Zwischen Yorkstraße und Monumentenstraße spannt sich das äußerste nördliche Dreieck der "Schöneberger" oder "Roten Insel". Zu Zeiten der Weimarer Republik war sie bekannt für gute Wahlergebnisse der Kommunisten. Aber das "Rot" bezieht sich mehr auf die südlich der Monumentenstraße gelegenen Hinterhofkasernen aus den 1890er Jahren. Die Inselspitze hingegen ist ein eher kleinbürgerliches Quartier, errichtet um 1900, 1910, vor allem für Facharbeiter und Angestellte. Vorsichtige Jugendstildekorationen an den Fassaden, altdeutsch geneigte Ziegeldächer über Erkern, grüne Wandfliesen in den Eingängen. Der Bautzener Platz ist mit einer Pergola geschmückt, an der Ecke lockt ein italienisches Restaurant mit Sprachkursen. Frische Farbe würde gut tun, doch die Fensterrahmen sind meist noch aus weiß lackiertem Holz. Es ist angenehm ruhig hier, mitten in der Stadt, die Bäume sind lichtgrün, die Büsche mandelrosa.Auch in diesen Häusern hat sich ein Teil des Holocaust abgespielt. Nach dem Krieg gegen Frankreich war 1940 die Flucht in die USA fast unmöglich, selbst für diejenigen, die schon ein Visum erhalten hatten. Wie die Stadthistoriker Jonas Geist und Klaus Kürvers detailliert rekonstruierten, stellte die Stadt Berlin deswegen für 220 so festgesetzte jüdische Familien abrissreife Wohnungen an der Katzler- und Großgörschenstraße zur Verfügung. Ein Schritt auf dem Weg in die Lager war auch in Berlin die erzwungene Ghettoisierung in "Judenhäusern".Andere Wohnungen des Viertels, die ursprünglich jüdische Mieter hatten, wurden bereits seit 1938 im Auftrag des "Generalbauinspekteurs für die Reichshauptstadt" (GBI) Albert Speer für "arische" Mieter freigemacht. Die gar nicht so alten Häuser der Schöneberger Insel deklassierten zum Zwischen- und Umsetzquartier. Denn wie der "Völkische Beobachter" am 6. Februar 1938 schreibt: "Vom Bahnhof Yorkstraße gehen wir die Bautzener Straße, über die genau die Achse führen wird, bis zur Monumentenbrücke zurück, die später auch verschwinden muss." Verschwinden soll das Viertel zugunsten einer Umgestaltung der Stadt, die, wenn sie realisiert worden wäre, Berlin zur Welthauptstadt "Germania" gemacht hätte. Die schon seinerzeit oft publizierten Modellfotos und Riesenpläne von Hitlers und Speers Traum prägen bis heute, ohne dass viel darüber gesprochen wird, alle Berliner Planungen.Albert Speer war am 30. Juni 1937 von Hitler zum GBI und damit faktischen Vorgesetzten des Berliner Oberbürgermeisters ernannt worden. Der vorläufige Höhepunkt einer gezielten Karriereplanung des 1905 geborenen Architekten. Seit 1931 Mitglied der NSDAP, empfahl sich Speer 1933 Goebbels und Hitler unter anderem mit der pathetischen, nach modernsten Polit-Werbestrategien gestalteten Feierkulisse für die erste staatliche Feier zum 1. Mai auf dem Tempelhofer Feld. Doch erst nach dem Tod des von Hitler eigentlich bevorzugten Münchner Architekten Ludwig Troost 1934 begann der Aufstieg Speers zum Herrn über alles Bauen im Reich, zum Herrn der Wiederaufbauplanungen, der Rüstungsindustrie, der Zwangsarbeiterwirtschaft. 1938 übernimmt er das noble Haus der Akademie der Künste am Pariser Platz als Dienstsitz, diskret sind die Modellsäle durch die Ministergärten für Hitler und seine Minister zu erreichen.Immer wieder bewunderte Hitler hier die Modelle, sah sich selbst als Weltenbauer. Das größte Umgestaltungsprogramm und die schönste Stadt aller Zeiten sollten entstehen, die monumentalsten Gebäude, prächtigsten Fassaden, breitesten Straßen, weitesten Plätze, riesigsten Hallen und Kuppeln, höchsten Säulen. 