BERLIN/BRÜSSEL, 3. Mai. Angesichts des ungebremsten Wertverlustes des Euro hat die deutsche Wirtschaft vor einem verfrühten Beitritt Griechenlands zur Europäischen Währungsunion gewarnt. Industrieverbandspräsident Hans- Olaf Henkel sagte der "Berliner Zeitung": "Vor dem Hintergrund der derzeitigen Euroschwäche wäre es ein verheerendes Signal", wenn Ausnahmen von den Betrittskriterien zur Währungsunion für Griechenland zugelassen würden; dort betrug die Staatsverschuldung voriges Jahr 104,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, nach den Kriterien zur Aufnahme in die Währungsunion liegt der höchstens zulässige Wert bei 60 Prozent.Der Euro war am Mittwoch erstmals unter die Marke von 0,90 US-Dollar auf einen neuen Tiefstand gesackt - am Nachmittag legte die Europäische Zentralbank (EZB) den Wert bei 0,8913 Dollar fest. Zuvor hatte sich die EU-Kommission dafür ausgesprochen, Griechenland in die Währungsunion aufzunehmen. Damit schuf sie die Voraussetzung für den Euro-Beitritt Athens zum 1. Januar 2001, der nun beim EU-Gipfel in Porto im Juni beschlossen werden kann. Währungskommissar Pedro Solbes sagte, das Land erfülle die Voraussetzungen für den Euro-Beitritt. Dies gelte auch für die beiden kritischsten Punkte, die Inflationsrate und die Finanzlage der öffentlichen Hand: Mit einer Preissteigerungsrate von zuletzt 2,0 Prozent liege Griechenland unter dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Euro-Länder. Seit vier Jahren gehe auch die Staatsverschuldung zurück: 2001 werde der Schuldenstand voraussichtlich unter die Marke von 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) sinken.Kritischer äußerte sich die EZB. Ihr Vizepräsident Christian Noyer mahnte die griechische Regierung, die Sanierung der öffentlichen Finanzen noch entschlossener voranzutreiben. "Es bestehen nach wie vor Bedenken, ob die Verschuldungsrate schnell genug verringert wird", sagte Noyer. Die Konsolidierung der Staatsfinanzen sei auch erforderlich, um den Preisauftrieb dauerhaft zu dämpfen."Aufnahme verschieben" Henkel verlangte: "Auch für Griechenland müssen die Konvergenzkriterien gelten, die für alle anderen Staaten aufgestellt wurden." Zwar habe sich Athen "in vorbildlicher Weise dafür eingesetzt, die Grundlagen für eine bis dahin in Griechenland unbekannte Stabilitätskultur zu schaffen". Aber es bleibe "eine Herkulesaufgabe für die Regierung, die Stabilitätskriterien dauerhaft zu erfüllen". Der Präsident des Bundesverbands des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), Michael Fuchs, forderte, die Aufnahme Griechenlands in die Währungsunion um ein Jahr zu verschieben. Die Entscheidung müsse "auf Grund harter ökonomischer Fakten" fallen, verlangte Fuchs. Diese seien noch nicht erfüllt.Die Bundesregierung reagierte auf den Eurokursverfall demonstrativ gelassen. Das Finanzministerium betonte, Inflationsgefahren gebe es in Euroland nicht. Ein Sprecher sagte: "Wegen der negativen Auswirkungen auf den Bundeshaushalt wünscht die Bundesregierung keine weiteren Zinserhöhungen." Auch die Grünen warnten die EZB: "Hektische Zinserhöhungen würden der Konjunktur schaden", sagte die erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, Kristin Heyne.(Leitartikel Seite 4, Wirtschaft Seite 37)