Es gibt auch gute Nachrichten: Der Sonderforschungsbereich (SFB) "Kulturen des Performativen" lädt von heute bis Samstag zu seiner Abschlusstagung ins Haus der Kulturen der Welt. Elfeinhalb Jahre wurde emsig geforscht, jetzt soll unter dem Motto "Performing the Future" Bilanz gezogen werden. Es gelte, "die bisherige Theoriebildung im Bereich der Performativitätsforschung auf Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung" zu prüfen.Sehr schön, vor allem, weil man getrost davon ausgehen darf, dass die herbeigeeilten Gelehrten vielerlei Möglichkeiten finden werden. Denn die Performativitätsforschung hat sich in den letzten Jahren als ein überaus dankbares Wissenschaftsfeld erwiesen, das beinahe überall die immergleichen Früchte erntet. Das ist vornehmlich dem Begriff des Performativen selbst zu danken - er meint etwas so Allumfassendes wie letztlich Banales, die Tatsache nämlich, dass jede Handlung Wirklichkeit konstituiert und also immer ein Rest bleibt, der sich in Begriffen nicht auflösen lässt. Wurde das eigentlich je bestritten? Die Schwerpunkte lagen bis Ende der 80er-Jahre in den Kulturwissenschaften anders, man sprach eher von der "Kultur als Text", nicht vom "Ereignischarakter" einer "performativen Kultur". Ein wesentliches Ziel dieses SFB bestand laut Konzeptionspapier allerdings gerade darin, "einen performative turn herbeizuführen", einen "Paradigmenwechsel". Und zu jedem Paradigmenwechsel gehört offenbar ein ordentlich aufgeblasener Begriffs- und Theorieapparat. Auch das hat dieser SFB unter der Federführung der Theater-, also Performativitätswissenschaftlerin Erika Fischer-Licht, mustergültig beherrscht - es gibt kaum einen Forschungszweig, der derart viel Begriffsmüll und so viele Theorieblasen produziert hat. Von "Leibraum" und "entwerkter Gemeinschaft" wird da geredet, von "TheatRealität" und von Theater als "Ereignis zwischen Eräugnis und Bewägung", beides mit ä.Jens Roselt, Dramatiker und inzwischen Professor in Hildesheim, erzählte einmal mit erfrischend ironischer Distanz, wie ihm in der Gründungsphase dieses SFB als Mitarbeiter am theaterwissenschaftlichen Institut der FU Berlin die Aufgabe zufiel, Sinn und Zweck dieses Forschungsvorhabens in großer FU-Professorenrunde zu erläutern. Er sprach von "kollektiver Performanz", von "Liminalität", von "Dialogizität" und dem Vorrang der Präsenz vor der Repräsentation. Die Professoren waren sich damals, so Roselt heute, nicht sicher, ob diesem Manne geholfen werden kann. Es konnte.Inzwischen ist derlei Reden zum Standard-Sprech unter Kulturwissenschaftlern avanciert. Inzwischen sind auch sechs Jahre vergangen, seitdem Fischer-Lichtes Theoriewerk "Ästhetik des Performativen" Wirklichkeit wurde. Es ist die heilige Schrift der Performativitätsforschung. Darin ist zu lesen, dass es einer Ästhetik des Performativen um die "Überwindung starrer Gegensätze" und ihre "Überführung in dynamische Differenzierungen" gehe: Sie sei der "Versuch zur Wiederverzauberung der Welt". Auch das ist glänzend gelungen. Die Performativitätsforschung hat längst sektenhafte Züge angenommen, die lauter festgläubige Gesinnungsjünger hervorbringt. Die wachsende Zahl der Publikationen erkennt man vor allem daran, dass sie von Überzeugten für Überzeugte geschrieben sind, die sich fleißig gegenseitig zitieren. Auch eine Möglichkeit, von den oft haarsträubenden methodischen Mängeln abzulenken.Wer heute jedenfalls Kulturwissenschaften betreiben will, ohne das Dogma vom performativen turn mitzubeten, wird mit strikter Nichtbeachtung gestraft. Höhepunkt dieser Theoriepolitik ist ohne Zweifel das bei Metzler vor fünf Jahren erschienene Lexikon "Theatertheorie", herausgegeben von Fischer-Lichte, Doris Kolesch und Matthias Warstatt. Im Vorwort wird mitgeteilt, dass hier nur Begriffe aufgenommen seien, die als "theoretisch bzw. theoriefähig" gelten. Das Lexikon lässt über weite Teile nur solche Begriffe als theoriefähig gelten, die der Performativitätsforschung folgen - so führt man Paradigmenwechsel herbei.Und es ist ja nicht so, dass dies nur theoretisches Geplänkel wäre. Die verschwurbelte Begrifflichkeit hat, zum Beispiel, auch allerlei Theaterdramaturgen infiziert, die sie an Regisseure und Schauspieler weiterreichen, was wiederum nicht unbedingt dem Theater selbst förderlich ist: Dass man immer öfter mit fußnoten-kompatiblem, sonst aber vollkommen belanglosem Theater behelligt wird, ist auch ein Verdienst dieser Forschungsclique.Jetzt aber ist Schluss, jetzt ist Abschlusstagung. Und vielleicht performen sich die Beteiligten ja eine Konferenz, der es tatsächlich gelingt, die starren Gegensätze der Performativitätsforschung in ein dynamisches, offenes, selbstkritisches Denken zu überführen.------------------------------Performing the Future bis 10. Juli. Haus der Kulturen der Welt. Tel.: 838 503 24------------------------------Foto: Erika Fischer-Lichte