa beim letzten Gefecht gegen seinen alten Widersacher, den Prediger Eli. Wieder geht es um Herrschaft. Das mag dann kein Nationalepos mehr darüber sein, wer die Gemeinschaft, das Volk beherrscht. Aber es ist großes Theater.------------------------------9.2.: 12 Uhr, Urania; 22.30 Uhr, InternationalAb 14. Februar läuft der Film regulär in den Kinos.------------------------------Foto : Ich bin Amerika: Daniel Day-Lewis als Ölmagnat Daniel Plainview.