Wissen Sie eigentlich, dass bei Wikipedia noch niemand einen Artikel über Sie verfasst hat?Bei wem?Der Internet-Enzyklopädie.Um Gottes Willen, aus dem Alter bin ich raus. Aber ich schimpfe ab und zu noch herum. Es wird ja heute so schwach kritisiert. Ich konnte früher draufhauen, wenn ein Auto erschien, das 1 000 Fehler hatte. Heute wird aber mit Rücksicht auf den Anzeigenleiter geschrieben.Ist Ihnen der heutige Automobiljournalismus in Deutschland zu oberflächlich?Wem sagen Sie das. Ich vermisse, was immer ich lese, drei große Kritikpunkte. Das eine ist, dass wir endlich mal den Designern was um die Ohren hauen. Ich brauche keine Spielereien, sondern Rundumsicht im Auto. Aber vor lauter Formgeilheit bauen die mir alles zu. Ich kann doch einfach nicht mehr hinten rausgucken. Und dann heißt es, ich könnte mir eine Rückfahrkamera kaufen. Was für ein Schwachsinn.Das ist erst ein Kritikpunkt.Das andere ist die Überfrachtung mit Elektronik. Fangt doch mal endlich damit an, das zu kritisieren. Was ich mit zehn Fingern machen kann, dafür muss ich doch nicht unbedingt elektrische Hilfsmittel nehmen. Und dann versagen die Dinger doch auch gerne. Dritter Punkt: Die Kollegen jubeln und jubeln, wenn ein Auto 400 PS hat oder 450 oder noch mehr. Das ist doch alles Quatsch. Das sind Autos für einen Straßenverkehr, den es gar nicht mehr gibt. Wenn bei 150 PS Schluss wäre, ja was will ich denn darüber hinaus machen? Es ist doch nur Spieltrieb, nur zum Angeben.Die Automobilhersteller antworten darauf gern: Wir bauen das, was der Markt haben will.Wunderbar! Den Markt haben die aber zuerst verdorben, indem sie nämlich dem Käufer solche Dinge gezeigt haben, mit denen sie ihn verführt haben. Der Käufer ist ja verführbar. Gerade der Mann, für den ja ein Auto ein Spielzeug ist. Wenn Sie dem noch mehr PS reinpacken, dann strahlt der doch. Nein, man muss die Käufer erziehen. Aber das geht ja gar nicht, denn die wollen ja nur Geld machen. Gucken Sie sich mal die Aufpreislisten an. Das Auto kostet soundso viel, dann kommen die ganzen Extras dazu und dann kostet das Auto das Doppelte heutzutage.Sind Sie der Meinung, heute ist ein Auto mehr ein reines Marketingprodukt?Mit hundertprozentiger Sicherheit! Deshalb lautet meine Devise: Konstrukteure und Käufer müssen zurück auf den Teppich, gnadenlos.Glauben Sie, dass es durch steigende Spritpreise oder die Kohlendioxid-Diskussion eher dazu kommt? Vielleicht durch neue gesetzliche Grenzwerte?Das nimmt der Verbraucher schon wieder übel, weil er sich dadurch gegängelt fühlt. Ich habe schon vor Jahren geschrieben, dass die größte Spritersparnis im Gasfuß des Fahrers liegt. Da steckt ein Drittel Spritersparnis drin. Aber wenn Sie in einem Straßencafé sitzen, dann kommt immer irgend so ein Idiot vorbei, der noch zehnmal aufs Gas drückt, um Eindruck zu schinden, und das kostet jedes Mal einen Liter Sprit. Und dann will auf der Straße jeder den anderen überholen. Die Zeiten sind doch vorbei! Mir wirft man manchmal vor: Gerade Sie haben doch den Jaguar E-Type verherrlicht. Als ich 1961 meinen E-Type-Artikel schrieb, da konnte ich auf der Autobahn noch mit dem Ding spielen, weil ich damals allein war auf der Autobahn. Das geht doch heute gar nicht mehr.Sie und andere Automobiljournalisten haben aber damals auch schon geschrieben, dass man bei dem zunehmenden Verkehr ein starkes Auto braucht, um kleinste Lücken nutzen zu können und schnell voranzukommen.Sie müssen sich in die Zeit zurückversetzen. Damals waren viele Autos auch sehr schwach auf der Brust. Es ist ja abenteuerlich, wenn man bedenkt: Ein Opel Kapitän, fast ein Sechssitzer, kam mit 55 PS aus. Aber dann ist das eskaliert. Die Geister, die wir riefen, haben uns ad absurdum geführt.Und es geht immer weiter. Mittlerweile sind wir bei 1 001 PS ...Wo immer ich kann, haue ich da drauf. Meine