Es gab in der DDR keine Umweltverschmutzung. Umweltverschmutzung gibt es in imperialistischen Staaten, notwendigerweise. Denn der Imperialismus ist "verderbenbringend", er schadet den Menschen, den Völkern und der Natur. Die DDR aber stand immer im "leidenschaftlichen Haß gegen den Imperialismus" und also gegen das Verderben. Das hat Walter Ulbricht gesagt, in seiner Rede zum 50. Jahrestag der Novemberrevolution. Es war die sozialistische Staatsdoktrin für alle Belange: Der Imperialismus ist Schuld, auch an der Umweltverschmutzung. Die DDR dagegen: kein Imperialismus, keine Umweltschäden. Es war eine Lüge.Vor 40 Jahren richtete die DDR ein Ministerium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft ein. Werner Titel, Vertreter der Deutschen Bauernpartei, war der erste Minister; vier Wochen nach seiner Ernennung starb er. Hans Reichelt folgte ihm; er blieb bis 1990 im Amt. Erst 15 Jahre nach Werner Titel bekam die BRD ihren ersten Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Und schon 1969 wurde in der DDR erstmals eine umfangreiche Analyse über Umweltgefährdungen erstellt.Auf dem Papier war der SED-Staat immer ein Naturschutzmusterland. Die Wirtschafts- und Energiepolitik wusste sich der "Einheit von Ökologie und Ökonomie" verpflichtet, das industrielle Interesse dem Erhalt der Natur untergeordnet. Man hat es verfassungsrechtlich festgeschrieben. Artikel 15, Absatz 2 der DDR-Verfassung von 1968: "Im Interesse des Wohlergehens der Bürger sorgen Staat und Gesellschaft für den Schutz der Natur." Auch deshalb gab es in der DDR offiziell keine Umweltprobleme. Sie sind, siehe oben, eine imperialistische Hinterlassenschaft. Erich Honecker verkündete 1971, kurz nach seiner Wahl zum Erbfolger Ulbrichts im Amt des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands: "Das Leben beweist: Der Imperialismus ist nicht fähig, die Fragen unserer Zeit im Interesse der Völker zu beantworten." Der Imperialismus ist nicht fähig, Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen, für Wohlergehen der Bürger und für den Schutz der Natur zu sorgen. Aber der Sozialismus, aber die DDR. Auch das war natürlich: eine Lüge.Die Lüge wollte, dass der Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 nicht stattgefunden hat. Die Lüge wollte, dass keine Schaumberge auf der Spree schwammen. Dass nirgends im Land sich der Witz erzählt wurde: "Alles ist grau in der DDR, nur die Flüsse sind bunt." Dass es kilometerweit rings um den VEB Chemiekombinat Bitterfeld nicht nach Farben stank. Dass am 1. Februar 1987 zwar in West-Berlin erstmals Smogalarm der Stufe 1 verordnet wurde, in Ost-Berlin aber von "sauberem Dreck" die Rede war. Dass es Mitte der 80er Jahre in der DDR keine 7 437 wilden Mülldeponien gegeben hat und von den 4 870 kontrollierten nur 920 den Vorschriften genügten, zum Beispiel, nicht in Trinkwasserschutzzonen errichtet zu sein. Dass die DDR jährlich keine 5 Millionen Tonnen Müll aus der BRD importierte, vor allem Giftmüll. Dass die Ostsee vor dem Kernkraftwerk Lubmin auch im härtesten Winter nicht zufror, weil kein radioaktiv verseuchtes Kühlwasser ins Meer geleitet wurde. Dass die Wälder nicht, wie in der BRD auch, zu über 50 Prozent krank oder tot waren.Die Lüge war Regierungsmethode in der DDR, in allen Belangen. Jede Lüge ist der Versuch, die Wahrheit zu schänden. Die DDR ist gescheitert daran. Sie ist nicht nur friedlich revolutionierend untergegangen, sondern an ihren Lügen erstickt. Es stank allerorten, aus den Schornsteinen und Flüssen, in den Fabriken und im Wald, auf den Parteitagen und in den Schulbüchern. Es stank überall nach