Erstmals steht eine Arznei für neuartige Therapien vor der EU-Zulassung: der Knorpelersatz Chondrocelect: Puffer im Knie

Er schützt die Knochen im Knie vor Reibung und hält eigentlich ein Leben lang. Durch Fehlbelastung oder Unfälle kann sich der Gelenkknorpel jedoch abnutzen - und das ist schmerzhaft für die Betroffenen. Von allein vermag sich die schützende Schicht nicht zu erneuern. Gewebezüchter können Patienten jedoch zu frischem Knorpel verhelfen. Das Ausgangsmaterial dafür stammt vom Patienten selbst: Knorpelzellen, die der Arzt im Rahmen einer Kniegelenkspiegelung entnimmt. Die Zellen werden im Labor vermehrt und dann in das Gelenk eingebracht, wo sie zu neuem Knorpelgewebe heranwachsen.Erstmals ist jetzt ein solches Verfahren von der Europäischen Arzneimittelbehörde Emea geprüft, für gut befunden und der EU-Kommission zur Zulassung empfohlen worden. Die Methode heißt Chondrocelect. Entwickelt hat sie die Firma Tigenix aus dem belgischen Leuven, die sich damit zum Vorreiter in der Branche der Gewebezüchter macht.Bislang benötigten Firmen, die Arzneimittel aus patienteneigenem Gewebe züchten, hierzulande lediglich eine behördliche Herstellungserlaubnis, um ihr Produkt kommerziell anwenden zu können. Mit der Ende 2008 in Kraft getretenen EU-Verordnung über Arzneimittel für neuartige Therapien (siehe Kasten) ist es komplizierter geworden. Die Firmen brauchen die Zulassung der EU-Kommission und zuvor eine Empfehlung des Emea-Gremiums Cat (Committee for Advanced Therapies). "Die Empfehlung unseres Ausschusses bedeutet, dass Qualität, Wirksamkeit und Verträglichkeit der Therapie nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis geprüft sind", sagt der Cat-Vorsitzende Christian Schneider vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen bei Frankfurt am Main.Mit der Ende Juni ausgesprochenen Empfehlung hat Tigenix die Zulassung der EU-Kommission schon fast in der Tasche. Denn die Kommission folgt meist dem Emea-Votum. Tigenix kann also damit rechnen, im Herbst eine EU-weite Marktzulassung zu erhalten.Das Prinzip der patienteneigenen Knorpelzellübertragung, im Fachjargon autologe Chondrozytentransplantation (ACT) genannt, ist nicht neu. "Das Verfahren wird bereits seit Mitte der Neunzigerjahre praktiziert", sagt Matthias Steinwachs, Chefarzt der Abteilung für Orthobiologie und Knorpelersatz an der Schulthess-Klinik in Zürich. Steinwachs hat die Therapie von Anfang an mit erprobt.Das Besondere an Chondrocelect ist die Qualität des gezüchteten Gewebes. "Wenn man Knorpelzellen in der Kulturschale vermehrt, verlieren sie ihre spezifischen Eigenschaften und entwickeln sich sozusagen einen Schritt zurück", berichtet Gerd Steffens, der bei Tigenix für das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz zuständig ist. Die Forscher seiner Firma haben den Züchtungsprozess derart optimiert, dass dieser Dedifferenzierung genannte Prozess nur noch in geringem Umfang stattfindet. "Die Chondrocelect-Zellen sind daher besonders gut geeignet, um neues Knorpelgewebe im Kniegelenk zu bilden", sagt Steffens.Eine Studie mit rund 120 Patienten hat die Qualität des Verfahrens bestätigt. Die 2008 im American Journal of Sports Medicine veröffentlichte Untersuchung verglich Chondrocelect mit einem gängigen chirurgischen Verfahren, Mikrofrakturierung genannt. Dabei werden kleine Löcher in den unter dem Knorpel liegenden Knochen gebohrt, durch die Stammzellen aus dem Knochenmark einwandern und neues knorpelartiges Gewebe bilden können.Gewebeproben der Patienten zeigten, dass Mikrofrakturierungs-Knorpelgewebe eine viel unregelmäßigere Struktur aufweist als Chondrocelect-Knorpel. "Derart faseriger Knorpel ist weniger belastbar und kürzer haltbar", sagt Sven Ostermeier von der an der Studie beteiligten Orthopädischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover. Bei der Behandlung großer Defekte, also bei Flächen von mehr als vier Quadratzentimetern, sei Chondrocelect daher vermutlich die bessere Wahl. Anderthalb Jahre nach dem Eingriff - zu diesem Zeitpunkt endete die Studie - war allerdings noch kein Unterschied in der Haltbarkeit zu beobachten. Ostermeier ist daher gespannt auf die Ergebnisse der Nachbeobachtung.Die klinische Prüfung an Patienten durch Studienzentren in vier europäischen Ländern war ein Meilenstein für Tigenix auf dem Weg zur EU-Zulassung. Dass Tigenix so fix war, erklärt Cat-Vorsitzender Schneider mit der Strategie der Firma: "Tigenix hat die klinische