Wenn offizielle Bekenntnisse der türkische Regierung zum EU-Beitritt zunehmend wie eine lästige Pflichtübung klingen, so hat das auch mit dem sinkenden Interesse der Türken an Europa zu tun. Die Zustimmung zur EU sank rapide von rund 75 Prozent vor zehn Jahren über 35 Prozent vor zwei Jahren auf nunmehr 19 Prozent.

Die Zahlen stehen in einer Studie der Deutsch-Türkischen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung in Istanbul. Sie zeugen von einer dramatischen Europa-Enttäuschung der Türken. Drei von vier Befragten antworteten auf die Frage, ob sie die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union noch für möglich halten, mit „Nein“, nur 19 Prozent mit „Ja“. Ähnliche Ergebnisse gab es bei der Frage, ob die Türkei in den 2020er-Jahren der EU beitreten werde. 70 Prozent der Befragten halten das nicht für wahrscheinlich. Zwei Drittel glauben sogar, dass ihr Land wirtschaftlich nicht mehr auf die EU angewiesen sei und wünschen sich eine engere Zusammenarbeit mit anderen Schwellenländern wie Russland und China.

Die Schuld am Tiefpunkt der EU-Hoffnungen geben die Türken vor allem Kanzlerin Angela Merkel. Während in den vergangenen Jahren Frankreich als Hauptgegner der Mitgliedschaft betrachtet wurde, ist es nun die Bundesrepublik. 64 Prozent der Türken glauben, dass Deutschland ihrem Land den Weg nach Europa versperrt, mehr als doppelt so viele wie 2012. Als Gründe der Ablehnung vermuten 41 Prozent „Islamophobie“, 35 Prozent die Angst vor einer zu großen Türkei und rund 21 Prozent mangelnde Fortschritte bei der Angleichung an europäische Werte. Dabei erlaubt eine weitere Zahl Rückschlüsse auf die Unterstützung der Gezi-Demokratiebewegung: Rund 24 Prozent der Befragten befürworten den EU-Beitritt, weil er die Demokratisierung der Türkei befördere.

Der deutsche Ansehensverlust ist umso gravierender, da in keinem anderen Land der Welt mehr Türkischstämmige leben als in Deutschland, und die Verbindungen beider Länder historisch eng sind. Allerdings bedeuten die schlechten Werte für die europäischen Partner nicht, dass die Türken ihrer eigenen Regierung ein gutes Beitrittszeugnis ausstellen. Waren 2011 noch fast die Hälfte der Befragten der Ansicht, dass Ankara zufriedenstellend mit Brüssel verhandele, sind es jetzt nur noch 36,5 Prozent.