Lüge.Vor Tschernobyl hat es Menschen gegeben, die glaubten, was die Staatslehre vom Kampf wider den bösen Imperialismus zur Verherrlichung des guten Sozialismus predigten. Danach hat es fast niemand mehr geglaubt. Die obersten Staats-Etagen setzten zwar unbeirrt den Imperialismus in den Schuldnerstand, die unteren Staatsvertreter mussten sich aber mit der Wirklichkeit arrangieren. Alles hat seine Widersprüche, besonders im Lügenkokon der DDR.Im Sommer 1986 gab es sehr viel frisches Gemüse in der DDR, auffallend mehr als sonst, aber in der Schule wurde uns gesagt: Esst nicht so viel davon. In den 80er Jahren wurden erstmals Talsperren für den Badebetrieb gesperrt, und beim Kauf einer Angelkarte wurde hinzugefügt: Lieber die Fische nicht essen. Die Schaffner der Deutschen Reichsbahn forderten die Reisenden vor Bitterfeld auf, die Fenster zu schließen;180 Tonnen Flugasche gingen pro Tag über der Stadt nieder. Im Erzgebirge waren nach Tschernobyl plötzlich alle Geigerzähler verschwunden, und an den Bäumen hingen Schilder: "Keine Pilze verzehren". Es waren Fichten, sie verloren massenweise Nadeln.Das Erzgebirge, die Grenze zwischen Sachsen und Böhmen, Deutschland und Tschechien. Ein Pultschollengebirge aus Schiefer, Gneis und Granit. Viel Wald. Im 12. Jahrhundert wurde in der Umgebung von Freiberg Silbererz entdeckt, das "Erste Berggeschrey" erhob sich, die weite Kunde von schnellem Reichtum durch edle Bodenschätze.Seit dem 15. Jahrhundert wurde intensiv abgebaut, Silber in Annaberg und Schneeberg, Zinn in Böhmen; das zweite, "Große Berggeschrey" erschall. Später wurde im nordböhmischen Becken die Braunkohle entdeckt. Man förderte (und fördert noch heute) sie hier aus Flözen zwischen 25 und 35 Metern Stärke, Aschegehalt 35 Prozent, Schwefelgehalt 2,5 Prozent. Das ist viel, es ist keine gute Kohle. Waldsterben hat man im Erzgebirge schon im 19. Jahrhundert beobachtet, mit dem Braunkohlebergbau nahm es extrem zu, seit den 1980er-Jahren war es unübersehbar. Und das Waldsterben im Erzgebirge, eine der größten Naturkatastrophe in der DDR, hatte seitdem einen Namen: Reitzenhain.Reitzenhain ist 21 Jahre nach der DDR wieder ein liebliches Dorf in Kammlage, 770 Meter über Meeresspiegel, seit 2003 ins 12 Kilometer entfernte Marienberg eingemeindet. Im Sommer ist die Gegend gut für Radtouren und Wanderungen geeignet, im Winter für Langläufer. Man kommt durch junge, frische Wälder dabei, zunehmend Mischgehölze; dazwischen noch immer kahle, graue, nadellose Fichtenstümpfe. Überall hinterlässt die Geschichte ihre Spuren, in Reitzenhain vor allem im Wald. 1875 hielt hier erstmals eine Eisenbahn, aus Chemnitz kommend, seit 1978 ist der Grenzübergang zur Tschechischen Republik geöffnet. Der DDR-Sachse kannte Reitzenhain auch vom Stau vor den Zollkontrollen.Es ist eine der ältesten, meistbenutzten Straßen, die Reitzenhain quert, vierspurig teilweise hinunter nach Marienberg, weiter durch Leipzig, hoch nach Hamburg, in Gegenrichtung gelangt man geradewegs nach Prag. Eine schöne Strecke heute. Damals in der DDR aber wurden die Wälder immer lichter je höher man aus dem Gebirgsvorland kam. Die Kammlage von Reitzenhain war das Todesurteil für die erzgebirgischen Wälder. Vom Süden, aus Chomutov vor allem, zogen die gelben, kaum gefilterten Giftnebel der böhmischen Braunkohlekraftwerke herauf. Von "Katzengestank" sprachen die Leute. Katzengestank trifft es gut: Es roch nach alter Katze und ranzigem Urin. Die Augen tränten. Der Kopf schmerzte. Man stand im Stau vor der Grenzstation Reitzenhain, sah in die trostlosen Wälder und schimpfte auf "die Tschechei". Man saß in