Totgesagte leben länger, aber irgendwann ist auch mit ihnen Schluss. Das ist spätestens der Fall, wenn – wie nun bei der FDP – selbst der Wohlmeinendste erkennen muss, dass der Totgesagte alle Zweifel an seinem Abscheiden höchstpersönlich beseitigt und seinem Sterben selbst ein Ende gesetzt hat. Am parlamentarischen Abscheiden der Bundes-FDP waren darum lediglich die Entschlossenheit und die Rapidität erstaunlich, mit der die Partei ihr Los in den vergangenen Wochen selbst besiegelte.

Hatte sie jahrelang Wahlkämpfe mit dem heillosen Versprechen von niemandem gewünschter Steuersenkungen bestritten, verzichtete sie zuletzt sogar auf dieses, auf ihr einziges Thema und gab sich endlich selbst die Kugel: Ihr Flehen um die Zweitstimme als „Merkel-Stimme“ war nichts anderes als die Selbstaufgabe einer Partei, die ihren Existenzgrund so wenig zu erkennen vermochte wie die Wähler. Die FDP hat sich selbst erledigt, die Bundestagswahl hat ihr nur den Totenschein ausgestellt.

Die Freiheitliche Demokratische Partei ist am Ende, aber der Liberalismus in Deutschland ist es nicht und darf es auch nicht sein. Freilich, hinge sein Fortbestehen am Programm der FDP, an der Politik ihrer führenden Vertreter wie Philipp Rösler, Rainer Brüderle und Guido Westerwelle, wäre er seit Jahren erledigt. Denn nichts von dem, was den politischen Liberalismus und das Menschenbild, das ihm zu Grunde liegt, ausmacht, fand sich zuletzt in der Partei und bei ihren Spitzenfunktionären.

In seiner Geschichte seit 1848 gab es nur kurze Phasen, in denen der politische Liberalismus in Deutschland zu sich selbst und zu seiner Sprache gefunden hat. Einer diese Momente war Ende des Jahres 1948 in Heppenheim bei der Gründung der FDP. Damals sagte ihr erster Vorsitzender, der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss: „Ich suche den wagenden und den sich selbst behauptenden Menschen, der zugleich in der breiten Verantwortung und Gebundenheit steht.“ Das war ein anspruchsvolles Leitmotiv.

Der wagende Mensch

Wer es liest und mit dem gestanzten Gestammel der Brüderles und Röslers über die FDP als der „Stimme der Freiheit“ vergleicht, der bekommt ein klares Bild von dem, was in der Partei aus dem Liberalismus geworden ist, vor allem aber: was aus ihm hätte werden können.

Deutschland und der Liberalismus – das war schon immer eine schwierige Beziehung, weil der „wagende und sich selbst behauptende Mensch“, der Heuss vor Augen stand, den Deutschen schon immer verdächtig war. Durch alle katastrophalen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts hindurch wird der Staat von der Mehrheit der Deutschen als Zapfsäule für Lebenssinn, als bemutternder Hausvater und guter Hirte begriffen, dem man sich als Schaf und Herde anvertraut.

Es versteht sich, dass die bedeutendsten Schriften zum Liberalismus nicht in Deutschland, sondern in seinem Ursprungsland, in Großbritannien, verfasst wurden. Eine der interessantesten erschien 1953, also vor genau 60 Jahren, stammt von Isaiah Berlin, einem der geistreichsten Denker des Liberalismus, und heißt: „Der Fuchs und der Igel". Der Titel bezieht sich auf einen Ausspruch des griechischen Lyrikers Archilochos: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.“ Wer ist der Igel? Der Systemdenker, der alles „auf eine einzige Einheit“ (Berlin) bezieht, auf ein System, auf ein Prinzip, mit dem sich die Wirklichkeit erklären und begründen lässt. Und der Fuchs? Er ist der Vielwisser, fasziniert von der unendlichen Vielfalt der Dinge, der „viele, oft unzusammenhängende und sogar widersprüchliche Dinge“ verfolgt. Ein Liberaler ist demnach ein Igel, der sich und andere als Fuchs erkennt und anerkennt.

Vielleicht war Theodor Heuss ein Liberaler im Sinne Isaiah Berlins, bestimmt sind es Burkhard Hirsch und Gerhart Baum, mit Sicherheit fallen Westerwelle, Brüderle und Rösler nicht darunter. Liberalismus ist weniger ein politisches Programm, eher ein Menschenbild, das seine Erfüllung nicht im Ruf nach Steuersenkungen findet oder nach Vergünstigungen für Hoteliers, sondern im Beharren auf der Selbstverantwortung und dem Achtungsanspruch des Einzelnen und auf der von Isaiah Berlin gern zitierten Erkenntnis Immanuel Kants: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“

Deutschland braucht nicht unbedingt eine freidemokratische, aber ganz gewiss eine liberale Partei. Diese Partei wäre nicht nur unter anderem liberal, wie es die Grünen, die Christ- und die Sozialdemokraten sind, sie wäre keiner Idee verpflichtet, sondern einem Bild: dem vom Igel und vom Fuchs.

Sie wäre also eine Partei, die nicht – oder erst an hinterer Stelle – für Steuererleichterungen eintritt, sondern für Menschen- und Bürgerrechte, die Liberalismus nicht zum Synonym für Turbokapitalismus erklärt, sondern zum beharrlichen Streben nach Gerechtigkeit und Emanzipation jedes Einzelnen. In ihrem Programm müssten Sätze stehen wie dieser: „Die liberale Reform des Kapitalismus erstrebt die Aufhebung des Ungleichgewichts des Vorteils und der Ballung wirtschaftlicher Macht, die aus der Akkumulation von Geld und Besitz und der Konzentration des Eigentums an den Produktionsmitteln in wenigen Händen folgen.“ So stand es in den Freiburger Thesen, dem letzten großen gesellschaftspolitischen Entwurf der FDP von 1971.

Mit anderen Worten: Der Liberalismus muss sich in Deutschland neu erfinden. Eine Partei wird sich für ihn schon finden. Sie darf sich dann mit Recht nennen, was bei der FDP nur Anmaßung war – die Stimme der Freiheit.