VISAGINAS, im September. Es ist Pilzzeit in Visaginas, der Atomwerkerstadt im Norden Litauens. In den dichten Wäldern um den Ort und das nahe Kernkraftwerk "Ignalina" sprießen Maronen und Steinpilze wie lange nicht mehr. Ausgerüstet mit Plastikeimern rücken die Sammler am Morgen scharenweise ins Holz. Zwar gibt es auch auf dem Markt am Stadtrand Pilze, doch die kauft man in Visaginas nur ausnahmsweise es könnten "Tschernobyl-Pilze" aus dem nahen Weißrußland dabeisein. Sechs Kilometer weiter östlich, im Kernkraftwerk "Ignalina", läuft derweil ein Atommeiler des gefürchteten Tschernobyl-Typs RBMK in Dauerbetrieb, ein zweiter soll nach fünf Monaten Pause im Oktober wieder ans Netz. Der riesige, hellgraue Hallenkomplex, dessen rotweiße Kamine die Landschaft am Druksiai-See dominieren, wurde Anfang der neunziger Jahre in Papieren der EU und der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO als eine der unsichersten Atomanlagen der Welt geführt. Damals waren die Experten im Westen einig, daß RBMK-Meiler sicherheitstechnisch nicht nachrüstbar seien und umgehend abgeschaltet werden müßten.Inzwischen flossen, meist aus westlichen Krediten, 100 Millionen Dollar nach "Ignalina" unter Mitarbeit westlicher Experten wurden der Anlage technische Krücken verpaßt. Doch diese können den heute üblichen Sicherheitsstandard nicht sichern, weshalb EU-Umweltkommissarin Ritt Bjerregaard auch jüngst wieder die Schließung der RBMK-Meiler forderte."Das Atomkraftwerk", so betont der zuständige Vizeminister Viktoras Valentukevicius, "produziert über achtzig Prozent unseres Strombedarfs, dieser Abhängigkeitsgrad ist weltweit einmalig." Die Entscheidung zum Bau der Anlage wurde einst in Moskau getroffen. Block 1 der Anlage nahm 1983 den Dauerbetrieb auf, Block 2 folgte 1987. Für das heutige Litauen allein ist das Werk mit einer installierten Leistung von 3 000 Megawatt viel zu groß. Zwar wird innerhalb des weiterbestehenden UdSSR-Netzes Strom an Nachbarn geliefert, doch auch deren Bedarf ist stark gesunken, hinzu kommen Zahlungsprobleme. Daß Litauen deshalb Atom-Strom in den Westen verkaufen will, bestätigt schließlich auch Valentukevicius: "Das Geld wird für Investitionen gebraucht." Hinter dem scharf bewachten Eingangstrakt gleicht "Ignalina" dem Katastrophenkraftwerk Tschernobyl aufs Haar: das Halbrund der Computerwände in der nüchternen Schaltzentrale, der hohe Reaktorsaal mit dem stahlblitzenden Abdeckkreis über dem Meilerkern, die überlange, vibrierende Turbinenhalle, das verwirrende Labyrinth der Treppen und Gänge. Selbst Vize-Produktionschef Nikolai Katkow, der bereitwillig erklärt, irrt sich schon mal in der Tür. Was nur Fachleute sehen: Wie in Tschernobyl fehlen in "Ignalina" zwei im Westen längst unerläßliche Dinge eine äußere Reaktorhülle zum Schutz der Umwelt bei Unfällen und ein zweites, unabhängiges Abschaltsystem.Zum Politikum wurde "Ignalina" erstmals 1987/88, als vom Tschernobyl-GAU ausgelöste Anti-Atom-Proteste in Litauen zu einem Ausgangspunkt der Unabhängigkeitsbewegung wurden. Heute ist das Werk kein Thema mehr. "Viele Leute kämpfen um ihre soziale Existenz", erklärt Ruta Vaicuinaite vom "Regionalen Umweltzentrum" in Vilnius. Auch seien viele Litauer nach Erringung der Unabhängigkeit vom Ausbleiben russischer Brennstofflieferungen direkt betroffen gewesen. Die Energiekrise damals habe die Reaktoren im öffentlichen Bewußtsein zu Säulen der Unabhängigkeit werden lassen.Schließlich wurde das Festhalten Litauens an "Ignalina" auch vom Westen sanktioniert. 