Oma Brinks Kartoffelhaus ist die perfekte Tarnung, eine Gaststätte im gutbürgerlichen Südwesten Berlins mit einer kleinen Mauer zur Straße hin, Bauernstühlen im Gastraum und Königsberger Klopse für 7,80 Euro auf der Tageskarte. Über dem Eingang lächelt eine alte Frau mit einer weißen Haube auf dem Kopf. Die Zeiten sind hart, aber bei Oma Brink, so scheint es, ist die Welt noch in Ordnung.Es ist kurz vor 20 Uhr an einem Montagabend. Auf der Treppe, die in den ersten Stock führt, drängeln sich etwa zwei Dutzend Leute, die meisten schon etwas älter, Männer in Strickpullovern, Frauen in Kostümen."Geht es hier zu der geschlossenen Gesellschaft?", frage ich einen Mann am Ende der Schlange. Er ist vielleicht Ende vierzig, trägt eine schmale randlose Brille und hat schütteres blondes Haar. Er sieht mich prüfend an."Wohin wollen Sie denn?"Zum Schenkkreis.""Woher wissen Sie davon?""Aus dem Internet."Der Mann fasst mich am Arm: "Kommen Sie mit."Er lotst mich hinunter in den Gastraum, der fast leer ist, wir setzen uns an einen Tisch. Dann stellt er mir Fragen. Auf was für einer Seite ich denn den Hinweis gefunden habe, wer ihn dort hineingestellt habe? Ich weiche aus.Natürlich weiß ich, wer das Treffen in Oma Brinks Kartoffelhaus im Internet gepostet hatte. Ich hatte dem Mann eine Mail geschrieben, ich sei Journalist, mich interessiere das Thema. Er rief mich zurück und berichtete mir von seinen Erfahrungen. Eine Bekannte aus seiner Kirchengemeinde hatte ihn zum Schenkkreis mitgenommen, mit der Versprechung, dort schnell zu viel Geld kommen zu können. Er war dann aber gleich wieder rausgeworfen worden, weil er Fragen stellte, die den Initiatoren wohl nicht passten. Warum sich alle nur mit Vornamen vorstellten etwa, oder wer die Konten führe, wollte er wissen."Zum Schluss wurden sie richtig handgreiflich", hatte mir der Mann am Telefon gesagt. Sie hätten ihn am Arm genommen und vor die Tür geschoben.Ich will nicht gleich wieder rausgeworfen werden, ich will wissen, wie das hier funktioniert, dieser Schenkkreis, warum immer wieder Menschen darauf hereinfallen. Ich stelle mich doof. Es funktioniert. Noch ein paar Fragen, dann reicht der Mann mir die Hand. "Ich bin der Sigi."Ich bin drin.Schenkkreise sind Pyramidenspiele, Varianten eines Schneeballsystems, bei denen man vergleichsweise wenig Geld einzahlt und mit viel Geld herauskommen soll. Es ist eigentlich paradox: Man verschenkt Geld, um ein Vielfaches davon zu bekommen. Aber diese Pyramidenspiele kursieren bereits seit der Jahrtausendwende im deutschsprachigen Raum, in den vergangenen Jahren vornehmlich in den östlichen Bundesländern. Nachdem sie auch da am Abflauen waren, blühten sie im Zuge der Finanzkrise neu auf mit harmlosen Namen wie Jump, Herzkreis, Unternehmerkreis, Lotusblüten-Kreis, Herzclub, Tafelrunde oder Sonnenwind. Der Kreis bei Oma Brinks nennt sich MHM - "Menschen helfen Menschen".Das System ist immer das gleiche: Es gibt meist vier Ebenen, die ring- oder pyramidenförmig aufgebaut sind. Innen ist der Spieler, der das Geld bekommt und sich bereits durch die anderen Ebenen hindurchgearbeitet hat. Außen stehen acht neue Teilnehmer, die eine Einstiegssumme von bis zu 5 000 Euro zahlen. Wenn der äußere Ring voll ist und alle acht ihr Geld verschenkt haben, rücken sie auf, bis sie am Ende, wenn sie es selbst in die Mitte geschafft haben, 40 000 Euro bekommen. Theoretisch zumindest.Damit das System überhaupt