Istanbul - Wenn der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Sonnabend in der Kölner Lanxess-Arena zu den Deutschtürken spricht, werden rund 20.000 ausgesuchte Besucher dem konservativ-islamischen Politiker zujubeln. Dass sie nicht repräsentativ für die in Deutschland lebenden türkischstämmigen Migranten sind, werden vermutlich ebenso viele Gegendemonstranten unter Beweis stellen. Doch wie die Deutschtürken politisch denken, und wen sie tatsächlich wählen, war bis vor einem halben Jahr noch weitgehend unbekannt – bis ein deutschtürkischer Wissenschaftler im November 2013 eine Umfrage mit erstaunlichen Ergebnissen vorstellte.

„Es gab viele Mutmaßungen und Einschätzungen, aber keine seriöse Studie zum Wahlverhalten der türkischstämmigen Bürger“, sagte Murat Erdogan, Direktor des Zentrums für Migration und politische Wissenschaften der Hacettepe-Universität in Ankara, der Berliner Zeitung. Für die repräsentative Erhebung zusammen mit dem Berliner Markt- und Meinungsforschungsinstituts Data 4U wurden 2 244 Personen über 18 Jahren in elf Bundesländern telefonisch befragt. Etwa die Hälfte von ihnen besaß die deutsche oder die doppelte Staatsbürgerschaft.

Beteiligung gestiegen

Es stellte sich heraus, dass sich die türkischstämmigen Wahlberechtigten bei den Bundestagswahlen im September 2013 mit rund 70 Prozent beteiligten – das entspricht fast exakt dem bundesrepublikanischen Durchschnitt von 71,5 Prozent und ist dramatisch mehr als bei der Bundestagswahl 2009, als nur etwa 25 Prozent ihre Stimme abgegeben hatten. „Die hohe Beteiligung der türkischstämmigen Wähler spiegelt ihre zunehmende soziale und politische Sensibilität wider“, sagt Murat Erdogan. „Es heißt aber auch, dass es ein großes Stimmpotenzial gibt, dessen sich die deutschen Parteien bewusst sein sollten.“

In Deutschland gibt es 951.000 Wahlberechtigte mit Wurzeln in der Türkei, die etwa 1,5 Prozent der 61,8 Millionen Wahlberechtigten ausmachen. Insofern sind sie im neuen Bundestag exakt angemessen vertreten. Dort sitzen jetzt elf türkischstämmige Abgeordnete, die 1,7 Prozent der 631 Parlamentarier stellen.

Mit weitem Abstand sind die Sozialdemokraten immer noch am beliebtesten bei den türkischstämmigen Wählern. Die SPD erhielt 64 Prozent der Einwandererstimmen, was in absoluten Zahlen 425.000 Stimmen entspricht. Grüne und Linkspartei lagen mit jeweils 12 Prozent (80.000 Stimmen) gleichauf. Die Christdemokraten steigerten ihr Ergebnis im Gegensatz zur letzten Bundestagswahl von fünf auf sieben Prozent (45.000 Stimmen).

Für die Migrantenpartei „Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit“ (BIG) entschieden sich drei Prozent (24.000 Stimmen) der Wahlberechtigten mit türkischen Wurzeln. Die übrigen Parteien kamen zusammen nur auf zwei Prozent.

90 Prozent fühlen sich zu Hause

Die wahlberechtigten Deutschtürken „seien in der Bundesrepublik angekommen“, erklärt Forschungsleiter Erdogan. 90 Prozent fühlten sich in Deutschland zu Hause und entschieden sich bei der Stimmabgabe primär aufgrund ihrer hiesigen Situation und Rechte. „Einflüsse aus der Türkei, Ereignisse in der Türkei und die deutsch-türkischen Beziehungen spielen bestenfalls eine untergeordnete Rolle.“ So hätten die landesweiten Gezi-Proteste im vergangenen Jahr nur für rund 19 Prozent der Befragten Bedeutung gehabt.

Klarer Favorit der Deutschtürken in der Türkei ist mit 58 Prozent jedoch Tayyip Erdogans konservativ-religiöse AKP. „Wir haben uns selbst darüber gewundert, wie schizophren die Türken in Deutschland politisch denken“, sagt Murat Erdogan. „Sie verhalten sich bei ihrer politischen Wahlentscheidung in Bezug auf die Bundesrepublik eher rational, während sich die Wahlentscheidung in Bezug auf die Türkei primär von der Ideologie, dem Glauben und von Emotionen beherrscht werden.“