1994 unterzeichneten die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und die litauische Regierung ein Abkommen, worin die Bank umgerechnet 70 Millionen Mark zum Heben des Sicherheitsstandards zusagte. Im Gegenzug verpflichtete sich Litauen, von westlichen Experten eine nur auf Block 1 bezogene Sicherheitsanalyse nach internationalem Standard erstellen zu lassen. Ein konkreter Abschalttermin wurde nicht vereinbart. Litauen mußte nur zusagen, den bei RBMK-Reaktoren üblicherweise nach 16 bis 17 Jahren technisch notwendigen Wechsel von Druckrohren nicht vorzunehmen, sondern die Blöcke dann also spätestens kurz nach der Jahrtausendwende stillzulegen. "Da man ein Abschalten des Werks nicht durchsetzen konnte, mußte man versuchen, den Weiterbetrieb, der möglichst kurz sein sollte, sicherheitstechnisch noch verantwortbar zu machen", erklärt Jochen-Peter Weber von der Kölner Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS). Der deutsche Atomfachmann arbeitete an jener Sicherheitsstudie direkt mit, die 1997 schließlich vorgelegt wurde. Das Expertise-Ergebnis und die gebremste Reaktion des "Ignalina"-Managements lassen jedoch bezweifeln, daß das von Weber genannte Ziel erreichbar ist.Die Studie klammert den irreparablen Grundmangel von RBMK-Meilern, die fehlende äußere Hülle, praktisch aus. Beschrieben werden jedoch insgesamt 73 Maßnahmen, die notwendig wären, um "Ignalina" wenigstens ansonsten sicherer zu machen ein als "Empfehlungs"-Liste gefaßter Forderungskatalog der Experten. Dringend angeraten wird in der Studie schließlich, das Werk abzuschalten, "bis eine zufriedenstellende Demonstration der Sicherheit in den Schlüsselbereichen gegeben ist".Doch selbst dieses Konzept eingeschränkter Sicherheit ist bisher nicht umgesetzt. "Wir arbeiten daran", erklärt der Technische Direktor Gennadi Negrivoda. GRS-Experte Weber, der häufig vor Ort ist, beklagt: "Es fehlt an qualifizierten Leuten. Es geht alles sehr viel langsamer als gedacht." Wenn Block 1 im Oktober wieder ans Netz ginge, werde "ein wesentlicher Bereich nicht wie gefordert abgearbeitet sein: dem Reaktor wird weiterhin ein unabhängiges Notabschaltsystem fehlen". Ganz zu schweigen davon, daß die Problem-Liste auch auf den derzeit laufenden Block 2 zutrifft. Dort aber fanden bislang kaum Umrüstungen statt in nächster Zeit sind sie auch nicht geplant.Dafür hat die westliche Expertengruppe ihr eigenes, nach internationalem Standard ohnehin nur fragmentarisches Ertüchtigungskonzept noch weiter aufgeweicht. Mit Blick auf den extrem großen Aufwand für eine unabhängige Notabschaltung habe man vorgeschlagen, an deren Stelle "zunächst eine Reihe kompensatorischer Maßnahmen einzuführen", erklärt Weber.Inzwischen veranstaltete Litauens Regierung eine Ausschreibung für die Finanzierung und den Bau eines Leitungsnetzes, das Strom-Überschüsse aus "Ignalina" nach Westeuropa transportieren soll. Den Zuschlag erhielt ein Firmenkonsortium unter Führung der US-amerikanischen CalEnergy, dem auch Siemens angehört. Die Kosten sollen 400 Millionen US-Dollar betragen; Zeitungsberichten zufolge verpflichtet sich Litauen, zehn Jahre lang sechs Milliarden Kilowatt jährlich zum Preis von nur 0,10 Litas (rund 0,05 Mark) je Kilowattstunde zu liefern. "Bei diesem Preis", so der Sprecher eines deutschen Stromversorgers, "bleibt mir die Spucke weg."Der Leitungsbau durch Polen fügt sich in den Rahmen des "Baltic Ring"-Projekts, der Kooperation von 18 Stromversorgern des Ostseeraums darunter Veag und PreussenElektra aus Deutschland. Obwohl "Baltic Ring" weitgehend von der EU finanziert wird, reagierte man in Brüssel erstaunt. Wieso, so die verspätete Anfrage in Vilnius, schließt Litauen so langfristige Vereinbarungen über Stromexporte ab, wenn "Ignalina" doch laut EBRD-Abkommen in wenigen Jahren abgeschaltet werden muß spätestens dann, wenn die Reaktorrohre auszutauschen sind?"Der Vertrag wird natürlich eingehalten", erklärt Vize-Minister Valentukevicius. Allerdings gehe man inzwischen davon aus, daß jene Rohre erst viel später ausgewechselt werden müßten, als zunächst angenommen. Als Grund führt Valentukevicius an, daß die Reaktoren eben wegen fehlender Absatzmärkte für "Ignalina"-Strom seit Jahren gedrosselt liefen. Und er spricht von häufigen Stillständen verursacht durch Zwischenfälle und Reparaturen. "Ich denke", so der Vizeminister, "daß Block 1 über das Jahr 2005 hinaus laufen kann." Und Block 2? "Noch nach 2010."