Ich habe Literatur mitgebracht, ein Buch über Brecht. Das ist eines der wenigen Geschenke, die Erwin mir gemacht hat im Leben, er ist ja ein sehr sparsamer Mensch. Übrigens eine der Gemeinsamkeiten, die wir haben. Mit zittriger Schrift schrieb er mir vor zwei Jahren in dieses Buch eine Widmung: "Arbeitsmäßig hast Du mich eingeholt. Aber hast Du auch so schöne Beine? Dein später Vater Erwin." Sehen Sie sich mal dieses Foto an, das ist er 1954 als Don Juan. Es ist die erste Vorstellung im Berliner Ensemble, nachdem der Brecht mit seinen Leuten aus dem Deutschen Theater ins BE umgezogen war. "Don Juan" unter der Regie von Benno Besson. Den spielt Erwin Geschonneck mit seinen ausgesprochen wohlgeformten Beinen."Dein später Vater" - hat er das so gesehen?Ja. Wir haben uns ja im Grunde erst nach dem Mauerfall getroffen. Vorher hatten wir so gut wie gar keinen Kontakt. Ich war, glaube ich, vier oder fünf, als seine Ehe mit meiner Mutter geschieden wurde, Hannelore Wüst, eine Schauspielerin, die jetzt auch schon achtzig wird. Es war seine erste Ehe.Woran ist die Ehe gescheitert?Es gibt da immer zwei Wahrheiten. Jede Partei wird sagen, dass sie die andere verlassen hat. Jedenfalls haben sie sich verlassen. Ich behielt diesen gewichtigen Namen, aber nicht den Vater.War der Name damals schon so gewichtig?Das konnte ich zu der Zeit nicht ermessen, ich habe es aber später gemerkt. Zu meiner Schulzeit war Erwin in der DDR schon ein weltberühmter Schauspieler. Alle kannten ihn. Ich wurde natürlich dauernd darauf angesprochen.Hatten Sie Kontakt?Nur einen sehr sparsamen. Ich habe ihn manchmal besucht. Er heiratete ja ununterbrochen. Fünf Mal war er verheiratet. Das ist ja auch sein gutes Recht. Eine Frau hat er zwei Mal geheiratet.Das spielte sich alles in Berlin ab?Für ihn spielte sich sowieso alles in Berlin ab. Erwin ist mit dieser Stadt, die er zu Fuß durchkreuzte, tief verbunden. Das habe ich von ihm geerbt. Es ist sowieso erstaunlich - das merke ich jetzt immer stärker - wie Hände sich vererben, Gesten sich vererben, Blicke, Pausen.Nächste Woche wird er 100.Ich soll zur Feier einen Schlips tragen, das hat er sich gewünscht. Ich sagte, Erwin, du hast ja wohl nicht alle! Na gut, den Wunsch kann ich ihm erfüllen.Geschonneck begann nach dem Krieg bei Brecht als Theaterschauspieler und wurde berühmt.Und dann wollte er auch noch ein berühmter Filmschauspieler werden. Er hat das geschafft. Alle kannten ihn. Es gab zwei Schauspieler in der DDR, die die Leute auf der Straße mit Vornamen ansprachen, der eine war Manne (Krug - die Red.), der andere war Erwin. Er war im besten Sinne ein Volksschauspieler. Einer, mit dem man sich identifizierte, den man mochte, den man achtete. Was im Westen Heinz Rühmann war, das war Erwin hier. Rühmann spielte den kleinen Mann, der eigentlich keine Chance hat und trotzdem pfiffig ist, der sich wehrt und es schafft. Erwin war der Inbegriff des proletarischen Schauspielers. Das war es ja, was Brecht so anzog.Was war das Besondere an dem Schauspieler Geschonneck?Das wirst du nie rauskriegen. Was ist ein Protagonist? Was ist ein Star? Es ist ganz einfach: Persönlichkeit. Mehr ist es, glaub' ich, nicht. Es gibt Leute wie Erwin, das sind Hauptrollendarsteller, die können einen Film wegtragen. Er konnte das, Krug konnte es auch. Andere können das nicht, obwohl sie vielleicht sogar bessere Schauspieler sind. Dann kommt natürlich bei Erwin noch hinzu, dass er eine proletarische Figur war. Und der dann noch die Möglichkeit des Bruchs hatte, des Witzes, der Ironie. Das konnte Erwin. Der Schalk saß ihm sozusagen im Nacken. Und er liebte die Frauen, das darf man nicht unterschätzen. Er hatte eine große Lebenslust. Das mochten die Leute.Sie haben immer Erwin zu ihm gesagt?Schon lange. Als kleines Kind habe ich Papa gesagt.Wenn Sie ihn als Junge im Film gesehen haben, war er für Sie ein fremder Mann?Ja klar, das wäre auch so, wenn ich mit ihm