ansatzweise funktioniert, müssen sich immer neue Mitspieler finden, die bereit sind, ganz außen anzufangen und Geld einzuzahlen. Sonst gerät alles ins Stocken. Im Internet findet man Rechenmodelle, die beweisen, wie schnell das System scheitern muss. Nach zehn Teilungen wären schon über 15 000 Menschen beteiligt, nach 22 Runden ganz Deutschland.Ich folge Sigi nach oben in den ersten Stock. In einem Raum, der in Pastellfarben gestaltet ist, sitzen rund 60 Menschen um drei lange Tische. Am Kopf der Tische steht ein jovialer Mittfünfziger mit weißem, vollem Haar und Bauchansatz. Er heiße Michael, sagt er und bittet die Neulinge, sich zu melden und vorzustellen.Mir gegenüber hebt ein Mann die Hand. Er sei Saunabesitzer, sagt er, ein Bekannter habe ihn mitgebracht, er wolle sich das hier einfach mal ansehen. Der nächste ist Besitzer einer Autowerkstatt, um die 50, ein alter Schulfreund von Michael. Eine junge Frau mit dunklen Haaren wurde von ihrer Freundin mitgebracht, sie habe eine Ausbildung im Hotelgewerbe, sagt sie, mache aber jetzt "was mit Finanzen". Sie wirkt eigentlich zu wach und selbstbewusst, um auf einen Schenkkreis hereinzufallen, ebenso wie die pensionierte Lehrerin im Kostüm, die man sich eher bei einer Autorenlesung vorstellen kann. Wahrscheinlich brauchen sie Geld. Oder neue Freunde.Michael erklärt jetzt, wie das Spiel funktioniert und wirft dabei immer mal wieder schlüpfrige Anspielungen über anwesende Damen ein. Die lachen geschmeichelt. Neben ihm sitzt Gabi, die "Sprecherin", eine Blondine schwer bestimmbaren Alters. Auf einer Tafel ist ein Modell des Systems abgebildet. Die acht Personen außen im Kreis sind grün markiert, die vier im nächsten gelb, dann kommen zwei blaue, und in der Mitte ein roter."Da wollen wir alle hin", sagt Michael und zeigt auf die Mitte. Dann fordert er uns Neuankömmlinge auf, Fragen zu stellen. Fragen seien ganz wichtig, um das System zu verstehen. Als keine kommen, formuliert Michael selbst eine: "Will denn niemand wissen, ob das hier nicht irgendwann enden muss, weil dann die ganze Menschheit beteiligt ist? Ist hier kein Mathematiker?"Die Leute sitzen da wie gelähmt. Mir fallen alle möglichen Fragen ein. Aber ich denke an den Mann aus der Kirchengemeinde. Lieber nichts fragen!In Berlin gebe es über 200 Fahrschulen, antwortet Michael sich schließlich selbst. "Und - wie oft macht jemand im Leben seinen Führerschein?"Er blickt in die Runde."Einmal, oder? Und trotzdem existieren die immer weiter. Und genauso ist es mit unseren Kreisen."Die Neulinge schauen etwas verdutzt, die Alteingesessenen nicken. Es sei kein Schneeballsystem und auch kein Glücksspiel, das sie hier betrieben, versichert Michael, nein, ihr Kreis basiere auf Vertrauen und funktioniere schon seit vier Jahren. Zwischen neun und zwölf Monaten würde es dauern, bis jemand alle Ebenen durchlaufen habe und ans Geld käme. "Mal dauert es länger, mal geht es schneller. Das liegt ganz daran, wie gut die Gruppe arbeitet. Wie viele neue Kontakte alle mitbringen."Neue Kontakte sind das wichtigste. Denn neue Kontakte bringen neues Geld, und Michael weiß, wo es besonders locker sitzt. Bei Ausländern, "den Türken vor allem", sagt er. "Die rauschen da nur so durch. Da machen ganze Familien mit, da geht das ruck-zuck."Leider sitzt an diesem Abend kein Türke mit im Raum, der das bestätigen könnte. Sigi raunt mir etwas von einem Dönerbudenbesitzer zu, mit dem er im Gespräch