120 Meter breit sollte die große Nord-Süd-Achse werden. Wie Speer überlieferte, war es für Hitler vor allem entscheidend, dass sie 20 Meter breiter werde als die Champs Elysée. Meiner-ist-Größer-Verhalten, das die ganze Germania-Planung prägt: Die Kuppel der 300 Meter hohen Großen Halle, die Hitler und Speer seit dem Sommer 1936 planten, sollte von Pfeilern getragen werden, mit zwanzig Metern so hoch wie ein Mietshaus. Der Petersdom wäre daneben ein Kirchlein geworden, das Brandenburger Tor zur Stadtdekoration. Wer über Germania nachdenkt, der lernt, Superlative streng dosiert zu gebrauchen. Denn alles an diesen Planungen war gewaltig, riesenhaft, gigantisch bis hin zu den Quadratmeter großen Zeichnungen.Ein Organisationstalent war der Architekt zweifellos, gut ausgebildet - Speer ist einer der wenigen in den Nazi-Führungsetagen mit akademischem Hintergrund gewesen - selbstbewusst, ehrgeizig und diplomatisch. Er konnte Mitarbeiter begeistern und Aufgaben delegieren, ließ 1936 Ernst Neufert, einen Schüler des Bauhaus-Gründers Walter Gropius, mit der "Bauentwurfslehre" das bedeutendste Architekturhandbuch des 20. Jahrhunderts schreiben, und schwelgte doch selbst in neuklassizistischen Säulenreihen. Zeitweilig wurde er, zum Ingrimm von Goebbels, Göring und Himmler, als Kronprinz des "Führers" gehandelt. Speer plant die räuberische Ausbeutung Europas, weiß vom Holocaust, nutzt schamlos den Terror, um das Letzte aus Zwangsarbeitern herauszupressen.Das Denkmal seiner Arbeit schlechthin steht im National Air- and Space-Museum in Washington D.C.: Eine fast vollständig erhaltene V 2-Rakete. Trotz des Bombenkriegs und der nahenden Niederlage gelang es Speer, den Bau des Stollens Mittelbau-Dora bei Weimar durchzusetzen, in dem diese Waffe seit 1944 gefertigt wurde. Zehntausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge starben für die unterirdische Waffenfabrik. Leider gibt es in der Ausstellung keinerlei Hinweis auf diese Geschichte. Die V 2 ist hier kein Dokument der NS-Geschichte, sondern ein technisches Denkmal, eine Vorform der amerikanischen Mondraketen. Sie könnte genauso gut, ja besser, im benachbarten Holocaust-Museum stehen.Solchen Verdrängungen, Aussparungen, Ignoranzen verdankte Speer nach 1945 sein Leben. Zwanzig Jahre saß er zwar als Kriegsverbrecher in Spandau. Doch er wurde nicht, wie es nach den Maßstäben des Nürnberger Prozesses angemessen gewesen wäre, hingerichtet. Zu sehr, das sahen die Richter später selbst, waren sie seinem Redetalent verfallen, auch und vor allem aber seiner demonstrativen Reue. Speer war einer der wenigen, die nicht ununterbrochen sagten, dass sie von nichts gewusst hätten und ein kleines Licht gewesen seien. Über den Holocaust, die Zwangsarbeiterlager, über Mittelbau-Dora wollte auch er allerdings nichts gewusst haben. Doch war es sein Amt gewesen, das die Reihenfolge bestimmte, in der die Berliner Juden deportiert wurden. Er selbst hatte gefordert, ihre Wohnungen möglichst schnell freizumachen. Speer besuchte Auschwitz und Mittelbau-Dora, er kannte das System der Lager, seine Bauprojekte sind nicht ohne deren Zulieferdienste, deren billig produzierte Materialien, deren Arbeiter denkbar. Doch die Legende vom verführten Künstlerarchitekten, die auch seine beim Erscheinen 1969 sensationellen Memorien durchwebt, hielt