Erstmals Stasi-Psychiater wegen Körperverletzung vor Gericht / Bewusstseinsverändernde Medikamente verabreicht: "Einmal gab mir der Arzt mitten im Verhör eine Spritze"

BERLIN, 8. September. Zum ersten Mal steht seit Freitag ein früherer Arzt der DDR-Staatssicherheit wegen Körperverletzung an Häftlingen vor dem Berliner Landgericht. Der frühere Stasi-Haft-Psychiater Horst Böttger ist angeklagt, Patienten vorsätzlich medizinisch nicht indizierte, bewusstseinsverändernde Medikamente verabreicht zu haben. Der Staatsanwaltschaft zufolge hat der ehemalige Stasi-Arzt im Rang eines Oberstleutnants im Sommer 1980 einem ausreisewilligen Ehepaar im Haftkrankenhaus des Berliner Stasi-Untersuchungsgefängnisses Hohenschönhausen vor und während Vernehmungen Psychopharmaka gegeben, die ihr Bewusstsein trübten, sie schläfrig und orientierungslos machten, zu Verwirrungszuständen führten. Der heute in Berlin praktizierende Facharzt für Neurologie und Psychiatrie wies am Freitag die Vorwürfe zurück. Es habe sich bei dem Ehepaar um eine "medizinisch notwendige Behandlung mit dafür geeigneten Mitteln" gehandelt. Er werde den Prozess nutzen, um sich gegen politische Verfolgung und Vorwürfe des Psychiatrie-Missbrauchs in der DDR zu wehren. Das Ehepaar K. war 1980 nach mehr als fünfzig Ausreiseanträgen und der Ankündigung eines Hungerstreiks von der Stasi verhaftet worden. Nach einem Zusammenbruch von Klaus K. und der Nahrungsverweigerung von Waltraud K. in der Haft waren sie ins Haftkrankenhaus gekommen. Die Eheleute schilderten Böttger als einen Arzt, der ihnen die Medikamente auch gegen ihren Willen und mit Gewalt verabreichen ließ. Zum Teil habe er die Arzneien selbst gespritzt. "Einmal gab er mir mitten im Verhör eine Spritze", sagte Klaus K. Er habe sie wie ein Vernehmer nach ihren Ausreisanträgen befragt, "nach unserem Befinden hat er sich nicht erkundigt". Waltraut K. ist nach Ansicht der Anklage und der Gutachter mit einem in der DDR nur in Ausnahmefällen zu verordnenden Medikament gegen schizophrene Psychosen behandelt worden, obwohl Böttger laut Akten eine Psychose zuvor selbst ausgeschlossen hatte. Sie sagte, sie sei auch nach Haftentlassung noch verwirrt gewesen und habe wochenlang nicht gewusst, wo sie wohne oder wo ihre Kaufhalle sei. Das Ehepaar wurde 1981 in den Westen freigekauft. Seit der Haft leidet Herr K. unter Angstzuständen in geschlossenen Räumen und gerät in Panik beim Anblick weißer Kittel. Beide leiden seitdem unter Albträumen. Mehrere ehemalige DDR-Häftlinge hatten nach Einsicht in ihre Stasi-Akten Strafanzeige gegen Böttger gestellt. Eine Anklage von 1998 wegen Verletzung der Schweigepflicht, nach der Böttger "Geständnisse" während der Arztgespräche an die Vernehmer weitergegeben hat, wird nicht verhandelt, da sie inzwischen verjährt ist. Deshalb muss das Gericht auch bei dieser Anklage bis zum 2. Oktober das Urteil sprechen.