sei. "Kontaktarbeit" heißt das.Michael sagt jetzt, 99,9 Prozent aller Gewinner würden immer wieder neu einsteigen und garantieren, dass das Spiel nicht stecken bleibt. Es müsse nur alles immer schön privat bleiben, eine geschlossene Gesellschaft eben, dann könne auch das Finanzamt nichts machen. Deshalb würde auch jede Schenkung durch eine beglaubigte Schenkungsurkunde bestätigt.Verlierer gebe es bei ihnen keine. Michael schaut die Neuen eindringlich an. Wer aussteigen wolle, bekäme sein Geld zurück. Dafür habe man ein Treuhandkonto eingerichtet. Jeder Beschenkte führe fünf Prozent seines Geldes an das Konto ab. "Das ist unsere Bank", sagt Michael. Unsere Bank, das klingt gut. Es klingt wie, wir sind für euch da, bei uns könnt ihr nur gewinnen. Menschen helfen Menschen.Michael lächelt breit. Noch Fragen?Die wache junge Frau aus dem Hotelgewerbe meldet sich. Sie fragt, was passiert, wenn jemand stirbt."Gute Frage", sagt Michael. Das sei noch nicht passiert, aber es werde sich sicher eine Lösung finden.Die Frau nickt. Michael sagt, dann könne man ja zum gemütlichen Teil des Abends übergehen, er selbst müsse sich leider kurz zurückziehen, um noch wichtige organisatorische Dinge zu besprechen."Und?", fragt Sigi mich, als Michael in einem Nebenraum verschwunden ist. "Ganz schön viel auf einmal, musst du bestimmt erstmal alles sacken lassen." Wir bestellen Apfelschorle und tauschen Handynummern aus, "zur Sicherheit", wie Sigi sagt. Ich stelle ihm die Fragen, die ich vorhin nicht gestellt habe. Wie viel Geld denn schon so verschenkt worden sei? Vier Millionen Euro alleine in Berlin und Brandenburg im ersten Halbjahr 2009, sagt Sigi. Auf dem Treuhand-Konto lägen über 200 000 Euro. Um die 50 Kreise gebe es hier inzwischen, rund 1 500 Leute seien involviert. "Es funktioniert", sagt Sigi. Er hat sich in Fahrt geredet, sein Gesicht glüht, er schwitzt. Zwei Jahre ist er schon dabei und am kommenden Sonntag soll er das erste Mal beschenkt werden. Vielleicht ja auch von mir. Ich bin ein potenzieller Neueinsteiger. Ein Kandidat.Sigi holt einen Zettel raus und zeigt mir seine bisherige Bilanz, eine Zeichnung mit vielen kleinen Kreisen, die pyramidenförmig aufgebaut sind. Im Kreis an der Spitze steht sein Name, allerdings sind außen immer noch drei Plätze frei. Wenn ich gleich einstiege, sei ich am Sonntag schon eine Runde weiter, sagt Sigi. Bei ihm sei das damals genauso gewesen, er habe nur drei Tage Zeit gehabt, sich zu entscheiden."Komm doch mit am Sonntag", sagt Sigi. Es sei ganz wichtig, so eine Beschenkung mal selbst zu erleben. "Was da für Emotionen mit im Spiel sind, wie sich die Leute freuen!"Es ist schwer zu sagen, ob er wirklich an das hier alles glaubt oder nur sein Geld zurückhaben will. Die letzte Beschenkung war im Februar 2008, anderthalb Jahre hat es gedauert bis zur nächsten Teilung. Solange wartet Sigi schon. Bisher hat er nur eingezahlt. Mehr als 27 000 Euro insgesamt, weil er inzwischen mehrfach eingestiegen ist. Freie Plätze gibt es genug, und wenn er immer wieder einsteigt, verhindert Sigi, dass das System stecken bleibt und er am Ende gar nichts rausbekommt. Das sagt er nicht so. Sigi sagt, dass er am Ende sehr viel Geld geschenkt bekommen werde. Eigentlich brauche er es ja nicht wirklich. Er sei selbstständig, er habe ein kleines Unternehmen, das gut laufe. "Aber man hat ja immer Wünsche."Am Sonntag warten zwei gecharterte Busse vor dem Messegelände am