bis zu Speers Tod 1981. Er durfte sogar noch den Versuch von Kunsthistorikern wie Lars Olof Larson und Architekten wie dem Luxenburger Rob Krier erleben, seine Germania-Planungen unter rein ästhetisierendem Blickwinkel postmodern neu zu entdecken.Denn Speer war die ideale Identifikationsfigur einer ganzen Generation. Tief hatte sie sich in das System verstrickt, von ihm profitiert. Speer lieferte eine plausible Erklärung, warum alle bürgerlichen Bindungen nachgegeben hatten. Er zeigte, dass man verführt werden konnte durch den Magier Hitler, er erklärte, warum es Spaß gemacht hatte, beim BDM und bei der HJ gewesen zu sein, sich von den verstaubten Meinungen der Alten zu befreien, zu modernisieren. Germania wurde entwickelt von jungen Architekten, geplant von jungen Ingenieuren. Es war der Traum einer neuen Welt, geträumt von Männern, die durch keinerlei Hemmung gegenüber der alten Stadt, der alten Welt gezeichnet waren. Speer legitimierte, warum es eine Lust gewesen war, in einer solchen Epoche zu leben, und warum es nach deren Zusammenbruch möglich war, ungebrochen weiterzumachen: Hitler und die Seinen wurden zum unerklärlich Bösen, von dem man sich befreien konnte.Architektonisches Symbol dieses Bösen, dieser Verirrung, wurde Germania. Bis in die neunziger Jahre hinein behaupteten Architekturhistoriker mit Blick auf die Fotos der Großen Halle, "Nazi-Architektur" sei künstlerisch, also auch moralisch schlecht und damit per se unmodern gewesen. Sie ignorierten, damit diese These aufrecht erhalten werden konnte, systematisch die Planung der "aufgelockerten Stadt" der Nachkriegszeit, die unter Speer begonnen hatte, die Industriearchitektur und das ungebrochene Fortleben der Einfamilienhausideologie und des Automobilwahns. Ohne Speers viele Mitarbeiter wäre nach dem Krieg der Wiederaufbau Deutschlands weder in Ost noch in West denkbar gewesen, und sie nahmen ihre Kenntnisse, ihre Überzeugungen mit in die neue Zeit, auch wenn sie mit anderen, modernen Formen ummantelt wurden.Denn ein, wie auch immer geartetes, Germania, das sollte niemals wieder entstehen. Darüber bestand und besteht bis heute tiefe Einigkeit - und der Verweis auf Ähnlichkeiten zu Speers und Hitlers Planungen ist immer noch geeignet, Projekte rhetorisch zu disqualifizieren. Germania wurde zum Dauertrauma der deutschen, vor allem aber der Berliner Städtebau- und Architekturdebatte. In den fünfziger Jahren waren es vor allem zwei Projekte, die sich dezidiert distanzierten von Germania: Leicht erkennbar als ihr Gegenbild ist das West-Berliner Hansaviertel. Seit 1954 als Bauausstellung geplant, errichteten hier Architekten aus aller Welt das Modellquartier des International Style. Zwar fehlte ihnen jedes Bewusstsein dafür, dass diese Planung eines aufgelockerten - und damit bombensicheren - Quartiers durchaus in die Theorien von Speers Wohnungsbaubüros gepasst hätte. Auch will sich keiner erinnern, dass das alte Hansaviertel ein bevorzugt von Juden bewohntes Quartier gewesen, die nahe Synagoge am Lewetzowufer eine der Zwischenstellen bei der Deportation war. Doch dafür hat man den Elan, eine adäquate Architektur für ein neues, modernes, individualistisches, offenes Deutschland zu errichten. Die Qualität der Einzelbauten ist herausragend, die Wohnungen vor allem der von den Skandinaviern Alvar Aalto, Sten Samuelson und Arne Jacobsen errichteten Häuser prägen den Geschmack des Bürgertums bis in Ikea-Zeiten.Das