Beeilung, Beeilung, die Führung beginnt in zehn Minuten! Dreihundert Meter sind es vom Parkplatz bis zum gewaltigen Bauernkriegspanorama, und Touristen in Gruppen, ob jung oder alt, müssen sich immer beeilen. Zeit ist Geld für die globale Fremdenverkehrsindustrie, auch hier auf dem geschichtsträchtigen Schlachtberg bei Bad Frankenhausen, das am Südhang des Kyffhäusers liegt. Schließlich geht die Tour nachher noch weiter: zur historienraunenden Barbarossa-Höhle und dem vielgerühmten Schau-ins-Land-Blick auf die Goldene Aue.Auf dem Schlachtberg parkt Reisebus an Reisebus, die meisten kommen aus den alten Bundesländern, aus dem Elsass, aus Belgien und Holland, auch aus Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sind an diesem Wochenende welche dabei. Und die meisten sind schon im Rentenalter, von ein paar Jugendgruppen, jüngeren Pärchen und Familien mit Kindern abgesehen. Der mobile Imbiss nahe dem Parkplatz ist Ziel Nummer eins. Seinetwegen nimmt man gern erst die nächste Führung. Die garantiert originale Thüringer Rostbratwurst kostet 1,80 Euro und die Busladung aus Olpe im Sauerland stärkt sich erst mal nach der langen Fahrt, bei der sich die Fahrzeuge eine lange mittelalterlich enge Straße zum Schauplatz einer der bedeutendsten Schlachten im Großen Deutschen Bauernkrieg hinaufquälen müssen. Das war 1525, am 15. Mai, und die aufständischen Bauern Thüringens unter Führung des Predigers und Rebellen Thomas Müntzer wurden vom Fürstenheer den Abhang hinuntergetrieben und vollständig besiegt. Müntzer wurde gefangen genommen und am 27. Mai auf dem Marktplatz von Mühlhausen enthauptet. Zuvor war er auf der Festung Heldrungen gefoltert worden. Er soll dem Tribunal und der gaffenden Menge noch den legendären Satz "Die Enkel richten's besser aus" entgegengeschleudert haben. Sein Körper wurde dann auf eine Landsknechts-Lanze, der Kopf auf einen Pfahl gespießt.Der Schlachtberg, auf dem damals das Blut von 6 000 Aufständischen, die "Freyheit" auf ihre Fahne geschrieben hatten, geflossen war, galt im DDR-Geschichtsverständnis als politisch geheiligter Ort. Aus der Niederlage und im Märtyrertod des eine Zeit lang Luther sehr nahen Müntzers interpretierte man den Keim der Revolution - der Frühbürgerlichen, wie auch der von 1848 und 1918. Und natürlich der Gründung des Arbeiter-und Bauernstaates DDR 1949.Der Maler Werner Tübke (1929-2004), einer der Gründer der Leipziger Malerschule und ein so virtuoser wie obsessiver Manierist des Neorenaissance-Stils, realisierte in gut elf Jahren das Monument zur "Frühbürgerlichen Revolution in Deutschland". Es war der größte Staatsauftrag der DDR-Geschichte an einen Bildenden Künstler, und SED-Chef Honecker & Co wünschten natürlich, das Werk solle die Wurzeln des "besseren deutschen Staates" tief in den Humus der Geschichte treiben. Nicht zuletzt sollte es den bildmächtigen Beweis erbringen, dass vom Fichtelberg bis Kap Arkona die Zukunftsvision Müntzers in Erfüllung gegangen sei.Das 14 mal 123 Meter große Rundbild des Leipziger zählt zu den größten Panoramen der Kunstgeschichte. 14 Meter hoch und 123 Meter lang ist das Werk mit den theatralischen Bauernkriegsszenen, den regenbogenüberwölbten Allegorien, Symbolen und Gleichnissen aus der Welt des Hieronymus Bosch, Pontormo, El Greco und Breughel. 1 722 bemalte Quadratmeter sind es, verteilt auf einen Kreis von 40 Metern Durchmesser. 90 000 Farbtuben drückten Tübke und seine etwa 30 assistierenden jungen Maler, zum Großteil Studenten, in 1 480 Tagwerken aus. Die Leinwand wurde aus einem Stück gewebt, sie wiegt 1,1 Tonnen und wurde im sowjetischen Textil-Kombinat Sursk gefertigt. 54 Millionen Ostmark hat das Ganze gekostet, die Valuta nicht eingerechnet. Es gab eine Menge Komplikationen, zu deren Behebung das diverse Baumaterial aus dem Westen besorgt werden musste.Das gigantomanische Projekt, wegen seiner äußeren Form - eine aufwändige Beton-Zylinderschalenbauweise - im Volksmund alsbald "Elefantenklo" getauft, hatte Erich Honecker und Genossen jahrelang in eine Art Rauschzustand versetzt. Als Tübke fertig war, schlug die Ironie der Geschichte zu. Zum Weiheakt auf dem Schlachtberg am 14. September 1989, der unten in der Stadt mit einem Massenmeeting unter der Losung "Mit guten Taten zum XII. Parteitag der SED" begann, ging es Honecker schlecht. Der Krebs saß in seinen Eingeweiden, also musste Kurt Hager, ZK-Oberideologe und Künstler-Schreck, ans Mikrofon. Er würdigte im Namen Honeckers das Werk des Meisters Tübke und die Epoche der Humanisten um Luther und Müntzer. Dessen Zukunftsvision sei in der DDR Realität geworden, ließ er alle, die auf dem Bad Frankenhausener