Prüfung von Chondrocelect schon früh begonnen."Andere Gewebezuchtfirmen hinken hinterher. Bis Ende 2012 müssen auch sie umfangreiche Dossiers bei dem Emea-Gremium eingereicht haben. Dann endet die Übergangsfrist, die den Firmen gewährt wurde, um die Zulassung zu erlangen. Bei der Firma Codon aus Teltow bei Berlin, die Knorpelgewebe in Form von kleinen Kügelchen herstellt, ist man zuversichtlich, die EU-Anforderungen zu erfüllen. "Die Emea prüft zurzeit unsere Ergebnisse aus klinischen Anwendungen", sagt Vilma Siodla, die Codon zusammen mit einem Kollegen leitet. Der Freiburger Mitbewerber Cellgenix hat es offenbar nicht so eilig: "Noch bereiten wir keinen Antrag bei der Emea vor und es laufen auch keine entsprechenden Studien mit unserem Knorpelprodukt Cartigro", sagt Geschäftsführerin Felicia Rosenthal.Vielleicht setzt Cellgenix ebenso wie die Reutlinger Firma Tetec mit ihren Novocart-Knorpelzellen auf die 15. Novelle des Arzneimittelgesetzes, die in Kürze geplant ist. Beide Firmen gehören zu den Anbietern einer neuen Generation von Knorpelgewebe, bei der das Transplantat nicht wie bei Chondrocelect in flüssiger Form vorliegt, sondern mit einem Trägermaterial wie zum Beispiel Kollagen verbunden ist. Tetec rechnet damit, dass es für Arzneimittel dieser Produktgruppe künftig möglich sein wird, eine nationale Genehmigung vom Paul-Ehrlich-Institut zu erhalten.Auf diese Weise könnten einige Firmen ihre Knorpelzellen zumindest hierzulande weiterhin vermarkten und parallel dazu Studien für die EU-Marktzulassung vorantreiben. Weil es einige Jahre dauern kann, bis Studienergebnisse vorliegen, ist das aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll. "Sonst besteht die Gefahr, dass die Firma mit einem überalterten Produkt auf den Markt kommt", sagt Steinwachs. Er hält eine solche Strategie für vertretbar, weil ACT schon so lange praktiziert wird. "Anfangs gab es die Befürchtung, dass infolge der Transplantation bösartiger Knorpelkrebs entstehen kann", sagt Steinwachs. "Bei mehr als zwanzigtausend Anwendungen weltweit ist das aber kein einziges Mal vorgekommen."Wer als Patient künftig auf Nummer sicher gehen will, wird mit Emea-geprüften Produkten wohl am besten beraten sein. Allerdings ist die Art der Therapie auch eine Kostenfrage. Der Preis für eine ACT liegt zurzeit bei 3 000 bis 3 500 Euro, die Chondrocelect-Therapie aber wird wohl deutlich teurer sein. Genaue Angaben macht die Firma nicht, weil die Kostenübernahme durch die Krankenkassen noch ungeklärt ist. Einstweilen gilt eine Ausnahmeregelung, nach der das neuartige Verfahren in Einzelfällen bezahlt werden kann. "In Deutschland haben bereits 22 Kliniken einen Antrag für die Anwendung auf dieser Basis gestellt", berichtet Gerd Steffens. Die qualitätsgeprüfte Therapie fürs Knie könnte also schon bald einer großen Zahl von Patienten zur Verfügung stehen.American Journal of Sports Medicine, Bd. 36, S. 235------------------------------Regeln für neue Therapien mit Genen und ZellenUnter die seit Ende 2008 gültige Verordnung über Arzneimittel für neuartige Therapien (im EU-Jargon ist meist die Rede von "Regulation on advanced therapy medicinal products") fallen neben der Gewebezucht auch die Gentherapie und die somatische Zelltherapie.Bei einer Gentherapie werden zusätzliche Gene in das Erbgut von Körperzellen geschleust. Bei der somatischen Zelltherapie, werden Körperzellen derart verändert, dass sich ihre biologische Funktion wandelt. Ein Beispiel dafür ist der Einsatz von scharf gemachten Immunzellen zur Bekämpfung von Krebs.Während sich Gen- und Zelltherapie noch überwiegend im Stadium der klinischen Prüfung befinden, wird Gewebezucht (Tissue engineering) bereits kommerziell angewendet - etwa zur Herstellung von Knorpel- und Hautgewebe. Bislang brauchten die Firmen lediglich eine Herstellungserlaubnis. Neuerdings ist eine EU-Zulassung nach vorheriger Qualitäts- und Wirksamkeitsprüfung gefordert. (abg.)Die Verordnung im Internet: www.emea.europa.eu/htms/human/advanced_ therapies/intro.htm------------------------------Foto: Ein Mitarbeiter der belgischen Firma Tigenix bringt Knorpelzellen in eine rot gefärbte Nährflüssigkeit ein. Dort vermehren sich die Zellen und bilden neues Gewebe.------------------------------Foto: Gesunder Knorpel im Schnittbild: Unter dem Mikroskop ist intaktes Gewebe wie dieses an seiner regelmäßigen Struktur zu erkennen. Bei den runden, violetten Flecken handelt es sich um einzelne Knorpelzellen.