ATHEN, 13. August. Petros Markaris wollte seinen neuen Roman erst nach den Olympischen Spielen beginnen. Im Frühjahr 2005 soll der vierte Band über den schrulligen, sympathischen Athener Kommissar Kostas Charitos fertig sein. Die Spiele wollte der 67 Jahre alte Schriftsteller ganz entspannt beo-bachten. "Doch jetzt", sagt er und lacht laut auf, "kann ich mich wohl gleich an den Schreibtisch setzen." Denn jener Krimi, der Griechenland seit Donnerstagabend tief erschüttert, ist ein wunderbarer Plot für einen Roman, und es ist alles vorhanden. Ein berühmtes Sportlerpaar: Olympiasieger Kostas Kenteris und Kollegin Ekaterini Thanou; ein böser Bube: Trainer Christos Tsekos; Geld, Ruhm, Drogen, Emotion. "Besser geht es kaum", sagt Markaris. Ein dankbarer Stoff, über den die Zeitung Eleftheros Typos schrieb: "Das Blut gefror den Griechen in den Adern." Vor einigen Tagen hat Markaris selbst einen Zeitungsartikel geschrieben. "Die Olympiade wartet nicht auf den olympischen Geist", formulierte er, "sondern auf ihren Krimi-Autoren, so wie das Pferderennen auf Dick Francis und die Spionage auf John Le Carré gewartet haben. Mit dem enormen Geldaufwand, dem Doping und den mafiösen Strukturen, die daraus entstehen, sind die Olympischen Spiele das perfekte Thema für einen spannenden Kriminalroman." In seinem dritten Charitos-Band ("Live!") hat er das Sujet sogar schon mal gewählt: Ein Bauunternehmer, der an den Spielen verdient, erschießt sich vor laufender Kamera, und Kommissar Charitos steigt tief in die olympischen Abgründe hinab.Die spannende Frage ist nun: Wie geht der reale griechische olympische Krimi aus? Wenn Dopingfahnder bei Spitzensportlern unangemeldet aufkreuzen, dann haben die Athleten die Reagenzgläser zu füllen, wahlweise mit Urin oder Blut, oft mit beidem. Kostas Kenteris, der olympische Champion über 200 Meter, und Ekaterini Thanou, eine der Weltbesten über 100 Meter, aber sind schon seit Jahren regelmäßig entschwunden, wenn sie Kontrollen erwarten mussten. Gerne trainieren sie an Orten, wo man sie nicht vermutet. Vor diesen Spielen wurde wieder spekuliert: Sind sie in Südafrika? In Mexiko? Oder tatsächlich in Chicago, wie der griechische Teamchef zum Besten gab? Er erklärte: "Mir wurde es so gesagt." Vom Trainer Tsekos, wem sonst.Am Donnerstagnachmittag haben die beiden tatsächlich ins Olympische Dorf eingecheckt. Als eine Stunde später Dopingfahnder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an der Zimmertür klingelten, war das Pärchen schon wieder weg. Die Nachricht machte schnell die Runde und bestimmte weltweit die Schlagzeilen. Kenteris war bei der Eröffnungsfeier am Freitag ursprünglich als letzter Fackelträger vorgesehen. Er sollte das Feuer entzünden, und nicht Nikolaos Kaklamanakis, der griechische Surf-Olympiasieger von 1996, der es schließlich tat. Kenteris ist ja nicht irgendein Athlet, sondern derjenige, der für den Höhepunkt der Spiele sorgen sollte. Für ihn war vor einem Millionenpublikum jene Rolle bestimmt, die vor vier Jahren in Sydney die einheimische Rundenläuferin Cathy Freeman gemeistert hatte: Erst das olympische Feuer entzünden, dann eine Goldmedaille gewinnen. Kenteris und Thanou flüchteten aus dem Olympischen Dorf. Angeblich wollten sie nur Sachen holen von daheim. Für nichts und niemanden sollen sie erreichbar gewesen sein, einen Tag vor Beginn der Spiele, die den Höhepunkt ihrer Karrieren markieren sollten. Während Millionen Griechen gebannt über die vertrackte Lage debattierten, während sogar die Regierung eingeschaltet wurde, brauste das rätselhafte Duo ahnungslos-unschuldig durch die Nacht? Als vorläufige Krönung wurde Folgendes verbreitet: Am Donnerstag, gegen Mitternacht, sollen Kenteris und Thanou ohne Fremdeinwirkung eines anderen Verkehrsteilnehmers gemeinsam vom Motorrad des Trainers gestürzt sein. Einfach so.Die beiden landeten im Krankenhaus, es gab ärztliche Bulletins über leichte Verletzungen. Zur mehrfach verschobenen