andere Gegenmodell zu Germania ist schwerer zu erkennen: Die nach sowjetischem Vorbild geplante einstige Stalin-, heutige Karl-Marx- und Frankfurter Allee, das wichtigste Bauprojekt der frühen DDR. Ihre monumentalen Großwohnblöcke, die straffe Reihung der Lampen, das Übermaß der Straßenbreite, die neuklassizistischen Dekors der Fassaden, selbst der Massenkult scheinen den Speerschen Planungen nahe zu sein. Genau das warfen auch die westlichen Architekten den DDR-Kollegen vor. Doch schon die asymmetrische Komposition des Straßenschnitts verrät den ideellen Unterschied zwischen beiden Straßen: Auf der einen Seite ist die Stalinallee eher eine langgestreckte Gartenanlage als eine Paradeachse. Die Nord-Süd-Achse war als reiner Ort der Macht geplant - die Stalinallee ist ein Wohnort mit staatlichem Dekor. Die Große Halle war der endzeitliche Focus, auf den alles gelenkt wurde, der Stalinallee fehlt ein solches Ziel, auch das lange geplante Parteihochhaus hätte nicht in ihrer Achse gestanden. Sie ist mit ihren schier endlosen Wänden und großen Perspektivöffnungen am Strausberger Platz und am Frankurter Tor geradezu ein Symbol für den Glauben an immerwährenden Fortschritt der marschierenden Massen. Das gesellschaftliche Ideal ist nicht weniger totalitär als das Speers, aber ungleich zukunftshoffender.Am 14. Juni 1938 wurde mit dem Bau der Nord-Süd-Achse begonnen, nahe der alten Potsdamer Brücke der Grundstein für das "Haus des Fremdenverkehrs" als erster Teil des so genannten "Runden Platzes" gelegt. Dass ausgerechnet dieses Haus zuerst entstehen sollte, passt zu neueren Thesen des Historikers Götz Aly über die egalisierende Wohlfahrtsdiktatur Hitlers. Denn um es errichten zu können, mussten viele Grundstücke im bis dahin elitären Tiergartenviertel angekauft, die berühmten Stadtvillen des gehobenen Berliner Bürgertums abgerissen werden. Zwar wurde das Gebäude niemals vollendet, doch kurz vor der Sprengung des Rohbaues machte es 1961 noch Karriere als Filmkulisse: In Billy Wilders einzigartiger Kalter-Kriegs-Komödie "Eins Zwei Drei". Vielleicht erinnern Sie sich an Liselotte Pulvers rasanten Säbeltanz auf dem Hoteltisch. Nach diesem Tanz jagt ihr Chef, der Coca-Cola-Manager McNamara (James Cagney) mit dem glücklich wieder aus der Stasi-Haft und von Schallplattenfolter ("Itzi Bini Strandbikini")befreiten Jungkommunisten Otto Ludwig Piffl (Horst Buchholz) im Mercedes vor den um die Sekretärin betrogenen russischen Managern davon. Das Auto kurvt dabei durch eine gewaltige Betonruine - eben das Haus des Fremdenverkehrs.Den Zeitgenossen war klar, das Wilder hier Ursache und Wirkung des Kalten Krieges verband. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass er von der großen Verdrängung Germanias aus dem Berliner Stadtplanergedächtnis schon gehört hatte, die zu dieser Zeit ihren Anfang nahm. Denn das Haus des Fremdenverkehr stand etwa dort, wo heute die Neue Staatsbibliothek Hans Scharouns und Edgar Wisniewskis steht.Ohne Speers Große Achse gäbe es das Kulturforum nicht. Für die Achse wurden jene Grundstücke des östlichen Tiergartenviertels gekauft oder von jüdischen Besitzern enteignet, die seit den frühen sechziger Jahren und nach Entschädigungsleistungen für kulturelle Nutzungen in immer neuen Anläufen verplant werden konnten. Aber es waren auch ideelle Gründe, die verlangten, dass genau auf der Linie der Achse deren Negierung stattfinden musste.Hans Scharoun entwickelte