gelebt hätte. Das ist ein Schauspieler, der Figuren darstellt, sich verkleidet, ein Glasauge hat in "Das kalte Herz", KZ-Kleidung trägt in "Nackt unter Wölfen", Zylinder und Stock als "Lord vom Alexanderplatz". Oder pfeifend über die Landstraße zieht in "Karbid und Sauerampfer".Aber er war immer für Sie präsent?Er folgte mir bis ins Wohnheim im Norden von Moskau, als ich in den Siebzigerjahren dort Regie studierte. Erwin war auch in der Sowjetunion als Volksschauspieler und Antifaschist ein Begriff.Kommt Ihre Liebe zum Film von ihm?Ich glaube nein. Ich war ein sehr zurückgezogenes Kind und habe sämtliche Kinos in Ostberlin abgegrast. Mein liebstes war die Archenhold-Sternwarte, damals auch ein Kino. Ich habe mir alles angeguckt. Alles. Die mussten ja ab drei Zuschauern spielen. Einmal waren wir nur zu zweit, eine alte Frau und ich, und ich bin heulend losgezogen. Da hat die Kartenabreißerin mich zurückgerufen, weil ich so oft da war, und es wurde doch gespielt.Wissen Sie noch, welcher Film?"Agent P 491", das war ein chinesischer Spionagefilm. Solche Filme liefen hier. Durch diese Kinobesuche habe ich auch eine Heimat gefunden. Es war eine sehr warme, geschlossene Fluchtumgebung für mich.Haben Sie mit Ihrem Vater darüber gesprochen, dass Sie Regie studieren wollen?Nein, ich hatte in den Jahren, in denen ich anfing, selbstständig zu denken, kaum Kontakt zu ihm. Damals baute sich diese Geschonneck-Belastung ab.Sie begannen in einer Gegenwelt zu leben, mit Eva-Maria Hagen, Wolf Biermann, Robert Havemann.Ja, nach meiner Armeezeit in Eggesin baute sich diese Gegenwelt auf.Ihr Vater war für die Ausbürgerung Biermanns im Herbst 1976.Ich war damals schon zum Studium in Moskau. Wolf wurde ausgebürgert, und ich wurde abberufen vom Studium und als SED-Mitglied gestrichen, weil ich mich nicht gegen Biermann verhalten hatte. Ich hatte nichts unterschrieben, aber ich sollte etwas gegen ihn schreiben. Natürlich wusste ich, dass Erwin empört über den Auftritt Wolf Biermanns in Köln war und für die Ausbürgerung, es stand ja im "Neuen Deutschland".Sie waren zu dieser Zeit weit voneinander entfernt?Sehr weit voneinander entfernt, in jeder Beziehung. Wir hatten aber nie ein Auditorium, darüber zu streiten, weil wir gar keinen Kontakt hatten.1978 sind Sie in den Westen gegangen. Wie hat Ihr Vater reagiert?Das habe ich erst viele Jahre später erfahren. Ich besuchte ihn 1985 in Ostberlin im Krankenhaus und war sehr gespannt, ob er mich überhaupt empfangen würde. Er hat sich gefreut, dass ich gekommen bin. Da sagte er mir, dass er natürlich dagegen war, dass ich in den Westen ging. Na gut, er konnte mich ja nicht aufhalten. Und dann gab es, ich glaube 1986, in Hamburg noch eine Begegnung, zum 40. Jahrestag der Entnazifizierungsprozesse. Er hatte dort nach dem Krieg ein halbes Jahr in einer Entnazifizierungskommission gearbeitet.Wann haben Sie begonnen, sich mit der politischen Figur Geschonneck zu beschäftigen?Schon früh, ich bin ja damit groß geworden. Die markantesten Stationen waren mir bekannt, 1938/39 die Verhaftung, die Zeit im KZ, Dachau, Sachsenhausen, Neuengamme, Cap Arcona, das war ja fast Pflichtunterricht in der Schule. Aber wirklich beschäftigt habe ich mich damit erst viel später. Das hatte auch mit Biermann zu tun, mit seinem Nachfragen, wie war das damals wirklich: das Exil in der Sowjetunion, die Agitprop-Veranstaltungen. Wurde er an die Gestapo veraten? Hat ihn der sowjetische Geheimdienst NKWD an die Gestapo ausgeliefert?Weiß man das?Er ist verraten worden. Wer wusste denn in der DDR als Schüler, dass es einen Nichtangriffspakt gab zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland? Wer wusste, dass am 1. September 1939 die Wehrmacht in Polen einmarschiert ist und zwei, drei Wochen später die Rote Armee ebenfalls. Wer wusste, dass sie sich sozusagen Polen aufgeteilt haben, und als sie sich begegneten, gemeinsame Militärparaden abgehalten