Sie sollen mit Haschisch und Ecstasy-Pillen gehandelt und ihre Muskeln mit illegalen Pillen aufgepäppelt haben: Im Herbst 2000 flog ein Ring von Drogendealern in der Berliner Polizeibehörde auf. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 27 Schutzpolizisten aus mehreren Polizeiabschnitten. Sie hielten sich für den Streifendienst nicht nur - wie vom Dienstherrn gefordert - in Fitnessstudios fit. Sie sollen Bodybuilder in der so genannten "Pumper"-Szene mit verbotenen Muskelaufbaupräparaten versorgt haben und schluckten selbst Anabolika und Drogen. Gestern fand vor dem Landgericht ein erster Prozess statt. Der 23-jährige Bauhelfer Kristian F. stand vor dem Richter, weil er einem Polizisten Drogen lieferte.Kristian F. ist selbst abhängig. Er hat eine Drogenkarriere hinter sich wie viele andere, die wegen Rauschgiftdelikten angeklagt sind. In der Schule in Neustrelitz rauchte er Haschisch, später nahm er Koks und Ecstasy. Er schmiss die Lehre und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Seinen Drogenkonsum finanzierte er vor allem durch den Verkauf von Drogen. Er ist wegen eines schweren Raubes vorbestraft. Sein Komplize war der 35-jährige Schutzpolizist Uwe R.Kristian F. und Uwe R. haben sich im Kit-Kat Club kennen gelernt, wo die Gäste gern viel Haut und Muskeln zeigen. Sie haben zunächst oft zusammen gefeiert und dann zusammen gedealt. Kristian F. lieferte Uwe R. Haschisch und Ecstasytabletten. Im Gegenzug erhielt er nicht nur Geld, sondern auch Auskünfte über Daten aus dem Polizeicomputer. So etwa Namen und Anschriften von Berlinern nebst Angaben über die Autos, die sie fuhren und die Größe des Hubraums. Solche Adressen können Dieben die Arbeit erleichtern. Kristian F. sagte, er habe die Adressen weiterverkauft. Ebenso wie die 250 Schuss Munition, mit der der Polizist Uwe R. einmal eine Lieferung Haschisch bezahlte.Ob er die Munition und die Daten aus dem Polizeicomputer von Uwe R. verlangt habe, wurde der Angeklagte gestern vom Staatsanwalt gefragt. Kristian F. antwortete: "Ich habe nie Druck auf Uwe R. ausgeübt. Er kam zu mir und hat gefragt, wer so etwas will. " Gestern wurde Kristian F. vom Berliner Landgericht zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Neun Monate saß er bis zum Urteil in Untersuchungshaft.Uwe R. dagegen wartet in Freiheit auf seinen Prozess. Nach seiner Festnahme saß er zwei Monate im Gefängnis. Dann wurde er entlassen, weil er umfassend gestanden und die Namen sämtlicher Mittäter genannt habe, wie der Staatsanwalt sagte. Und weil bei ihm keine Fluchtgefahr bestehe. Keiner der 27 beschuldigten Polizisten sitzt derzeit in Untersuchungshaft.Reise in die Türkei Die Fahnder kamen den Polizisten bei Ermittlungen gegen einen Boss im Rotlichtmilieu auf die Spur. Sie hatten dessen Telefonate abgehört und waren dabei auf einen 33-jährigen Polizeimeister vom Abschnitt 45 am Augustaplatz in Steglitz gestoßen. Es war ein Kollege von Uwe R. , beide waren oft zusammen auf Streife.Der Polizeimeister hatte in der Szene den Spitznamen "Bullenkalle". Er gilt als Haupttäter in dem Geschäft mit Ecstasy und Anabolika. Der Nebenjob soll ihm 500 Euro zusätzlich im Monat eingebracht haben. Die Staatsanwaltschaft legt allein "Bullenkalle" 558 Straftaten zur Last. Der Polizist soll sogar mit dem Rotlichtboss in die Türkei gefahren sein, um dort Anabolika für den Berliner Markt zu besorgen. Der Polizeimeister wird Ende März wegen Drogenhandels vor dem Landgericht stehen, zusammen mit Uwe R. und einem dritten Polizeibeamten. Auch ein Apotheker ist mit angeklagt. Er hat die Polizisten den Ermittlungen zufolge ohne Rezepte mit Muskelpillen versorgt.Motiv: Schulden // Etwa 2 200 Strafanzeigen werden in Berlin jährlich gegen Polizisten erstattet. Die Zahl war in den vergangenen Jahren konstant. Eine offizielle Statistik gibt es nicht.Die Hälfte der Anzeigen betreffen Körperverletzungen im Amt. Es folgen Diebstahl, Betrug, Erpressung sowie Verkehrsdelikte, Vorteilsnahme, Nötigung und Geheimnisverrat. Bis zum Jahre 2000 wurde in etwa fünf Prozent der Fälle Anklage erhoben. Das Gros der Verfahren wird wegen mangelnder Beweise eingestellt. Zwei bis drei Prozent der beschuldigten Beamten werden verurteilt.Im Landeskriminalamt ermitteln seit zwei Jahren zwei Kommissariate mit insgesamt 26 Mitarbeitern in Fällen, in denen Polizisten unter Verdacht stehen, Straftaten begangen zu haben.Schulden sind häufig das Motiv für Polizisten, Straftaten zu begehen.