Hans Neuenfels gibt mit "Lady Macbeth von Mzensk" von Dmitri D. Schostakowitsch sein Debüt an der Komischen Oper Berlin. Schostakowitsch schrieb mit diesem Stück eine leidenschaftliche Anklage erstickender sozialer Verhältnisse. Die Sehnsucht der jungen Gutsbesitzerfrau Katerina Ismailowa nach menschlichem Glück treibt sie zu Lüge, Mord und schließlich in den Untergang. Gemeinsam mit dem russischen Dirigenten Vassily Sinaisky bringt Neuenfels die wiederhergestellte, unbeschönigende Erstfassung der Oper von 1932 in einer zeitgenössischen Aufführung auf die Bühne."Macbeth" von Verdi haben Sie schon inszeniert, nun kommt Schostakowitschs "Lady Macbeth" dran. In England heißt es, man lade einen Fluch auf sich, wenn man diesen blutigen Stoff aufgreift.HANS NEUENFELS: Ja, aber als ich 1976 "Macbeth" in Frankfurt gemacht habe, war das kein Fluch. Es war meine zweite Verdi-Oper. Danach kamen wunderbare Begegnungen mit Verdis "Aida", "Troubadour" und "Nabucco". Es wurde eigentlich immer schöner.Wo liegt für Sie der Unterschied zwischen Shakespeares Lady Macbeth und Nicolai Leskows Katerina Ismailowa? Ist die eine von Kalkül getrieben und die andere von Leidenschaft?Ich glaube, beide haben eine Leidenschaft. Lady Macbeth hat bei Shakespeare und auch bei Verdi die Leidenschaft zur Macht. Und das ist etwas ganz anderes als die Leidenschaft, die die Lady von Schostakowitsch antreibt. Sie versucht sich einfach zu realisieren. Sie ist in einer unmöglichen Situation, wird belauert, fast gefangengehalten, ihres Lebens beraubt. Und dann hat sie "Unfälle". Die Taten der Lady sind Unfälle der Existenz. Es geht da nicht so sehr um Schuld oder Sühne, sondern sie gerät in einen Teufelskreis. Sie haben angekündigt, dass Sie den feministischen Ansatz Schostakowitschs aufgreifen wollen. Aber es ist ein sehr schwarzes Stück, und so, wie es komponiert ist, bleibt nur wenig Utopie.Die utopischen Momente liegen in den Zwischenspielen, denke ich. Und dann kommt es darauf an, in welches Gefälle man das Zusammensein zwischen Katerina und Sergej bringt. Es ist auch sehr aufregend, dass es ein ständiger Kampf dieser Frau ist. Sie kriegt wenig und was sie bekommt, ist auch Täuschung. Aber sie versucht immer wieder, etwas heraus zu zerren. Und dieser Kampf, das ist kein intellektuelles Emanzipieren, sondern es ist die Leidenschaft dieser Existenz. Der Kampf um das Glück. Und das berührt einen. Bisherige Inszenierungen waren immer einem naturalistischen Realismus verpflichtet. Wie wollen Sie den aufbrechen?Auf jeden Fall werden wir verschiedene Zeiten berühren. Abgesehen davon, dass wir russische Zitate bringen, werden wir auch die Welt zusammensetzen, also auch Shakespeare-Zitate in den Kostümen haben. Denn die Versatzstücke, die Schostakowitsch auch bringt, sind gleichzeitig szenische Versatzstücke im Denken dieser Figur. Die Figur setzt sich zusammen. Das finde ich auch ein bezeichnendes modernes Moment. Durch sie gehen Zeiten hindurch. Deswegen ist der Naturalismus, von dem sie eben sprachen, nicht da, hoffe ich. Es wird weiterhin eine Parabel sein. Man hat den Eindruck, dass es für junge Regisseure, die heute eine Oper inszenieren, heute fast eine Empfehlung ist zu betonen, dass sie keine Ahnung von Oper haben. Ja, (lacht) am besten sollte man doch 16-jährige Opern machen lassen. Nein, also wirklich. Das ist eine der geschmacklosesten Formen einen Beruf zu denunzieren. Kein Arzt würde sagen, ich operiere nur nach Eingebung, eigentlich weiß ich gar nicht, wo der Blinddarm liegt. Das ist noch nicht mal Zynismus. Das ist blanke Dummheit. Außerdem ist es gefährlich, denn wenn die Öffentlichkeit denkt, dass nichts geleistet werden muss, dann kann ja auch eingespart werden. Nein, zum Opernmachen gehört Übung und Erfahrung, damit man diese Weite des Blicks hat, damit man ein Werk ganz durchdringen kann. Als ich meine erste Oper inszenierte, "Troubadour" 1974 in Nürnberg, da haben wir durchgesetzt, dass wir zwei Monate probieren durften, was damals ungewöhnlich lange war. Wir haben uns zweieinhalb Monate mit den Schallplatten und mit den Noten hingesetzt und uns gefragt: Was ist das für eine musikalische Form? Warum steht das so da? Deswegen habe ich auch in Nürnberg angefangen. Ich hatte eine lange Schulung hinter mir, bevor ich an die repräsentativen Häuser gekommen bin. Das Gespräch führten Antje Kaiser und Antje Schmelcher.------------------------------Lady Macbeth von Mzensk Oper in drei Akten von Dmitri D. Schostakowitsch. Musikalische Leitung: Vassily Sinaisky, Inszenierung: Hans Neuenfels, Bühnenbild: Gisbert Jäkel, Kostüme: Elina Schnizler, Licht: Franck Evin, Dramaturgie: Antje Kaiser, Chöre: Robert Heimann. Mit Jens Larsen (Boris Timofejewitsch), Andreas Conrad (Sinowij), Anne Bolstad (Katerina), Jürgen Müller (Sergej), Beatrice Niehoff (Aksinja/ Zwangsarbeiterin), Christoph Späth (Der Schäbige), James Creswell (Pope), Carsten Sabrowski (Polizeichef), Klemens Slowioczek (Alter Zwangsarbeiter), Caren van Oijen (Sonjetka). Chorsolisten und Orchester der Komischen Oper Berlin.EINFÜHRUNGS-MATINEE 14. November, 11 Uhr mit dem Regieteam u. a. Mitwirkenden. PREMIERE 21. November, 19 Uhr. Weitere Aufführungen 27. & 30. November, 4. Dezember, 5. & 14. Januar, 17., 25. & 28. Juni, 8. Juli.Kartentelefon: (030) 47 99 74 00www.komische-oper- berlin.de------------------------------Foto: Klirrende Kälte. Eingeschnürte Existenzen. Mörderin aus Gier nach Leben. Die unerfüllten Begierden der Katerina Ismailowa: Anne Bolstad als Katerina, Andreas Conrad als Sinowij und Jens Larsen als Boris Timofejewitsch (v. l.).