Anhörung vor der IOC-Disziplinarkommission erschienen sie am Freitag nicht. Solch ein stationärer Aufenthalt kann auch Vorteile haben - sofern man einmal annimmt, dass sich die Dopingmittel, die im Körper nachweisbar wären, in dieser Zeit maskieren ließen. Zudem gilt gerade der Renner unter den vielen verbotenen Substanzen, das künstlich zugeführte Wachstumshormon HGH, ab einer bestimmten Zeit als nicht mehr nachweisbar. In Athen wird zum ersten Mal auf HGH getestet, womit zahlreiche kurzfristige, durchaus prominente Absagen verbunden werden. Lance Armstrong etwa, der gerade wieder wie ein junger Gott über die Alpenpässe jagte, verzichtete auf Olympia, wo die Kontrollen ungleich effizienter sind als bei der Tour de France.Der Schriftsteller Markaris hat den Fall Kenteris beobachtet: am Fernseher, im Radio, im Internet, in Zeitungen. "Das Problem mit Tsekos-Gruppe ist doch seit Jahren bekannt", sagt er. "Man versucht nun um jeden Preis, den größten Skandal zu vermeiden. Ich verstehe das auch, denn die Spiele beginnen gerade, und schon ist alles ruiniert. Da könnte die Sache mit dem Unfall ein hübscher Ausweg sein, mit leiser Zustimmung des IOC. Man wird es wohl so darstellen wollen, als seien Kenteris und Thanou nun verletzt und könnten nicht teilnehmen."Die Frage ist nur, ob das IOC diese Version der Geschichte akzeptiert. Unter dem Strich bleibt immer noch die Verweigerung einer Dopingprobe - und damit laut Statut die Notwendigkeit einer Sanktion. Für Markaris ist klar: "Hier lässt sich nichts mehr vertuschen. Keiner wird ihnen glauben, keiner wird das schlucken, selbst in Griechenland nicht."Kenteris war 2000 bei den Spielen in Sydney wie ein Phoenix aufgetaucht. Mit einer exorbitanten Steigerung gewann er Gold und wurde fortan als rätselhafter Herkules von der Insel Lesbos beschrieben. Neuer Trainer, neue Methodik, neuer Arzt, neue Ernährungsgewohnheiten - und schon hatte er, ein Weißer, der schwarzen Konkurrenz aus Amerika und Afrika die Hacken gezeigt. So einfach ging das. Wer die Welt mit offenen Augen beobachtet, der wusste aber schon damals: So einfach geht das eigentlich nicht.Christos Tsekos, sein Trainer, war schon damals einschlägig bekannt und hatte eine Sperre abgesessen, weil er 1997 in Dortmund gegenüber dem deutschen Dopingkontrolleur Klaus Wengoborski handgreiflich geworden war. Seine Gruppe, zu der auch Thanou gehörte, entwischte dem Fahnder. Normalerweise wird eine solche Verweigerung als positive Dopingprobe gewertet und zieht eine Sperre nach sich, doch Thanou und Co durften im August bei der WM in Athen laufen und Medaillen gewinnen.Seit 2000 wiederholten sich die Geschichten. Kenteris lief nie in der Hallensaison. Im Sommer tauchte er meist nur zwei oder drei Mal auf. Wenn er den Jahreshöhepunkt bestritt, wie die WM 2001 in Edmonton und die EM 2002 in München, dann gewann er auch. Auf die Fragen nach seinen unangemeldeten Wettkampfkontrollen gab es manchmal keine Antwort, manchmal rief ihm sein stets präsenter Trainer Tsekos eine Zahl zu. Immer sprach Kenteris diese Zahl brav nach.Alles in allem, sagt der Autor Markaris, sei das der perfekte Krimi. Und auch die Öffentlichkeit fordert jetzt Aufklärung: "Sagt uns die Wahrheit", fordert die Zeitung Ethnos, "Kostas, Ekaterini und Sie, Herr Tsekos, Sie schulden es allen Griechen, zu beweisen, dass Sie sauber sind". Kommissar Charitos, übernehmen Sie!------------------------------"Man versucht nun um jeden Preis, den größten Skandal zu vermeiden. Ich verstehe das auch, denn die Spiele beginnen gerade, und schon ist alles ruiniert." Petros Markaris, Schriftsteller------------------------------Foto: Kostas Kenteris gewann vor vier Jahren bei den Spielen in Sydney Gold. Damals hatte er sich urplötzlich an die Spitze der Sprinter katapultiert.------------------------------Foto: ... und die klassische Phase (l. und m.) bis hin zu Alexander dem Großen (r.).

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