dafür mit seiner sich auffaltenden "Stadtlandschaft" die genaue städtebauliche und architektonische Antithese zu Speers Achsen- und Kantenglauben. Offen sollten sich die Menschen auf einer locker die Bauten mit dem Tiergarten verbindenden "Piazza" begegnen. Das Ergebnis dieser Entnazifizierung des Stadtzentrums befriedigt bekanntlich nur bedingt: Bauten wie die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe oder die Philharmonie Scharouns stehen in jedem ordentlichen Lexikon, die Staatlichen Museen hingegen sind mit ihren von Rolf Gutbrod entworfenen Bauten eher geschlagen. Auch sie waren vor allem einmal als Antithese gedacht, einerseits zu den prachtvoll-historistischen Häusern auf der Museumsinsel, andererseits zu den gigantischen Museen, die der Architekt Wilhelm Kreis für Hitler nahe der Museumsinsel plante. Diese sollten all die Schätze aufnehmen, die die Nazis in Europa und in neuen überseeischen Kolonien noch rauben wollten. Doch Gutbrod war nicht so stark wie Scharoun, sein Experiment einer demokratischen, organischen Museumsinsel misslang.Immer wieder wurde deshalb debattiert, diese Stadtlandschaft zu "korrigieren", lange trotz vieler Entwürfe folgenlos. Selbst noch die seit 1984 entworfene, ganz traditionell gestaltete Neue Gemäldegalerie versteckt sich so sehr im Hintergrund, dass man sie durchaus auch als Fortsetzung der Anti-Speer-Ideen Scharouns betrachten kann. Es brauchte das Selbstbewusstsein des wiedervereinten Deutschlands, um wirklich eine Widerlegung von Scharoun zu fordern: Nach den neuesten Plänen sollen die freigestellte Matthäikirche wieder straff durch Häuser gefasst, die zerfaserte Struktur der Museen mit großen Randbebauungen geordnet werden. Und in den Debatten um die Gestaltung des Museumsvorplatzes, der so genannten "Piazetta", wird gerufen, die Architektur müsse sich nach Jahrzehnten der "Enthaltsamkeit" wieder monumentaler Formen, Säulenkolonnaden und kraftvoller Gebälke bedienen dürfen.Es sind allerdings fast nur Berliner Architekten, so der Senatsbaudirektor Hans Stimman oder Hans Kollhoff, die nach mehr Monumentalität, Kraft, Stärke in der Architektur verlangen. Aus München oder Hamburg hört man solche Forderungen selten, aus Stuttgart oder Frankfurt nie. Dort wird die Tradition der westdeutschen Nachkriegsmoderne mit ihrem vielbewunderten Hang zur leichten Formen, viel Glas und Stahl, ein wenig High-Tech und demonstrativer Absage an alle Monumentalität fortgeführt. Längst ist sie zu einer neuen Nationalsprache geronnen. Nur in Berlin verlangt man nach mehr, und auffällig ist, dass wieder genau jene Vorbilder beschworen werden, die auch Speer und seine Kollegen animierten: Der harte Frühklassizismus Friedrich Gillys - nicht etwa die heitere Note des Brandenburger Tores von Langhans - und die Strenge Schinkels. Warum nicht der rauschende Barock Schlüters, die bunte Moderne Bruno Tauts, die zarte Eleganz der Nachkriegsarchitektur Paul Baumgartens? Weil sie nicht das können, was das Ziel aller monumentalen Architektur ist: die inneren Wiedersprüche einer Gesellschaft und Kultur mit einem gemeinsamen utopischen Ziel überwölben. In Berlin sucht man wieder nach "dem" Berlinischen, nach dem einheitlichen Ausdruck, auch wenn alle Elemente unserer Kultur dagegen opponieren. Dass auch dieses trotzige "Wir wollen wieder" nur eine Reaktion auf die Verdrängung Germanias aus dem Gedächtnis ist - das zu erkennen, braucht man keinen