ESSEN, 9. November. Die Menschen auf den Zuschauerbänken können den Mann jetzt sehen, von dem seit knapp anderthalb Jahren so viel zu lesen war. Bisher hatten sie nur Bilder von ihm. Aus den Zeitungen kannten sie seinen blutenden Kopf auf dem Pflaster der Rue Romuald Pruvost in Lens. Und einmal, beim ersten Besuch hier im Saal 101 des Essener Landgerichts, war er im Fernsehen zu sehen. Sie zeigten ihn mit starrem Gesicht und unbeholfenen Bewegungen. Dieser Mann ist Daniel Nivel. Sein Name ist der alte. Der dazugehörige Mensch ist es nicht mehr. Der französische Gendarm Daniel Nivel ist am 21. Juni 1998 im nordfranzösischen Lens einen halben Tod gestorben. Nach dem Überfall deutscher Hooligans beim Weltmeisterschaftsspiel Deutschland-Jugoslawien lag er sechs Wochen im Koma, hatte einen Schädelbruch von vier Zentimetern Länge an der linken hinteren Kopfseite und kann sich heute noch nicht daran erinnern, warum er ein invalider Mensch geworden ist.Auf der einen Seite des Saales im Essener Landgericht sitzt an diesem Dienstagvormittag der ehemalige Gendarm mit seiner Frau Lorette und seinem jüngeren Sohn Vincent. Auf der gegenüberliegenden Seite nehmen kurz vor halb zehn die Angeklagten Platz. Der Arbeitslose Andre Zawacki aus Gelsenkirchen, der Molkereiarbeiter Frank Renger aus Gelsenkirchen, der Bürokaufmann Tobias Reifschläger aus Hamburg und der gelernte Elektriker Christopher Rauch aus Magdeburg. Rauch gibt sich wie immer. Er läuft mit wiegendem Gang, lächelt breit und parliert interessiert mit seinen drei Anwälten. Manchmal schaut er zu einer jungen Frau auf den Zuschauerbänken, die er während der Untersuchungshaft geheiratet hat.Wegen des Überfalls in Lens waren die vier Hooligans des versuchten Mordes, der schweren Körperverletzung und des schweren Landfriedensbruchs beschuldigt. Der Vorsitzende Richter Rudolf Esders verkündet nun ohne große Vorrede ihr Strafmaß. "Im Namen des Volkes", sagt er, "ergeht folgendes Urteil. Die Angeklagten Renger, Rauch und Reifschläger sind der gefährlichen Körperverletzung schuldig, der Angeklagte Zawacki des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Der Angeklagte Zawacki wird zu zehn Jahren, der Angeklagte Reifschläger zu sechs Jahren, der Angeklagte Renger zu fünf Jahren und der Angeklagte Rauch zu drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt." Während Esders spricht, wendet sich Lorette Nivel an ihren Mann. Im Vergleich zum Sommer scheint es ihm besser zu gehen. Seine Mimik ist lebendiger, seine Augen sind klarer. Das Urteil aber hat er zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden. Seine Frau zeigt ihm die einzelnen Zahlen. Er liest sie auch. Verstehen wird er sie jedoch erst später. Möglicherweise.Richter Esders sieht zu den Angeklagten hinüber und sagt "wir müssen uns klar sein, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist". In Lens hätten die Bürger damals ein Fußballfest erwartet und sich dann, als die Hooligans kamen, wie in einer besetzten Stadt gefühlt. "Und doch sind die Angeklagten Menschen und keine Monster. Sie haben sich damals nur wie Monster verhalten. Trotzdem sind sie hier nach ihrer ganz persönlichen Schuld zu verurteilen. Ein Exempel, wie in vielen Briefen an das Gericht gefordert, muss zurückgewiesen werden", sagt Esders.Zawacki bekommt zehn Jahre, weil er nach Erkenntnis des Gerichts mindestens einmal mit einem Gewehraufsatz auf Nivels Kopf