haben. Darüber hat er, der treue Parteisoldat Geschonneck, natürlich nie geredet. Biermann hinterfragte. Er fragte nach den Moskauer Schauprozessen 1936, nach den Vorgängen im Hotel Lux in Moskau, nach den Millionen Toten durch Stalins Säuberungen.Hat Geschonnecks Schweigen Ihnen den Vater fragwürdig gemacht?Nein. Mein Respekt und meine Ehrfurcht vor einem Mann, der sieben Jahre KZ erlebt hat, waren da. Das sind Dinge, die für uns unvorstellbar sind. Ich habe mit ihm später versucht, darüber zu reden. Er hat mir sehr glaubhaft gesagt, dass er das eigentlich gar nicht kann. Weil man es sich nicht vorstellen kann. Er schrieb in seinen Memoiren ein paar "Anekdoten" darüber. Aber was sich dahinter verbirgt, das ist so unheimlich und unvorstellbar, dass man es nur ahnen kann.Ist dieser unerschütterliche, fast religiöse Glaube Erwin Geschonnecks an die Sache des Kommunismus für Sie nachvollziehbar?Ich glaube, dieser Glaube trug dazu bei, dass er so alt werden konnte. Erwin hat nie "an der Sache" gezweifelt. Ein politisches Andersdenken, wie wir es von Havemann oder Biermann kennen, kam für ihn einfach nicht in Frage.Haben Sie nach dem Mauerfall über Glauben, Andersdenken, Parteidisziplin geredet?Nein. Er war da ja schon ziemlich alt. Warum sollte ich ihn provozieren? Ich konnte mir viele Sachen bei ihm erklären, ob ich die nun gut fand oder nicht, mein Gott. Ich fand vieles, was hier in der DDR passierte, unmöglich, aber erst, nachdem ich solche Leute wie Havemann und Biermann kennengelernt und mit denen eine wichtige Zeit meines Lebens verbracht hatte.Das muss für Sie eine schwere Zeit gewesen sein, zerrissen zwischen den Fronten.Es war ein großes Risiko. Risiko für einen großen Gewinn. Aber auch eines unglaublichen Verlustes, Risiko des Absturzes. Das musst du mit dir ausmachen und selber tragen. Zu dieser Erkenntnis bin ich aber erst später gekommen. Sie gab mir dann auch die Möglichkeit, mit so einem fest betonierten Mann wie Erwin umgehen zu können, aber nicht pausenlos die Kardinalfrage zu stellen. Eine ernsthafte und harte Auseinandersetzung, die hatte ich mit meinem Stiefvater Gerhard Scheumann, (bekannter Dokumentarfilmer - die Red.), der sich viel differenzierter und viel empathischer mit diesem System auseinander setzte. Und dabei selber viel verlor.Was heißt, er verlor?Er hat nach der Wende aufgegeben, glaube ich. Er hatte keine Kraft mehr. Auch vielleicht aus einer gewissen Scham über den eigenen Opportunismus. Das war sehr schade, weil Leute wie er, die sensiblen Intellektuellen, die kostbarsten gewesen wären, sich mit dem jetzigen Gesellschaftszustand auseinander zu setzen. Da vermisse ich meinen verstorbenen Stiefvater sehr.Wie sind Sie Ihrem Vater nach der Wende begegnet?Es begannen vorsichtige Annäherungsversuche. Ich war gerade auf dem Weg, langsam meinen Beruf auszuüben. 1994 drehte ich mit Will Quadflieg einen Film zu seinem 80. Geburtstag. Mit so einem bürgerlichen Schauspieldenkmal einen Film zu machen, das war eine große Ehre. Danach kam eine ORB-Redakteurin auf die Idee, so etwas auch dem Geschonneck zu schenken und fragte mich, ob ich das mache. Ich hätte nie gedacht, dass Erwin das will. Sie haben ihn gefragt, und er hat ja gesagt. Es kamen nur drei Autoren in Frage - Wolfgang Kohlhaase, Jurek Becker und Ulrich Plenzdorf. Die wurden alle drei abgefragt, Plenzdorf war sofort dabei, setzte sich hin, nahm sich Schlesingers Roman "Matulla und Busch" und fing an, das Drehbuch zu schreiben. Ich ging zu Erwin, sagte, Mensch Erwin, find ich ja gut, dass du mitmachst. Ja, find ich auch gut, sagte Erwin, wir machen jetzt einen Film - der erste Teil mein politisches Leben, der zweite mein künstlerisches Leben. Ich sagte, Erwin, Moment mal, es geht nicht um den 100. Film über dein bewegtes Leben, sondern da sitzt der sehr honorige Ulrich Plenzdorf und schreibt einen Film, in dem du die Hauptrolle spielen sollst. Kann ick