Es lebe die Schweineorgel

Nun, da die Menschheit doch nicht von der Schweinegrippe ausgemerzt wird, obwohl das eine durchaus treffende Pointe der zivilisatorischen Entwicklung gewesen wäre, nun also können wir uns in aller Ruhe anderen Phänomen zuwenden, die sich mit jener Kreatur verbinden, die in den Agenturmeldungen jüngster Zeit gern auch mal Borstenviech genannt wurde. Es geht nicht um das sogenannte Schweinesystem und auch nicht der Schweinerock soll eine Rolle spielen, sondern die Schweineorgel, die es bei Wikipedia zu einem eigenen Eintrag gebracht hat: "Umgangssprachlich für Akkordeon oder Hammond B 3".Die Internetseite www.schweineorgel.de ist da naturgemäß noch etwas präziser. Laut Definition dieser Experten des Genres sind unter Schweineorgeln "elektronische, elektromechanische oder mechanische orgelähnliche oder orgelartige Instrumente" zu verstehen, "die etwas besonders Schweinisches haben müssen." Einen schweinischen Klang zum Beispiel. Zitat: "Es sei hiermit noch einmal darauf hingewiesen, dass die Begriffe schweinisch und Schweineorgel nur eine liebevolle Umschreibung der Besonderheiten des künstlerischen Gesamtkonzepts einer der schönsten Gattungen der Musikinstrumente darstellen sollen, und in keinerlei Hinsicht abwertend oder bösartig gemeint sind."Man mag es kaum Zufall nennen, dass ausgerechnet in dieser gesundheitlich angespannten Weltlage eine hochinteressante Platte voller Schweineorgelmusik herausgekommen ist. Zu verdanken ist sie Booker T. Jones, der als Sessionmusiker für das Stax-Label in den Sechzigerjahren unzählige Soulplatten grundiert hat und mit seiner Begleitband The MG's einen völlig eigenen Instrumentalsound kreierte. Auch sein aktuelles Album "Potato Hole", das erste seit fünfzehn Jahren, kommt ohne Worte aus. Was eigentlich ganz erholsam ist. Begleitet wird Booker T. von den Drive-By Truckers, einer jüngeren Southernrock-Band, die sich in letzter Zeit wiederholt der Erbepflege gewidmet hat. Im konkreten Fall pflegen sie nebenbei gleich noch Neil Young, der sich mit seinen eigenen Platten keine Mühe mehr gibt. Über die Jahre hatte Neil Young immer mal wieder mit Booker T. Jones zu tun, bei Konzerten wie auch Plattenproduktionen, so dass seine Verpflichtung nicht so überraschend ist, eher schon das Ergebnis. Neil Young begleitet das komplette Album, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Er musiziert prägnant und dennoch mannschaftsdienlich. Wie immer, seit er nicht mehr so gut hört, hat er sein Instrument auf volle Lautstärke eingepegelt, so dass sich in den besten Stücken ein scharfer Kontrast zwischen seiner schneidbrennenden Elektrogitarre und der luftigen Orgel herstellt. Alles in allem klingt die Platte viel rockiger als es das Führungsinstrument vermuten lässt. Booker T. Jones bringt es sogar fertig, ein schweinisches Gitarrensolo zu orgeln.------------------------------Foto: Booker T. Jones, hier ohne Orgel, hat ein rundum rockendes Soloalbum eingeorgelt.