eingeschlagen hat der Knochen brach. Ein Sachverständiger vermutete, dass der Schlag sogar mit beiden Händen und weitausholender Bewegung geführt worden ist. "Das", so Richter Esders, "steht sittlich auf niedriger Stufe und muss als Mordversuch gewertet werden." Reifschläger, Renger und Rauch erhalten ihr Urteil, weil sie Daniel Nivel mit unterschiedlicher Intensität Schläge und Stöße versetzten, als er noch stand, und den Gendarm traten, als er bereits am Boden lag. Sie hätten Freude an diesem "Gruppenerlebnis" gehabt. Bei Reifschläger und Renger rechnete das Gericht ein frühes Teilgeständnis an. Diese beiden und Zawacki sitzen während der Urteilsbegründung mit offenen Gesichtern in ihren Bänken. Sie sehen aus, als hätten sie in etwa dieses Strafmaß erhofft und als seien sie erleichtert, halbwegs davongekommen zu sein. Nur Rauch, der mit der geringsten Strafe, fällt aus der Rolle, die er in diesem Gerichtssaal seit dem 30. April gespielt hat. Er ist erschüttert und kann das auch nicht mehr verbergen. Rauch lächelt jetzt nicht mehr, schwatzt nicht mit seinen drei Anwälten, schaut lediglich mit dunklem Blick nach unten. Nur als er abgeht, für drei Jahre und sechs Monate, sucht der Sohn aus vermögendem Hause noch einmal den Blick seiner Frau und zuckt mit den Schultern. Dann ist alles vorbei. Für die Angeklagten und das Gericht. Einen Freispruch befürchtetNur nicht für die Familie Nivel. Sie wird weiterleben müssen mit dem, was ihr passiert ist. Lorette Nivel möchte in einer kurzen Pressekonferenz noch ein paar Worte sagen. Aber es ist schwer. Sie setzt an, bricht ab. Sagt, dass härtere Strafen ihrer Familie auch nicht hätten helfen können und hört wieder auf. Oft hat die Frau des Gendarmen ein charmantes, offenes Gesicht. Jetzt aber nicht. Sie presst die Lippen zusammen und rote Flecken breiten sich auf ihrem Hals aus. Manchmal versucht sie zu lächeln, aber dann verlöschen ihre Augen wieder. Es geht erst besser, als sie Fragen bekommt, die sie beantworten kann. "Irgendwie", sagt sie, "sind wir nun doch erlöst. Nicht erleichtert, denn es ändert nichts an unserem Leben. Manchmal habe ich einen Freispruch befürchtet. Ja, wir hatten Angst vor dieser Möglichkeit." Ihr Mann sitzt daneben. Auch dieses Mal wird er kein Wort sagen. Daniel Nivel trägt eine dunkelblaue Hose mit Pullover, hellblauem Hemd und Krawatte. Seine schwarzen Haare sind immer noch ohne eine Spur von Grau. Er presst oft die Lippen aufeinander, verschränkt die Hände auf den Oberschenkeln und wendet den Kopf zu seiner Frau, wenn sie redet. Nach wie vor ist er in der Rehabilitation. Er muss wieder und immer noch lernen. Lesen, schreiben oder zeichnen. Auto fahren wird er wohl nicht mehr können. Ein Auge ist blind, das Hörvermögen ist beeinträchtigt, Geschmacks-und Geruchssinn existieren praktisch nicht mehr. "Mein Mann ist erst 44", sagt Lorette Nivel, "und hat durch den Überfall so viele Jahre verloren. Es sind viel mehr als die zusammengezählten Haftstrafen der Angeklagten."FUSSBALL-WELTMEISTERSCHAFT Haftstrafen gegen Hooligans // 21. Juni 1998: Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich, Vorrundenspiel Deutschland Jugoslawien in Lens (2:2).Nach dem Spiel greifen deutsche Hooligans auf der Straße den Gendarmen Daniel Nivel an und prügeln ihn fast zu Tode.Die Polizei nimmt an diesem Tag 93 Randalierer vorläufig fest, sieben von ihnen wurden bisher zu Haftstrafen verurteilt.