Funkturm. Es ist neun Uhr morgens, die Fahrt dauert zwei Stunden. Die meisten der Mitreisenden kenne ich aus Oma Brinks Kartoffelhaus, von den Neuen ist außer mir kein weiterer dabei. Sigi sitzt hinter mir. Er trägt einen Anzug und strahlt wie ein Kind, das sich auf seinen Geburtstag freut. Unser Ziel ist das Müritz-Hotel in Klink, ein Plattenbaukomplex direkt am Wasser.In einem großen Saal haben sich etwa 150 Menschen zur großen Beschenkung versammelt. An der Decke hängen Kronleuchter aus den 70er-Jahren, vor den Fenstern lange verblichene Stores, die Furnierverkleidungen sind lädiert, aber Michael, der auch wieder dabei ist, scheint das nicht die Laune zu verderben. Er stellt Aziza und Bernd vor, ein Paar, "das sich im Kreis kennengelernt hat". Der Schenkkreis als Paarbörse, auch nicht schlecht.Aziza und Bernd haben schnurlose Mikrofone in der Hand und gehen auf und ab wie Cindy und Bert in der Hitparade. Aziza hat dunkle, lange Haare und trägt ein enges Kleid, Bernd ist solariumgebräunt. Abwechselnd erzählen sie, dass man hier ein großer Kreis von Leuten sei, dass alle sich gegenseitig helfen und unterstützen würden in dieser schweren Zeit."Wir haben das doch alle schon mal erlebt", sagt Bernd, "wenn auf einmal alles schiefzugehen scheint.""Aber hier wird euch geholfen, hier findet ihr Beistand und Freunde", nimmt Aziza den Ball auf. "Dafür haben wir MHM gegründet - Menschen helfen Menschen."Nicht selten ergäben sich durch den Kreis sogar neue Geschäftsverbindungen, macht Bernd weiter. Sie, also Aziza und er, seien zum Beispiel gerade zusammengezogen und hätten einen Handwerker aus ihrem Kreis mit der Wohnungsrenovierung beauftragt. "So haben wir dem auch geholfen."Aziza wirkt routiniert. Bernd auch, behauptet aber, er sei unsicher, weil es sein erstes Mal hier oben auf der Bühne sei. Die Veranstaltung wirkt wie eine gut vorbereitete Inszenierung, aber niemand scheint misstrauisch zu werden. Niemand scheint zu wissen, dass Schenkkreise vor allem Verlierer produzieren, dass es mittlerweile viele Klagen auf Rückgabe von Schenkungen und mehrere Grundsatzentscheidungen des Bundesgerichtshofes dazu gibt.Schenkkreise, so der Tenor dieser Urteile, sind sittenwidrig. Damit sind auch alle Schenkungsurkunden ungültig, in denen man auf Rückgabeforderungen verzichtet. Wer vor Gericht sein Geld zurückverlangt, bekommt in der Regel recht. Er muss nur die dreijährige Verjährungsfrist beachten. Und hoffen, dass von dem ehemals verschenkten Geld noch etwas übrig ist.Bei der strafrechtlichen Verfolgung der Schenkkreisinitiatoren ist die Rechtslage unklar. In Augsburg wurden unlängst zwei Schenkkreisinitiatoren zu Geld- und Bewährungsstrafen nach dem Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Berlin allerdings hat jüngst die Ermittlungen gegen einen Schenkkreis in Schönwalde bei Wandlitz eingestellt. Ein junger Berliner hatte Anzeige erstattet. Er wollte seine Mutter aus einem Schenkkreis herausholen, weil er Angst hatte, dass die Tanzlehrerin neben Geld auch ihre berufliche Existenz verspielt, denn sie hatte begonnen, unter ihren Kunden für den Schenkkreis zu werben. In der Begründung für die Einstellung des Verfahrens heißt es: "Eine Strafbarkeit ist nicht gegeben, weil den Teilnehmern die Funktionsweise des Systems erkennbar gemacht wird und damit keine Täuschungshandlung vorliegt."In Waren an der Müritz kommt jetzt Michael zurück auf die Bühne. Die Beschenkung steht