EU-Kommissar : Dalli und die 100 Millionen

STRASSBURG - Müde soll er gewirkt haben und fahrig, so jedenfalls schildern es Teilnehmer einer EU-Konferenz im vergangenen Juli auf Zypern. Mancher in der Runde wunderte sich, über den sonst so aufgeräumten EU-Kommissar John Dalli. Die International Herald Tribune liefert eine Erklärung. Dalli sei zu einem Kurztrip auf die Bahamas geflogen, so die Zeitung, und völlig übermüdet eingetroffen. Von einer Stiftung auf den Bahamas ist die Rede, einem guten Zweck. Und 100 Millionen Dollar.

Dalli wies die Vorwürfe am Dienstag zurück. „Ich habe der Zeitung erklärt, dass ich jemanden beim Aufbau einer gemeinnützigen Stiftung beraten habe“, sagte Dalli der Zeitung Malta Today. Die Stiftung ist eine weitere Merkwürdigkeit in einem merkwürdigen Fall. Dalli hatte im vergangenen Oktober sein Amt als Gesundheitskommissar aufgeben müssen. Wegen eines nicht deklarierten Bestechungsversuches durch die Tabaklobby, sagt die Kommission.

Eine Verschwörung wittert hingegen John Dalli. Als Gesundheitskommissar hatte er an einer strengen Anti-Tabakrichtlinie gearbeitet. Er wollte die sogenannten E-Zigaretten verbieten. Dalli glaubt bis heute, das sei einigen zu weit gegangen.

Ein Gericht in Malta sprach ihn unlängst vom Vorwurf der versuchten Bestechlichkeit frei. Nun aber droht neues Ungemach. Die EU-Antikorruptionsbehörde Olaf erklärte, sie würde gegebenenfalls wegen der Bahamas-Reise neue Ermittlungen aufnehmen. Der Fall Dalli jedenfalls wird immer verworrener.

Dass die International Herald Tribune Dalli-Gate auf ihrer Titelseite direkt neben den Enthüllungen um den Geheimdienst NSA platzierte, ist eine weitere Merkwürdigkeit in diesem merkwürdigen Fall. Sollen sich nicht so haben, die Europäer. Eh ein windiger Laden. Aufklärung rund um Reisen und Bestechungsversuchen kann vermutlich nur die NSA liefern. Ein trauriger Fall.