SALT LAKE CITY, 6. Februar. Vier deutsche Fernsehanstalten werden in den kommenden zwei Wochen über die Olympischen Winterspiele berichten. Übertragen wird das Spektakel live bei ARD und ZDF, die im Wechsel berichten; zeitversetzt beim Spartenkanal Eurosport, einer Tochter der European Broadcasting Union (EBU), der ARD/ZDF angehören; und schließlich erstmals in Leo Kirchs Bezahlfernsehen - live auf fünf Kanälen von Premiere World.Aufgeheizte AtmosphäreOlympia ist seit einem halben Jahrhundert fest in der Hand der öffentlich-rechtlichen EBU, die bis zum Jahr 2008 alle Rechte hat. Nun aber spielt Kirch mit den olympischen Ringen, und schon ist die Atmosphäre aufgeheizt. "Wir sind Olympia", heißt es frech in der Werbekampagne von Premiere World. Das fordert die einstigen Monopolisten heraus. "Premiere tritt sehr selbstbewusst auf", sagt Werner Rabe, der Teamchef von ARD/ZDF in Salt Lake City, "doch der Zuschauer wird sehr schnell merken, wer hier die Kompetenz hat." In seine Argumentationskette baut Rabe gern seine "84 Jahre alte Mutter" ein, die - wie er sagt - die Übertragungen selbstverständlich bei ARD/ZDF verfolgen wird: "Denn sie weiß gar nicht, was Premiere World ist. Und das geht vielen Millionen Deutschen so." 300 Stunden übertragen ARD und ZDF aus Salt Lake City, Premiere World sendet gar 430 Stunden live. Mit 500 Mitarbeitern sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten vor Ort, bei Premiere wird vorzugsweise aus München kommentiert. ARD/ZDF setzen auf die wegen der Zeitverschiebung (acht Stunden) günstigen Übertragungszeiten. "Zwischen 17 und 24 Uhr deutscher Zeit fallen fast alle Entscheidungen", sagt Rabe und gerät regelrecht ins Schwärmen: "Das ist die absolute Prime Time. Das ist traumhaft, das werden wir nutzen." ARD und ZDF haben im Vergleich zu Premiere World die ungleich prominenteren Co-Kommentatoren verpflichtet. "Wir haben Katarina Witt", jubelt Rabe, "das ist nicht zu toppen. Die Witt ist ein Superstar, in Deutschland und vor allem in Amerika. Wir müssen sogar das Hotel absperren lassen, wenn sie nach Salt Lake City kommt." Trotzdem wirkt die demonstrativ zur Schau gestellte Gelassenheit der Öffentlich-Rechtlichen etwas aufgesetzt. "Mir ist überhaupt nicht mulmig zu Mute", beteuert Teamchef Rabe, "Premiere World ist für uns überhaupt keine Konkurrenz." Sonderlich souverän klingen solche Sprüche allerdings nicht. Eher zeugen sie von tiefen Wunden, die die vielen Niederlagen auf dem Sportrechte-Markt hinterlassen haben. Denn ARD und ZDF müssen mit dem Makel agieren, durch dilettantische Verhandlungsführung Leo Kirch den Olympia-Zugang gewährt zu haben.Im Frühjahr vergangenen Jahres verhandelten die Öffentlich-Rechtlichen, unter großem Druck vieler selbst ernannter Fachleute aus der Politik, mit Kirch über die Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006. Gezahlt wurde dann nicht nur mit viel Geld, zusätzlich wurde Kirch auch noch mit Olympia-Anteilen belohnt. Dieses überteuerte Paket zu schnüren, war überflüssig - darin besteht in der Branche Einigkeit. Daran ändert nichts, dass Expeditionsleiter Werner Rabe, angestellt beim Bayerischen Rundfunk, nun nimmermüde betont, Premiere würde in Salt Lake City kein exklusives Material zur Verfügung stehen.Nie zuvor waren Olympische Spiele in Deutschland im Bezahlfernsehen zu sehen. Auch international hat sich auf diesem Segment noch nicht viel getan. Von den Sommerspielen 2000 in Sydney sind in Italien und Spanien ein paar Wettbewerbe im Pay-TV gelaufen. 