Tiefenpsychologen.Berlin kommt nicht zu Rande mit seinem Erbe. An der General-Pape-Straße steht ein gewaltiger runder Betonklotz, 40 000 Tonnen schwer. Er wurde gebaut, um den Druck des von Hitler gewünschten Triumphbogens auf den märkischen Sand zu simulieren. Ein Fremdkörper in der Stadt, erklärungslos, aber wegen seiner Masse auch nicht zu entfernen. Am besten kann man ihn von der Kolonnenbrücke aus sehen. Sie spannt sich über jenes Eisenbahngelände, das vor allem für die große Achse verplant wurden. Überall in Deutschland arbeitet die Deutsche Bahn seit einem Jahrzehnt daran, ihre oberirdischen Liegenschaften gewinnbringend zu vermarkten. Nur in Berlin wagt man nicht (zum Glück für die gute Luft und die vielen Biotope, die sich auf diesen Geländen entwickelt haben), Häuser und Türme auf die Zufahrten der einstigen Sackbahnhöfe zu zeichnen. Vielleicht auch, weil die Erinnerung an Speers Achse wieder hochkommen könnte.Die Kirche des Tiergartenviertels war St. Matthäus. Heute steht sie ohne Gemeinde auf dem Kulturforum. Nur der Friedhof ist geblieben. Jener Friedhof, den man von der Großgörschenstraße in Schöneberg aus erreicht. Auf dem die Gebrüder Grimm, der Arzt und große Liberale Rudolf Virchow, der Meiereibesitzer Julius Bolle, der Achitekt Alfred Messel liegen, der für Juden und Kaiser Wilhelm II. baute. Ihre Gräber sind gut erhalten. Scharf trennt sie eine Kante vom unteren Teil des Friedhofes, wo nur neue Gräber liegen und das Denkmal für die verstreute Asche der hingerichteten Attentäter des 20. Juli 1944 steht. Die alten Gräber in diesen Parzellen wurden seit 1938 für Speers und Hitlers Nord-Süd-Achse beseitigt. Selbst die Toten mussten dem neuen Geist weichen.------------------------------Fotos (3) : Nur Abdrücke von Treppen blieben von Speers Atelier im Haus der Akademie der Künste am Pariser Platz. Hier wurde Germania mit der 300 Meter hohen Großen Halle (links) geplant, neben der das Brandenburger Tor zur Stadtdekoration verkommen wäre.40 000 Tonnen wiegt der Großbelastungskörper an der General-Pape-Straße. Mit ihm wurde getestet, ob der von Hitler seit 1924 in Skizzen erträumte Riesentriumphbogen (unten) überhaupt auf märkischem Sand stehen kann. 20 Zentimeter ist der Betonklotz seit den Vierzigerjahren eingesunken.Scharf geteilt ist der Friedhof der St. Matthäus-Gemeinde in Schöneberg: Die untere, nördliche Hälfte wurde für den Bau von Germanias Straßen geräumt und nach dem Krieg neu belegt. Nur die obere, südliche Hälfte überlebte mit ihren bürgerlichen Prachtgräbern den Wahn von Achsen und Plätzen, die an Stelle von Berlin entstehen sollten.------------------------------(KORREKTUR - Im Magazin-Text von Nikolaus Bernau "Der lange Schatten von Germania" wird versehentlich festgestellt, dass Albert Speer Auschwitz besucht habe. Auch wenn Speer unter anderem Bauarbeiten in Auschwitz-Birkenau genehmigt hat, ist ein persönlicher Besuch bisher nicht belegt. Aus drucktechnischen Gründen konnte der Fehler nicht mehr korrigiert werden. Wir bitten das zu entschuldigen. - 30.04.2005)KORREKTUR- Im Magazin-Text von Nikolaus Bernau "Der lange Schatten von Germania" wird versehentlich festgestellt, dass Albert Speer Auschwitz besucht habe. Auch wenn Speer unter anderem Bauarbeiten in Auschwitz-Birkenau genehmigt hat, ist ein persönlicher Besuch bisher nicht belegt. Aus drucktechnischen Gründen konnte der Fehler nicht mehr korrigiert werden. Wir bitten das zu entschuldigen.