bevor. Er ruft seinen "Kreis" nach vorne. Rund 30 Leute versammeln sich um ihn, die Hälfte von ihnen muss heute das erste Mal Geld "loslassen", wie er es nennt. Loslassen klingt schöner als bezahlen.Bevor es losgeht, hält Michael einem Mann das Mikro vor die Nase: "Der Jürgen war ja ein ganz großer Skeptiker, der hat nur Fragen gestellt. Und jetzt macht er mit."Jürgen, ein älterer Mann mit grauem Bart, sagt: "Ich habe mir das alles durchgerechnet und dann war ich überzeugt."Michael lächelt, das war die richtige Antwort. Er ruft: "Heute beschenken wir die Gabi, den Sigi und den Hubert."Hubert ist ein älterer Herr, bei dem sich eine alte, gebeugte Frau unterhakt, die Michael als Huberts Mutter vorstellt. Huberts Mutter sieht nicht aus, als habe sie auch nur die geringste Ahnung, was hier passiert, aber vermutlich hat sie ihrem Sohn das Geld für den Einstieg vorgeschossen, und deshalb ist sie mit hier."Dem Hubert ging es schlecht, als er zu uns kam, nicht wahr", sagt Michael. "Und heute können wir ihm helfen."Hubert nickt kaum merklich. Ihm scheint es unangenehm zu sein, dass dieser gut gelaunte Moderator hier auf der Bühne sein Schicksal ausbreitet.Dann wird endlich das Geld übergeben. In Klarsichthüllen wechseln die Geldscheine und Schenkungsurkunden die Besitzer. Sigi bekommt eine Hülle, aber auch Michael und Gabi, ihre Hüllen sehen dicker aus als die von Sigi. Das hatten sie bisher noch gar nicht erwähnt, dass sie heute auch zu den Beschenkten hören. Michael lächelt. Gabi bricht in Tränen aus und bedankt sich mit gebrochener Stimme für das Vertrauen. Die Leute im Saal klatschen. Für sie gibt es jetzt endlich auch etwas. Das Büfett kostet sie nichts, die Mitspieler bezahlen es aus einem gemeinsamen Topf, in den sie jeden Monat 30 Euro einzahlen müssen.Auf der Rückfahrt nach Berlin sitzen Sigi und Lothar hinter mir. Lothar ist ein Freund von Sigi. Er ist ein paar Jahre älter als dieser, hat dichtes, zurückgekämmtes Haar, ein grobporiges Gesicht und lächelt viel, auch wenn oft nicht so richtig klar ist warum. Sigi beispielsweise hat eigentlich gar keinen Grund zur Freude. Er hat 27 500 Euro in den Schenkkreis investiert, aber heute nur 12 000 Euro ausgezahlt bekommen. Findet er das nicht merkwürdig?Es geht ja weiter, sagt er. Das heute sei erst der Anfang gewesen. Er stehe mittlerweile auf mehreren Plätzen in allen Ebenen.Er zeigt den Zettel mit seiner Pyramide. In der Mitte stehen jetzt die Namen der vier Beschenkten, dahinter die Summen, die sie heute bekommen haben: Gabi 82 000 Euro, Michael 45 000 Euro, Sigi und Elise - das ist wohl Huberts Mutter - 12 000 Euro.Es ist so, wie es in den einschlägigen kritischen Foren beschrieben wird: Es kassieren nur die Sprecher und die Initiatoren, für die Übrigen gibt es ein paar Teilbeschenkungen mit geringen Summen, um die anderen Teilnehmer zu beruhigen.Warum hat Sigi so wenig bekommen im Vergleich zu Gabi und Michael?"Das heute war nur mein Kontaktgeld", erklärt er. Weil er, als er eingestiegen sei, gleich drei Kontakte mitgebracht hätte. Aber nächstes Mal, da bekomme er über 50 000 Euro. "Und das ist doch schon mal was, oder?"Und warum hat Gabi so viel bekommen?Sie sei eben gleich mehrfach eingestiegen, wie er jetzt auch, sie habe nur früher damit angefangen.Etwas an seiner Skizze fällt auf. Von den 32 Plätzen, die ganz außen besetzt sein müssten, sind elf leer. In den anderen grünen Kreisen finde ich die Namen Michael, Gabi