Gut möglich, dass Thomas Schuster und seine Kameraden das Anbaden vorziehen müssen. Dass sie nicht wie geplant erst zu Pfingsten ins Wasser gehen, sondern schon viel früher. So ganz genau weiß es der Bauingenieur nicht. Es könnte morgen passieren. Oder übermorgen. Und das bei diesen Temperaturen. "Zehn, vielleicht elf Grad hat das Wasser", sagt Schuster. Thomas Schuster ist Retter oder, um es genau zu sagen, Rettungsschwimmer. Der 29 Jahre alte Wilmersdorfer ist einer von etwa 2 500 Freiwilligen, die im Sommer an Wochenenden und an Feiertagen an der Havel, dem Wannsee, dem Tegeler See und an den Gewässern im Berliner Südosten im Einsatz sind. 20 Wochenenden - also fast den ganzen Sommer lang - wird Schuster in einer kleinen Hütte leben, an der "Station 213" geschrieben steht. Das Häuschen am Postfenn in Wilmersdorf, das in den 50er-Jahren gebaut wurde, ist grün angestrichen und aus Holz. Sind Schuster und seine Mitstreiter vor Ort, weht am Mast vor dem Haus eine DLRG-Fahne - die Fahne der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, deren Mitglied Schuster ist. Daneben steht ein Holzwagen, in dem sie manchmal bis spät in die Nacht sitzen und über Leben und manchmal auch über den Tod reden. Und über große Einsätze. Zum Beispiel den im Sommer 1998, als auf der Halbinsel Pichelswerder das Restaurantschiff Sabine II. in Brand geriet. Schuster und seine Leute waren die ersten vor Ort und sahen Gäste ins Wasser springen. "Wir holten sie an Bord und hinderten schaulustige Bootsbesitzer daran, an die Unglücksstelle heranzufahren", sagt Schuster. Die DLRG zählt neben der Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes und der Wasserrettung des Arbeiter-Samariter-Bundes zu den drei Organisationen, die in Berlin in der Arbeitsgemeinschaft Wasserrettung organisiert sind. Hunderte Freiwillige versehen dabei in ihrer Freizeit Dienst auf einer der Rettungsstationen entlang von Spree, Havel und den großen Berliner Seen. Bezahlt wird der Job nicht. Die Retter erhalten lediglich einen Obolus für angefallene Fahrkosten, sagt DLRG-Sprecher und Rettungsschwimmer Michael Neiße. Finanziert wird der Einsatz der Freiwilligen durch Mitglieds-Spenden der jeweiligen Organisationen. So sorgen knapp 9 000 DLRG-Mitglieder mit ihren Beiträgen dafür, dass der Wasserrettungsdienst existieren kann. Vom Land Berlin gibt es einen Zuschuss von rund 95 000 Euro im Jahr, Tendenz sinkend. 1997 gingen noch umgerechnet 190 000 Euro auf das DLRG-Konto. "Wer hier aktiv ist, wurde sozusagen hineingeboren", sagt Michael Neiße, dessen Eltern bereits DLRG-Mitglieder waren. Er lernte früh, wie wichtig die Arbeit der Wasserretter ist. "Seit die Bäderbetriebe die Eintrittspreise erhöht haben, haben wir deutlich mehr Einsätze", sagt Neiße. Der Grund: Um Geld zu sparen, würden viele Leute lieber an unbewachten Stränden baden gehen. Seit dem 1. Mai sind die Berliner Wasserretter wieder im Einsatz. Bis September werden sie gekenterte Segelboote aufrichten, nach vermissten Personen suchen, verunglückte Badegäste wieder beleben. Doch nicht alle Helfer werden auch in Berlin eingesetzt. "Einige arbeiten an Nord- oder Ostsee und opfern dafür sogar ihren Urlaub." Warum ist jemand so selbstlos? Schuster zögert nicht mit