Thomas Elenz hat sich durchgesetzt. Gegen alle Skepsis, die ihm entgegenschlug, als er sich und seine Arbeitskollegin Barbara Orlowski zur Abendschule anmelden wollte. Viele Fragen prasselten damals auf ihn ein. Zwei Hörbehinderte an einer regulären Schule, wie sollte das gehen? Wie wollten sie Chemie begreifen, ohne den Lehrer zu hören? Wie sollten sie sich am Englisch-Unterricht beteiligen? Aber Elenz beharrte darauf, dass Behinderte ein Recht auf den Besuch einer Regelschule haben. Dem damaligen Direktor der Abendschule erklärte er: "Wir müssen nicht reden, wir müssen denken können."Bevor der Unterricht an der Peter-A.-Silbermann-Schule begann, hatten beide genau das vermisst. Damals waren sie Anfang Vierzig und obwohl Thomas Elenz chemisch-technischer Assistent und Barbara Orlowski Druckformherstellerin gelernt hatte, besserten sie in einer privaten Firma beschädigte und verschmierte Bücher aus. Sie fühlten sich unterfordert. "Ungefragt in eine Einrichtung gesteckt", nennt Elenz das. Er ist schon durch die USA gereist und hat dort Gehörlose getroffen, die als Ärzte und Juristen arbeiten, das hat seinen Ehrgeiz geweckt. "Als wir jung waren, wollte man uns Hörbehinderte klein halten", sagt Elenz. Die Schulen für Hörbehinderte hätten ein niedriges Lern-Niveau gehabt. Am Abendgymnasium war das anders.Wenn Elenz über seine zweite Schulzeit redet, lächelt er. Seine Stimme ist hoch, aber er spricht völlig fehlerlos, obwohl er sich selbst nicht hören kann. Fünf Prozent Hörvermögen hat er noch. Die Worte seiner Gesprächspartner liest er von den Lippen ab. Zwischendurch unterbricht er und übersetzt das Gespräch mit den Händen für Barbara Orlowski. Sie ist vollständig taub und das Lippenlesen fällt ihr schwer. So haben sie es auch im Unterricht gehalten. Elenz übersetzte und sprach für sie beide.Gebärdensprache ist emotionalIn Fächern wie Englisch machten sie Zusatzaufgaben, um die mangelnde mündliche Beteiligung auszugleichen. Was sie im Unterricht nicht verstanden, arbeiteten sie nach. Aber auch die Lehrer kamen ihnen entgegen. "Ich habe mehr an die Tafel geschrieben, optische Darstellungen benutzt und öfter wiederholt", sagt die Deutschlehrerin Sabine Triebel. Wenn diskutiert wurde, fasste sie die Argumente zusammen. Als die alten Kreidetafeln durch elektronische ersetzt wurden, wurde es leichter. Trotzdem musste Elenz sie immer wieder bitten, beim Erklären nicht den Kopf zu drehen. Wenn er ein Gesicht nur im Profil sah, konnte er die Lippenbewegungen nicht lesen."Gebärdensprache ist eine sehr emotionale Sprache. Bei uns gibt es keinen Satz ohne Adjektiv", sagt Elenz, "im Deutschen heißt es vielleicht: Er liest ein Buch. Bei uns sieht man auch, wie." Ob jemand langsam liest oder schnell, interessiert oder gelangweilt, alles könne man erkennen. Zur Erklärung macht er das Verb "Lesen" vor. Er hebt die linke Hand und fährt mit dem Zeige- und Mittelfinger der Rechten über die Handfläche. Seine Stirn ist gerunzelt, die Bewegung schnell. Dann wiederholt er, diesmal langsam und mit hochgezogenen Augenbrauen. Von solchen Erklärungen profitierten auch die Mitschüler. "Die hörenden Schüler wurden für die Feinheiten der Sprache sensibilisiert", sagt Sabine Triebel.Das Abendgymnasium verlangte seinen Schülern viel ab. Unter der Woche war jeden Abend von halb sechs bis halb zehn Uhr Unterricht. Vier Jahre lang saß Elenz anschließend bis tief in die Nacht am Schreibtisch, machte Hausaufgaben und grübelte, wie sich das, was er las, in die Sprache der Gehörlosen übersetzen ließ. Seine Kollegin stand morgens früh auf und putzte in einem Hotel, bevor sie in die Schule ging. Von den über hundert Schülern, die mit beiden begonnen hatten, machten 38 Abitur.Die letzte Hürde für Barbara Orlowski war die mündliche Prüfung im vierten Abiturfach Chemie. Hier durfte ihr Kollege nicht übersetzen und sie musste sich einen Gebärdendolmetscher suchen. Das Thema war die Bindungslehre von Atomen. Während der Prüfung stellte sich heraus, dass ihr Dolmetscher die chemischen Begriffe nicht übersetzen konnte. Sie durfte einen Benzolring an die Tafel malen, statt ihn zu gebärden. Nach dreißig Minuten hatte sie bestanden.Wenn sie sich jetzt treffen, legt Elenz die Fingerspitzen zusammen und tippt dann mit dem rechten Zeigefinger in die andere Handfläche. "Hallo Abiturientin" heißt das. Ab Herbst werden sie wieder gemeinsam im Unterricht sitzen. An der Humboldt-Universität wollen sie "Deaf Studies" studieren, ein Fach, dass sich mit der Sprache und Kultur von Gehörloser befasst, und das in Gebärdensprache unterrichtet wird. "Dann", sagt Thomas Elenz und lächelt, "sind wir im Vorteil".------------------------------Foto: Barbara Orlowski und Thomas Elenz vor der Unibibliothek