Autos, die verbleites Benzin schluckten, und ärgerte sich über die schlechte Luft "der Tschechen".Die toten Wälder wurden zuletzt nicht mehr abgeholzt, sie sollten den Dreck abfangen, verhindern, dass er weiter ins Erzgebirge und hinüber ins waldreiche Vogtland zog. Der Tod als Schutzschild vor weiterem Sterben. Jeder sah, dass in diesem Land und diesem Wirtschaftssystem etwas nicht stimmte. Dass es mit dem real existierenden Sozialismus im Ostblock so nicht weitergehen konnte.In den 80er-Jahren entstand die Umweltbewegung in der DDR, aus Protest gegen einen Staat, der seiner Verfassung nicht gerecht wurde, der sich nicht um das Wohlergehen seiner Natur und seiner Bürger kümmerte, der sich zur Umwelt verhielt wie der Imperialist gegenüber den Arbeitern: als rücksichtsloser Ausbeuter. Die Umweltgruppen entstanden wegen Tschernobyl und Bitterfeld, den bunten Schaumbergen auf den Flüssen, den Mülldeponien - und dem Waldsterben.Umweltschutz in der DDR war heikelstes politisches Gelände. Ernst Paul Dörfler zum Beispiel, einer der ersten Umweltaktivisten und Mitgründer der Grünen Partei der DDR im Herbst 1989, wurde strengstens von der Staatssicherheit überwacht. Wer von Umweltverschmutzung sprach, machte sich schnell "staatsfeindlicher Hetze" verdächtig. In den Zeitungen fand sie nicht statt, Wissenschaftler, die sich dennoch mit Waldsterben befassten, sprachen von "Rauchschäden". Die Leute auf der Straße nannten Namen: Bitterfeld, Lubmin, Reitzenhain. Das Erzgebirgsdorf war ein berühmter Ort in der DDR: an der Grenze, mitten in toten Wäldern.Es gab in der Tschechischen Sozialistischen Republik Dinge zu kaufen, die man in der DDR meist vergebens suchte. Es waren Dinge wie Sicherheitsskibindungen oder Mischbatterien für das Waschbecken. Man durfte beliebig oft ins Nachbarland fahren, aber nur 20 Mark umtauschen. 60 Kronen erhielt man dafür. Das reichte für Knödel und Bier, für die Sicherheitsskibindung musste man drei, vier Mal die Grenze wechseln und auf die Knödel verzichten. Ich erinnere mich an das Frühjahr 1987, wir sind an drei Wochenenden fünf Mal nach Chomutov gefahren, immer über Reitzenhain, immer durch tote Wälder, immer auch mit schlechtem Gewissen. Jede Fahrt mit dem Trabant war ein weiterer Sargnagel für die geschändete Natur. Danach saßen wir bei meinem Onkel gemütlich im Wochenendhaus am Waldrand und sangen an lustigen Abenden das Erzgebirgslied "Kan schinnern Baam gibt's wie an Vugelbärbaam, Vugelbärbaam, Vugelbärbaam, ej jo!" Die Vogelbeerbäume, sagte mein Onkel, sterben jetzt auch.Im Artikel 15, Absatz 2 der DDR-Verfassung von 1968 steht: "Die Reinhaltung der Gewässer und der Luft sowie der Schutz der Pflanzen- und Tierwelt und der landschaftlichen Schönheit der Heimat sind durch die zuständigen Organe zu gewährleisten und darüber hinaus auch Sache jedes Bürgers." Es waren wenige Bürger, die es ernsthaft, entschieden, sehr mutig in den Umweltgruppen zu ihrer Sache gemacht haben. Die Mehrheit fuhr durch Reitzenhain hindurch und schimpfte heimlich hinterm Lenkrad.Zwei Jahre, nachdem die DDR zusammengebrochen ist, erschien die Erzählung "Alte Abdeckerei" von Wolfgang Hilbig. Es ist ein schrecklich schönes, schmerzvolles Buch über deutsche Geschichte, einen "milchfarbenen" Fluss und "dumpfsüße" Nebel, über jene "übelriechende Dämmerung", die am Ende den gesamten Osten überzog. Die DDR, der Sozialismus ist, so Hilbig, mit einem "stinkenden Knall" versunken.------------------------------Foto: Der Tod im Baum: "Rauchschäden" nannten DDR-Wissenschaftler die Folgen des Waldsterbens. Im Erzgebirge waren sie in den 80er-Jahren unübersehbar.