nich, sagte Erwin. Dit jeht nich. Ich kann ja nich loofen. Ich sage, na gut Erwin, dann setzen wir dich in den Rollstuhl, können wir doch alles machen. Ja, aber der vülle Text ... Das kriegen wir auch hin, Erwin, sage ich. Ick mach dit nich mehr, ick hab jetzt neun Jahre nich jedreht. Ich sage, komm, hör doch auf, Erwin, du hast gesagt, du machst einen Film. Ja, dit is ein Missverständnis. Ich sage, na prima, jetzt geh ich wieder los zu den Leuten vom Fernsehen und zu diesem Plenzdorf und sage, der soll aufhören, der ist vielleicht schon fertig. Na jut, worum jeht's denn in dem Film? Ich sage, na ja, da ist so ein Altersheim, da ist ein Mann, und der hat einen Freund, einen Kartenspieler, dann erbt der plötzlich ein Haus in Berlin, kommt nach Berlin auf sehr abenteuerliche Weise, beide haben kein Geld, und dann trampen sie auch noch, und dann suchen sie in Berlin, und nach der Odyssee kommen sie zu ihrem Haus, und das Haus ist hoch und es ist alt und es ist besetzt. Kann nur ick spielen!, sagt Erwin. Also gut Erwin, dann machen wir den Film? Jut, dann machen wir den Film. Sag mal Matti, und wie is denn dit mit der Gage? Mensch Erwin, das kannst du mich doch nicht fragen! So begann unsere sehr entspannte, aber dynamische Zusammenarbeit, die sich dann ein Jahr hinzog. Die Dreharbeiten waren sehr konzentriert, sehr witzig, nie langweilig.Und, konnte er sich den Text merken?Er hat sich sehr angestrengt. Klar, er war damals schon 89, und es war sehr viel Text. Erwin ist ein sehr disziplinierter Schauspieler und hat das hingekriegt. Manchmal auf sehr ulkige Art, indem er die Texte heimlich auf den Schoß legte. Ich fragte ihn, was er denn da suche, die Kamera sei hier oben und nicht da unten. Erwin: Na ja weeste, ick kann ja so kieken, ick kiek nach oben, und dann kieck ick hier mal so runter, als ob ick nachdenke, und dann kieck ick wieder hoch. Mensch Erwin, hör doch auf mit der Scheiße, ich sehe doch, dass du da was liest, ja. Wir haben das dann eben satzweise gedreht, das ging schon.Wie war das, das erste Mal mit dem berühmten Vater zu drehen?Auf eine erstaunliche Weise selbstverständlich. Dass es mehr Verbindungen gab und Ähnlichkeiten, als wir dachten, das war auch für ihn trotz des hohen Alters eine Freude und Überraschung. Wir waren jetzt nicht ein Herz und eine Seele im melodramatischen Sinne, aber wir waren uns eins. Das hat sich bis heute gehalten.Ist die Titulierung "später Vater" von ihm?Das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls ist er der späte Vater, aber es ist nicht zu spät.------------------------------Erwin GeschonneckAm 27. Dezember 1906 wurde Erwin Geschonneck in Ostpreußen geboren. Er wuchs in der Berliner Ackerstraße auf. 1919 trat er in die KPD ein.1933 ging Geschonneck ins Exil. 1938 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen, in Prag von der SS verhaftet und kam ins Konzentrationslager.Er gehörte zu den Überlebenden der Häftlinge auf dem KZ-Schiff Cap Arcona, das nach Bombardierung unterging.1949 holte ihn Bertolt Brecht ans Berliner Ensemble. Bekannt wurde er durch zahlreiche Hauptrollen in Defa-Filmen. Seinen letzten Film drehte er 1995 mit "Matulla und Busch" unter der Regie seines Sohnes Matti.------------------------------Matti GeschonneckAm 8. Mai 1952 wurde Matti Geschonneck in Potsdam geboren. Er wuchs bei seiner Mutter und dem Ziehvater Gerhard Scheumann in Berlin auf.Er studierte mehrere Jahre am Eisenstein-Institut in Moskau Filmregie. Nach der Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann verließ Geschonneck 1978 die DDR; nicht zuletzt, da er seiner Liebe Eva-Maria Hagen in den Westen folgen wollte.Als eigenwilliger Fernsehregisseur, der vorwiegend spannende Psychodramen mit genauen Milieuschilderungen und Charakterstudien drehte, machte er sich einen Namen.Matti Geschonneck lebt in Berlin.------------------------------Foto (3)INTERVIEW: REGINE SYLVESTER UND THOMAS LEINKAUF