der Antwort: Ausschlaggebend, sagt er, seien die Kameradschaft und die Nähe zur Natur. Und: "Wir machen etwas sehr Sinnvolles." In fünf Minuten am UnglücksortDer Dienst auf seiner Station dauert jeweils von 9 bis 19 Uhr und ist klar strukturiert. Einer der fünf stets Anwesenden hat Stegdienst und beobachtet mit einem Fernglas, was auf dem Wasser passiert. Mit einer Trillerpfeife meldet er umgekippte Boote oder erschöpfte Schwimmer. Die übrigen vier Rettungsschwimmer besetzen "Pelikan 13", ein orangefarbenes Rettungsboot. "Wir können innerhalb von fünf Minuten am Unglücksort sein", sagt DLRG-Sprecher Michael Neiße. Jede Station verfüge zudem über Wiederbelebungsgeräte, über einen Sanitärraum, über Funkgeräte, die wiederum den Kontakt zu anderen Rettungskräften und zur Leitstelle ermöglichten. Im vergangenen Sommer haben die Schwimmer von der DLRG zehn Menschen das Leben gerettet. In manchen Fällen, sagt Michael Neiße, kämen sie aber auch zu spät. Und hin und wieder entpuppt sich eine Benachrichtigung auch als Fehlalarm. Zum Glück, sagt Neiße. "Wir vertreten die Ansicht: Lieber ein Anruf zu viel."------------------------------Zahlen, Fakten, Baderegeln // Wasserrettung in Berlin: Im Auftrag der Berliner Feuerwehr haben in der Hauptstadt die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sowie der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) die Wasserrettung übernommen. Es gibt 37 Landstationen, auf denen jeweils bis fünf Rettungskräfte stationiert sind. Statistik 2003: Im vergangenen Jahr mussten die ehrenamtlichen Retter 7 349 Mal ausrücken. Die meisten Einsätze absolvierte die DLRG - sie rückte 4 472 Mal aus. Die drei Hilfsorganisationen können auf 86 Boote und rund 2 500 Helfer zurückgreifen. Am häufigsten wurden gekenterte Boote wieder aufgerichtet und Crewmitglieder aus dem Wasser gezogen.Baderegeln: Um schlimme Unglücksfälle im Wasser zu vermeiden, gibt es Baderegeln, die als Faltblätter bei den Hilfsorganisationen erhältlich sind. Die wichtigsten hat DLRG-Experte Michael Neiße zusammengestellt:Baderegel I: Niemals mit überhitztem Körper ins Wasser gehen, stets abkühlen. Das verhindert Kreislaufprobleme. Auch sollten Schwimmer nicht alkoholisiert ins Wasser.Baderegel II: Nicht überschätzen! Kurze Strecken schwimmen, nicht ungeübt versuchen, das andere Ufer zu erreichen. Geht die Kraft aus, Ruhe bewahren und die kürzeste Strecke zum Land nehmen. Nicht hektisch sein - jede unnötige Bewegung kostet Kraft.Baderegel III: Wer in einen Strudel gerät, sollte nicht an der Wasseroberfläche dagegen ankämpfen, sondern sich nach unten ziehen lassen und unter Wasser aus dem gefährlichen Sog hin- ausschwimmen. Notrufe: Macht ein Badegast mit hektischen Bewegungen auf sich aufmerksam oder wird jemand vermisst - eine der fünf Rettungsnummern wählen: 362 09 50 (DLRG); 804 87 00 (DRK); 334 30 34 oder 65 88 01 70 (beide ASB) oder 112 (Feuerwehr). Weitere Informationen gibt es auch im Internet unter www.berlin.dlrg.dewww.drk-berlin.de/wasserwachtwww.asb-berlin.de/wrd/------------------------------Foto: Alles hat seine Grenzen, auch das Schwimmen. Wer unsicher ist, sollte nicht zu weit hinausschwimmen, Nichtschwimmer sollten sich in Nähe des Ufers in flachem Wasser aufhalten.