Den Haag - „Weniger, weniger“, skandierten vor einer Woche die Anhänger von Geert Wilders in Den Haag, als der niederländische Rechtspopulist am Abend der Kommunalwahlen fragte, ob seine Zuhörer mehr oder weniger Marokkaner im Lande haben wollten. Damit aber hat Wilders, einziges offizielles Mitglied seiner Freiheitspartei PVV, das Land gegen sich aufgebracht. Selbst der rechtsliberale Premier Mark Rutte, der sich schon einmal mit seiner Minderheitsregierung von Wilders und dessen Abgeordnetenkollegen tolerieren ließ, musste erklären: „So lange die Partei diese Positionen einnimmt, kommt eine Zusammenarbeit nicht infrage.“

Auch in den eigenen Reihen rumort es, und es scheint, dass Wilders diesmal zu weit gegangen ist. Im Parlament verließ der Abgeordnete Joram van Klaveren die Fraktion der PVV, und Laurence Stassen erklärte am Wochenende per SMS: „Als Spitzenkandidat für die Europawahl stehe ich nicht zur Verfügung.“ Also musste Wilders in aller Eile neu suchen. Unter seinen Kandidaten, die er am Montagabend benannte, war schließlich auch eine ehemalige Praktikantin aus seinem Büro.

Für die Rechtspopulisten in der EU, die den Europawahlen im Mai mit großen Erwartungen entgegensehen, kommt Wilders’ Fehltritt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Denn es zeigt sich jetzt, dass durch ihre Reihen ein tiefer Riss geht – und dass die Partner in entgegengesetzter Richtung unterwegs sind.

Der Front National lernt dazu

Wilders hatte den Rechtspopulismus im vergangenen Jahrzehnt neu definiert. Er verzichtete auf antisemitische Töne, mit denen in der Vergangenheit vor allem der Front National in Frankreich punktete. Seine Ausländerfeindlichkeit verpackte er in Islamkritik, kämpfte für die Rechte der vom Islam unterdrückten Frau oder für Meinungsfreiheit. Und nun dieser Schwenk.

Der Front National wiederum nahm sich Wilders’ neuen, weniger aggressiven Stil zum Vorbild, als Marine Le Pen 2011 den Vorsitz der Partei von ihrem Vater Jean-Marie übernahm. Sie setzt auf eine soziale Agenda, wirbt für Staatsinterventionismus und höhere Mindestlöhne. Als der Soziologe Pascal Perrineau kürzlich Wählern Aussagen von Marine Le Pen vorlegte, fanden ihre Positionen zur Sozialpolitik noch mehr Zustimmung als ihre Aussagen zum Wert der Nation. Nur ihre Forderungen, Frankreich solle aus Nato und Euro-Zone austreten und sich gegen die Globalisierung abschotten, fallen bei den allermeisten Wählern durch.

Wilders wie Le Pen versprachen der von Abstiegsängsten geplagten Mittelschicht die Segnungen des alten Wohlfahrtsstaates. Während die Französin aber ihrer Partei den Rassismus abgewöhnte, sucht der Niederländer nun ausgerechnet im Rassismus sein Heil. Das im vergangenen Jahr erst für die Europawahlen vereinbarte Bündnis zwischen beiden steht vor dem Bruch.

Die Spaltung kann Folgen haben. Le Pen träumte von einer eigenen rechtspopulistischen Fraktion im EU-Parlament. Dafür müsste sie 25 Abgeordnete aus sieben Mitgliedstaaten zusammenbringen. Laut Umfragen können die Rechten auf 38 Abgeordnete hoffen, die aber nur aus sechs Ländern kommen dürften. Wilders’ Rüpeleien machen den Wahlkampf nicht leichter.