Konosuke Mori ist verdammt. Unsterblich hat sich der zarte Teenager in ein untotes Dämonenweib verliebt. Rakuda Onna kam einst in Hiroshima ums Leben: Nach dem Bombenabwurf wurde sie beim Ausplündern gelynchter Amerikaner ertappt und ihrerseits am nächsten Baum aufgehängt. Seither streift sie ruhelos durch das besinnungslos verwestlichte Nachkriegsjapan und nährt sich vom Blut neugeborener Kinder. Auf zart fühlende Knaben wie Mori, die in der formierten Gesellschaft keinen Platz für sich finden, wirkt ihr Außenseiterdasein wie eine Verheißung. Sind sie der Dämonin erst einmal verfallen, werden sie von ihr als Vampire versklavt: So spiegeln die bekannten teenage-angst-Dramen der japanischen Gegenwart sich plötzlich in den Bildern einer Vergangenheit, die nicht vergeht."Warau Kyuketsuki - Der lachende Vampir" ist der erste Comic des japanischen Underground-Zeichners Maruo Suehiro, der in deutscher Sprache erscheint. Es ist überhaupt einer der ersten japanischen Comics in deutscher Sprache, der nicht dem Gehege der millionenfach verkauften Mainstream-Manga entstammt, sondern sich an ein ästhetisch und politisch reiferes Publikum richtet. Dass bei allem Hype um die japanischen Comics das Genre der gekiga, der "Erwachsenen-Manga", hierzulande noch weitgehend unbekannt ist, liegt freilich nicht am mangelnden Material - sondern am mangelnden Wagemut der großen Comic-Verlage, die es sich mit ihren profitablen Kinder- und Teenie-Programmen bislang recht gemütlich einrichten konnten. Der daraus resultierende Eindruck, dass sich das Themenrepertoire der Manga auf flott dahingetuschte SF-Fantasien und saturierte Pubertätsdramen beschränkt, ist allerdings falsch. Auch wenn Japan in den letzten Jahrzehnten keine umfangreiche "Underground"- oder gar "Autoren"-Comic-Szene im westlichen Sinne entwickelt hat und die Auflagen der gekiga weit hinter jenen der Mainstream-Manga zurückbleiben (sie werden in Tausenden und nicht in Millionen gezählt), haben sie doch wesentlich zur ästhetischen Entwicklung der Gattung beigetragen.Die größte Bedeutung kommt dabei dem "Garo"-Magazin zu, das 1964 in Tokio von Nagai Katsuichi gegründet wurde. Wie in zeitgleich lancierten westlichen Publikationen, etwa Robert Crumbs "Weirdo" oder René Goscinnys "Pilote", wurde der Comic hier systematisch zum Medium der politischen Auseinandersetzung erhoben; die erste populäre "Garo"-Geschichte, "Kamui" von Shirato Sampei, spiegelte das Klassenkampfgefühl der Studentenrevolte in die Samurai-Zeit des 16. Jahrhunderts zurück. Später dominierten - von westlichen Einflüssen weithin unberührt, doch in erstaunlicher Analogie zu den Entwicklungen in den USA und Europa - erst nabelbeschauende autobiographische Comics, dann punk-hafte Do-It-Yourself-Kritzelstile (heta-uma) und schließlich, wie etwa in Art Spiegelmans "RAW", ein selbstbezüglicher Ästhetizismus. Auch Maruo, Jahrgang 1956, hat seine Karriere in "Garo" begonen; auf den ersten Blick wirkt er wie ein Ästhetizist. Seine fein ziselierten Grafiken und Seitenlayouts stehen in klarem Gegensatz zu der verknappten und weitgehend normierten Bildsprache, die man in den arbeitsteilig hergestellten Mainstream-Manga findet; anders als dort, geht es Maruo nicht darum, den Betrachter in größtmöglichem Tempo durch die Geschichte zu ziehen. Vielmehr wird der Blick fortwährend irritiert: gereizt und enttäuscht, gelockt und zurückgewiesen, gebremst und wieder beschleunigt. Selbstbezüglich ist an dieser Ästhetik allerdings nichts: Das verwirrende Spiel, das Maruo mit Schönheit und Ekel, mit zarter Androgynie und dämonischen Perversionen treibt, schöpft seine Kraft ganz aus der Überzeichnung und Verfremdung kanonisierter Manga-Codes. So wird das Seelenleben der Figuren immer wieder durch Blumenbilder, rankende Ornamente und florale Muster illustriert - wie in den populären shojo manga, den seit den Siebzigerjahren spezialisierten und ausdifferenzierten Comics für pubertierende Mädchen. Doch anders als in deren süßlich-metaphorischer Sprache, überschreitet die Vegetation bei Maruo verlässlich die Grenze zur stofflichen Realität. Aus dem Ornament wuchern fleischige, haarige Pflanzen hervor, immer wieder werden die Helden von der enthemmten Natur überwuchert - ein Albtraum im Land der Bonsaibäume und der millimetergenau getrimmten Ziervegetation. Der glatte Futurismus, der den Manga der Nachkriegszeit prägt (und in den letzten Jahren nicht wenig zu seinem Erfolg in den USA und Europa beigetragen hat), ist ja nicht zuletzt aus der selbstvergessenen Zukunftszugewandtheit einer Gesellschaft entstanden, die sich aller Erinnerungsarbeit sorgsam verweigert. Maruos unbehaglich erotisierte Ästhetik, die sich gern auch bei den Kostümen und herrischen Posen des alten kaiserlichen Militarismus bedient, ruft die verdrängte Vergangenheit des neuen Japan ins Gedächtnis: die untoten Dämonen der unabgegoltenen Schuld.Maruo Suehiro: Der lachende Vampir. Aus dem Japanischen von Claudia Peter. Reprodukt Verlag, Berlin 2004. 241 S., 15 Euro.Grafik: Liebeskuss unter Vampiren: In dieser Liebesgeschichte von Maruo Suehiro wird wahrhaftiges Herzblut vergossen.