Marktplatz dicht gequetscht standen, wissen - mittendrin wir Presseleute, die für ihre Redaktionen von der Panorama-Weihe berichten sollten. Hager rühmte stocksteif Wohlstand und Sicherheit, die Einheit von Wirtschafts-und Sozialpolitik. Und er tadelte die "Feinde des Sozialismus", die "völkerrechtliche Festlegungen" brechen würden. Die Realsatire der grotesken Situation war nicht zu überbieten: Schon 30 000 vor allem junge Leute hatten im September '89 die DDR über Ungarn Richtung Westen verlassen. In der Stadt des Malers Tübke schwollen die Montagsdemonstrationen von Mal zu Mal an, die Protestbewegung derer, die eine andere, eine freie DDR ohne Diktatur haben wollten, füllte allabendlich die Kirchen im ganzen Land.Nach der Marktplatz-Scharade ging es auf den Schlachtberg. Da war das Volk schon nicht mehr dabei. Zwölf Fahnenmasten ragten vor dem Panorama-Bau in den Himmel: sechs mit der DDR-Staatsflagge, sechs mit dem Emblem der SED. Wir sahen es dann im DDR-Fernsehen: Der Maler führte den Oberpriester Hager und Genossen ins Allerheiligste - in diesen schummerigen Zylinder-Raum, in dem nach dem Betreten das von oben eingespeiste Licht ganz allmählich kräftiger wird und die ungeheure Figurenfülle rundum sichtbar macht. Stunden später duften auch wir rein, konnten endlich nachvollziehen, was der schlaue Tübke gemeint hatte, als er den verdutzt dreinschauenden Großfunktionären selbstbewusst erklärte, dieser Raum des Rundpanoramas sei "sakral" und der Besucher solle sich fühlen wie in einer Kirche. Ganz unbescheiden nämlich hatte Tübke seine jahrelange Arbeit - auch die extreme körperliche Mal-Leistung, samt den Höllenqualen durch Verspannungen im Nacken und Rücken - mit der Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle zu Rom verglichen. Als der stolze Professor mit seinen Assistenten loslegte, hatte es unter Künstlern in der DDR eine Neid-Debatte gegeben. Was Tübke sein "Teatrum Mundi" - Welttheater - nannte, bezeichneten kritische Kollegen (hinter vorgehaltener Hand) als Kitsch. Es war vor allem die technische Umsetzung, die provozierte. Aus 900 Sektoren bestand das Rundbild, sämtliche Umrisse von Figuren und Dingen wurden per Projektion auf die grundierte Leinwand gebracht. Das hatte es in der Kunst der DDR so noch nicht gegeben, dass einer nicht mehr alles alleine machte, sondern das Modell vorgab und dann nur bevorzugte Szenen selber ausmalte.Nach diesem Akt im September 1989 hatten die Leute erst mal andere Sorgen - und nach dem Mauerfall andere Ziele, als den Schlachtberg bei Bad Frankenhausen. Aber so allmählich und heute, 20 Jahre später, hat das 1991 in Panorama-Museum umbenannte Bauwerk (der Begriff Gedenkstätte klang zu ideologisch) ein Millionenpublikum aus allen Richtungen der Windrose. 2007 trat der Freistaat Thüringen das Museum an einen Verein ab, Immobilie und Kunst blieben im Besitz des Landes, die jährliche Landesförderung beträgt 1,3 Millionen Euro; zusammen mit den Eintrittsgeldern kommt die Einrichtung auf einen Etat von etwa 2,2 Millionen Euro. Weitere Ausstellungsräume, auch Gastronomie kamen in den letzten Jahren dazu.Als Elefantenklo belästert den Bau heute niemand mehr. Die Besucher aus West und Ost sind des Lobes voll für Werner Tübke, der in diesem Jahr achtzig geworden wäre. Die Nachdenklichen unter den zur Eile angetriebenen Touristen sehen, was man auch schon 1989 deutlich sehen konnte: Was die DDR-Bonzen sich eigentlich bestellt hatten, nämlich eine Apotheose der Revolution nach ihrem Gusto, übersetzte Tübke mit der Raffinesse und Durchtriebenheit eines Hofnarrs - eines heimlichen Rebellen also - in eine intellektuelle Huldigung der Malerei. Eine, die neben den Gleichnissen der antiken Sagen vor allem das ganze alt-und neutestamentarische Personal und Vokabular aufmarschieren lässt: die Ursprungsmythen, die in der gottlosen DDR aus dem Unterrichtsstoff in die Kunst verbannt worden waren: Schöpfung, Sündenfall, Brudermord, Apokalypse und Heilslehre. Tübke hat nicht nur schön gemalt, seine Malerei ist auch immer eine Herausforderung gewesen. Die Reisenden aus Olpe im Sauerland jedenfalls sind schwer beeindruckt von der Macht der altmeisterlichen Bilder, diesem 2 500-fachen Figurengetümmel. Auf dem Rückweg zum Bus ruft eine ältere Dame ihren Freundinnen zu: "Das ist eben noch ,richtige Malerei!'".------------------------------Foto: Elf Jahre wie Michelangelo in der Sixtina: Werner Tübke in seinem "fahrenden Atelier" auf dem Schlachtberg.Foto: Unübersehbar mächtig steht auf dem Berg der Rundbau für das Panorama. Er besteht aus 54 Beton-Zylinderschalen, die Dachkuppel ist eine Speichenradkonstruktion.