und Sigi. Sie haben sich heute also in gewisser Weise auch alle selbst beschenkt. Vielleicht mussten schnell noch die Gewinne eingestrichen werden, bevor alles zerfällt. Auch das kennt man von anderen Kreisen. Die Initiatoren ziehen anschließend weiter, in eine andere Stadt oder ein anderes Bundesland.Sigi läuft jetzt mit Gabi durch den Bus und schenkt Prosecco aus. Lothar erzählt, er und Sigi würden sich schon lange kennen. Er sei eigentlich Architekt, aber inzwischen würde er mit Sigi nebenberuflich für eine Versicherung im Strukturvertrieb arbeiten. Auch Strukturvertriebe sind Schneeballsysteme. Geld verdient man weniger damit, dass man Versicherungen verkauft, sondern indem man neue Vertriebsleute wirbt. Die sucht man sich auf der Straße. "Wir bieten denen keine Versicherungen an, sondern Jobs", erzählt Lothar. Da sei fast jeder interessiert. Dann lade man sie zu Wochenendseminaren ein, bei denen nur ein geringer Unkostenbeitrag fällig werde. Mehr wolle er nicht verraten. "Kommt einfach hin, dann werdet Ihr schon sehen."Nach dem gleichen Prinzip wirbt er auch Leute für den Schenkkreis an. "Ich sage ihnen einfach, kommt mal mit, wir machen 'ne Kaffeefahrt, es wird euch nichts verkauft, dafür gibt es ein kostenloses Mittagessen." Wenn sie dann fragten, um was es gehe, erwidere er nur: "Hört es euch einfach mal an, ob das was für euch ist." Wichtig sei, sie einfach nur einzuladen und ihnen vorher nichts zu erzählen. "Sonst stellen die nur Fragen und treiben dich in die Enge."Lothar bietet an, "Empfehlungstelefonate" für mich zu übernehmen. "Du stellst eine Liste mit Namen auf und ich rufe die Leute dann an." Das Geld für die Kontakte könnten wir uns dann teilen. Er zwinkert vergnügt.Die ebenso geniale wie infame Idee, die dahintersteht, ist, dass die neu gewonnenen Versicherungsverkäufer wie auch die Schenkkreis-Mitglieder dazu angehalten werden, ihre "Produkte" im privaten Umfeld anzubieten. Denn kaum jemand würde einen Versicherungsvertrag von einem Fremden auf der Straße oder an der Wohnungstür kaufen. Doch der Nichte, der alten Schulfreundin oder dem Kollegen aus der Firma vertraut man. Die werden einen schon nicht übers Ohr hauen.Draußen prasselt Regen gegen die Scheiben des Reisebusses. Lothar döst inzwischen. Sigi setzt sich wieder zu mir. "Und, alles in Ordnung?" Ich nicke. Sigi erzählt, dass die Rückfahrt ganz wichtig sei, deshalb wähle man immer Ziele, die weit weg seien. Damit auf der Fahrt Zeit bleibe, mit den Leuten zu reden, die das erste Mal dabei seien. "Da kann man das dann alles vertiefen."Süßigkeiten werden herumgereicht. Gabi taucht ein weiteres Mal mit der Proseccoflasche auf und lädt alle für heute Abend zu einer kleinen, privaten Feier ein. Auch ich könne kommen, meint Sigi.Ich schüttele den Kopf.Ob ich denn morgen zum nächsten Treffen komme?Ich sage, ich wisse es noch nicht.------------------------------Der Autor hat sich mit diesem Thema schon einmal vor ein paar Jahren beschäftigt und seine damaligen Recherchen in Süddeutschland zu einem fiktiven Roman verarbeitet ("Geschenkt!", Oktober Verlag, 2009). Die Geschehnisse, Orte und Personen in dieser Reportage sind dagegen ebenso aktuell wie real.------------------------------Foto: Skulptur im Casino des Imperial Palace, Las Vegas. Auch hier hoffen viele Menschen aufs schnelle Geld.Foto: Alles fake. Auch dieses Paar - eine Skulptur des US-amerikanischen Pop-Art-Künstlers Duane Hanson.