Kollegen in den Redaktionen müssten jetzt ganz hart ran- gehen. So geht das nicht. Dass in der Presse immer nur gejubelt wird, wenn ein Auto noch mehr leistet und mehr noch PS drin sind, das ist doch reiner Wahnsinn. Aber ein Autotester ist eben auch nur ein Mann, der gerne spielt.Würden Sie gerne wieder mal ein echtes Volksauto sehen?Ich habe dem Kollegen einer großen Zeitschrift geraten: Gebt doch mal einem Mann mit einem ganz tollen Schlitten diesen Dacia für ein paar Wochen, und dann soll er am Ende sagen, was er an dem Auto eigentlich vermisst hat. Die haben das gemacht, und der Fahrer hat gesagt: Ich habe nichts vermisst. Im Gegenteil, die Leute haben mich endlich nicht mehr beneidet.Sie waren ja selber einmal an der Entwicklung eines Volksautos beteiligt.Ich habe ja den ersten wirklichen Van gebaut, das war der Autonova fam. Aber das war 1965, und da haben die Leute das Ding nicht begriffen. Man darf seiner Zeit nie zu weit voraus sein. Die Leute wollten damals noch Chrom und Chi-chi und bunt.Fahren Sie selber denn ein neueres Auto?Wo schieben Sie mich denn hin? Natürlich! Ich wohne am Wald in 700 Meter Höhe und brauche im Winter Allradantrieb und fahre deshalb seit Jahren Geländewagen.Oh!Ja, ich habe jetzt den X-Trail von Nissan, und wie ich hier in der Gegend herumfahre, braucht das Ding sieben Liter Diesel. Das pauschale Geschimpfe auf Geländewagen ist also auch schon mal falsch. Und dann habe ich ein Reisemobil. Seit vielen Jahren nehme ich mein eigenes Bett und meinen eigenen Frühstückstisch mit. Als "Stern"-Autor musste ich in der ganzen Welt herumreisen und war gezwungen, nur in Luxushotels zu wohnen. Und ich hasse diese Dinger, ich hasse sie.Noch einmal 85 Jahre weiter gedacht: Wird es noch Autos geben und wie werden die aussehen?Es wird ganz schlimm werden. Wenn die Entwicklung so ungebremst weitergeht, die Menschheit sich so vermehrt, dann kann es gar keinen Individualverkehr mehr geben. Dann springen wir auf irgendein Förderband. Ich will da gar nicht darüber nachdenken. Da freu ich mich direkt, dass ich vorher weg bin.Können Sie sich vorstellen, Ihren Führerschein abzugeben?Das ist das Schlimmste, woran ich denken kann. Es wäre das Allerschlimmste. Mein Alter klingt komisch, fünfundachtzig, aber das wirkt sich auf meinen Fahrstil gar nicht aus. Das sagt jeder, der mit mir fährt. Ich fahre mit meinem Wohnmobil noch nach Spanien. Also ich hoffe, es dauert noch ein bisschen, bis ich meinen Führerschein abgebe oder fällt zusammen mit dem Tag, an dem ich überhaupt nicht mehr bin.Das Gespräch führte Bernd Lohboden.------------------------------ZUR PERSONMit Schiebermütze und HandschuhenFritz B. Busch wurde am 2. Mai 1922 in Erfurt geboren und gilt als der Grandseigneur des deutschen Automobiljournalismus.Legendär sind seine Geschichten, die er ab 1958 in der Fachzeitschrift "auto motor und sport" unter der Überschrift "Autos für Männer, die Pfeife rauchen" schrieb.Stern-Gründer Henri Nannen holte den Pfeife rauchenden Busch nach seinem berühmten Artikel über den 1961 neuen Jaguar E-Type zu dem Hamburger Magazin.Busch schrieb eine Reihe von Büchern, darunter auch ein Kinderbuch, und gründete in Wolfegg am Bodensee sein privates Auto-Museum, in dem rund 200 Autos, Motorräder und Wohnwagen zu sehen sind. Der heute 85-Jährige schreibt nach wie vor eine monatliche Kolumne für das Oldtimer-Magazin "Motor Klassik".------------------------------Foto (2) :Autonova fam: So stellten sich Busch und seine Mitstreiter bereits 1965 eine neuartige Automobil-Generation für kleine Familien vor. Doch die Zeit war damals noch nicht reif für den Prototyp einer Großraum-Limousine.Fritz B. Busch, Altmeister des deutschen Motorjournalismus, über PS, Rückfahrkameras, Geländewagen und seinen Führerschein

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