Die Sittenwächter des Weltfußballs haben wieder beeindruckende Arbeit verrichtet. Zwar liegen gegen Jack Warner, Vizepräsident des Weltverbandes Fifa, erdrückende Indizien und Beweise vor, die seine ausufernden Nebengeschäfte - und die seiner Familie - mit WM-Tickets beschreiben. Alles in allem erhärtet sich der Verdacht, dass Warners Sippe eine zweistellige Millionensumme verdient hat an der WM 2006: als Zwischenhändler, als Schwarzhändler, als Ticketverkäufer sowie in anderen legalen, halblegalen und illegalen Rollen.Der Handel mit mehr als 16 500 Karten ist bereits dokumentiert, insgesamt dürften die Warners, beheimatet in Trinidad, mit tausenden weiteren Tickets gedealt haben. Die von der Fifa beauftragten Prüfer von Ernst & Young haben einen Teil dieser Geschäfte recherchiert. Die Berichte, die einen Bruch der Ticketrichtlinien monieren, sollten geheim bleiben - doch nun stehen sie im Internet unter www.transparencyinsport.org. Wer die Berichte liest, kommt nicht umhin, das K-Wort zu benutzen: Korruption. Keine Frage, klassischer Amtsmissbrauch.Schwulstige DialektikDoch Jack Warner sitzt weiter fest im Sattel. Merkwürdig, denn einen Kollegen aus dem Fifa-Exekutivkomitee, Ismail Bhamjee, kostete schon der Handel mit zwölf Tickets im Juni den Vorstandsposten. Warner aber, der karibische Fußballfürst, zählt zu Joseph Blatters wichtigsten Stimmenbeschaffern. Er weiß zu viel, und er hat nicht nur einmal damit gedroht, auszupacken, sollte es ihm an den Kragen gehen. Also kommt er auch diesmal ungeschoren davon. Das Fifa-Exekutivkomitee ließ sich auf seiner Sitzung in Zürich eine spektakulär-dialektische Begründung einfallen: Die Ethik-Regeln, gerade mit viel Tamtam verabschiedet, sind nur auf künftige Fälle anwendbar, haben "keine retrospektive Wirkung".Retrospektiv und perspektivisch gesehen ist das wirklich schade, zumal ja Lord Sebastian Coe, neuer Chef der Ethik-Kommission, gleichzeitig schwulstete: "Wir müssen die ethischen und moralischen Grundsätze des Sports für zukünftige Generationen schützen und fördern." Nun denn, dann schützt mal schön. Und wenn es mal wieder eng werden sollte für Jack Warner, hier noch schnell drei Vorschläge, um die gestrengen Ethikregeln den künftigen Erfordernissen anzupassen:Erstens: Einführung einer Mindest-Schadenssumme - Kleinigkeiten, etwa Unterschlagungen unter fünf Millionen Euro, bleiben straffrei. Zu viel Verwaltungsaufwand.Zweitens: Einführung einer Altersgrenze für die Ahndung von Betrügereien - 60 Jahre bieten sich als Obergrenze an. Denn Warner nähert sich seinem 64. Wiegenfest.Drittens: Ab sofort werden in der Fifa nur noch Ersttäter bestraft. Das wäre noch so eine hübsch-innovative Regel. Denn in diesen erlesenen Kreisen einen Ersttäter zu finden, dürfte gar nicht so einfach sein. Jack Warner, Spitzname Jack the Ripper, ist es jedenfalls nicht. Und er wäre damit für alle Zeiten fein raus.------------------------------Foto: Sittenwächter: Skandalnudel Jack Warner legt die Fifa-Ethikregeln fest.