1992 in Barcelona hat der amerikanische Olympiasender NBC mit seinem neu entworfenen und groß angelegten Bezahlprogramm namens TripleCast horrende Verluste gemacht. Es war ein Wahnsinn, gegen die frei zugänglichen NBC-Übertragungen im eigenen Haus noch ein Pay-TV-Angebot zu machen. NBC bezahlte damals 401 Millionen Dollar für die Rechte, rund 300 Millionen an Produktionskosten - durch Werbung aber nahm man nur 550 Millionen ein. Blieb ein Verlust von rund 150 Millionen Dollar. TripleCast wurde umgehend eingestellt. Für Kirchs Premiere World halten sich die Investitionen in Grenzen. Die Rechte bekam er zum Sonderpreis von angeblich zehn Millionen Mark - ARD/ZDF haben 55 Millionen bezahlt und eine größere Summe für Produktionskosten vor Ort. In Salt Lake City agiert für Kirch nur ein kleines Team. Er muss also nicht fürchten, dass sich zu seinen Milliarden-Schulden eine weitere erhebliche Summe gesellt. Andererseits ist es kaum vorstellbar, dass die Abonnentenzahl durch das Olympia-Angebot rapide steigt. Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hatte das merkwürdige Tauschgeschäft von ARD/ZDF mit Leo Kirch zunächst für Verstimmungen gesorgt. Schließlich sind ARD/ZDF nur Sublizenznehmer der EBU. Sie gaben die Rechte ohne Absprache mit dem IOC an Kirch weiter. Nach einigen Monaten stimmte das IOC dann aber doch dem Tauschgeschäft zu, und im Dezember 2001 stellte Kirchs Statthalter Dieter Hahn die Olympiapläne dem IOC-Exekutivkomitee vor. Inzwischen hat das IOC Interesse an dieser Art der TV-Verwertung, wie Präsident Jacques Rogge im Gespräch mit dieser Zeitung verdeutlichte: "Wir müssen uns an die EU-Gesetze halten. Da gehören Sublizenzen nun mal dazu." Grundsätzlich wird das IOC nicht davon abgehen, dass alle Entscheidungen im frei zugänglichen Fernsehen angeboten werden müssen. "Es wird sich aber niemand dagegen sträuben, wenn kleinere Sportarten live im Pay-TV zu sehen sind", sagte Rogge. "Das kann für solche Sportarten sogar ein Vorteil sein." Nur der erste SchrittFür Kirch sind die Übertragungen nur der erste Schritt, um auf dem Olympia-Markt mitzumischen. Auch für die nächsten Sommerspiele im August 2004 in Athen hat er von ARD und ZDF Sublizenzen erhalten. Sollte Kirchs Imperium inklusive Premiere World bis dahin noch existieren, könnte Athen durchaus einen Zugewinn bringen. Denn bei Sommerspielen haben ARD und ZDF keine Möglichkeit, sämtliche 300 Entscheidungen live zu übertragen - hier besteht die Chance für das Pay-TV. In Salt Lake City dagegen fallen bis auf wenige Ausnahmen alle der 78 Entscheidungen zeitversetzt - die Öffentlich-Rechtlichen sind also immer live dabei. Wer schaltet da schon Premiere ein?BERLINER ZEITUNG/BORN Entwicklung der europäischen Fernsehrechte an Olympischen Winterspielen 1964-2006. Vor allem in den vergangenen Jahren sind die TV-Rechte an den Olympischen Winterspielen rasant gestiegen. Die europäischen Senderechte erwarb stets die European Broadcasting Union, der auch ARD und ZDF angehören.AP/LAURA RAUCH Noch nie gab es so viele Live-Übertragungen von Olympischen Spielen wie aus Salt Lake City."Wir haben Katarina Witt als Co-Kommentatorin, das ist nicht zu toppen. Die ist ein Superstar, wir müssen das Hotel absperren, wenn sie kommt. " Werner Rabe, Teamchef von ARD/ZDF