MADRID. Die Frage des deutschen Journalisten war präzise gestellt. Und die Antwort des Kanadiers Richard Pound ließ nichts an Klarheit zu wünschen. Was er von der Idee der europäischen Politiker im Wada-Vorstand halte, sein Amt als Präsident der Weltantidopingagentur (Wada) noch ein Jahr zu verlängern? "Ich sage kurz und bündig: Nein", retournierte Pound. "Die Regierungen sollen einen Kandidaten für die Wada-Präsidentschaft stellen. Das ist der Deal."Pound war vor vier Jahren schon einmal gebeten worden, seine Präsidentschaft nicht niederzulegen. Diesmal bleibt er hart und beobachtet das hilflose, peinliche Possenspiel der Regierungsvertreter im Wada-Stiftungsrat fassungslos. Es wird sich bis zum Sonnabend, wenn am letzten Tag der 3. Weltantidopingkonferenz in Madrid der neue Wada-Präsident bestimmt wird, kaum noch etwas ändern: Es gibt nur einen Kandidaten, John Fahey (62) aus Australien, der dort früher Finanzminister war und als Premier des Bundesstaats New South Wales auch dabei half, die Sommerspiele 2000 nach Sydney zu holen. Allerdings ist weithin unbekannt, was Fahey für den eminent wichtigen Posten des Wada-Präsidenten qualifiziert.Kaum jemand aus dem sportpolitischen Zirkus hat Fahey je gesehen. Selbst eine Branchengröße wie Alain Lunzenfichter von der französischen Sportzeitung L'Equipe, der alles und jeden kennt und Personalentscheidungen mitunter vor den betreffenden Funktionären selbst erfährt, muss bei Fahey passen. Auf der ersten Pressekonferenz, die Pound am Mittwoch im Kongresszentrum in Madrid gab, vermutete Lunzenfichter, jüngst Ghostwriter der Autobiografie von IOC-Präsident Jacques Rogge, Fahey unter den Anwesenden. Doch der Mann in Reihe fünf, den Lunzenfichter als Fahey enttarnt glaubte, war auch bloß ein Reporter.Europas famose Sportpolitiker im Stiftungsrat, darunter Christoph Bergner, ehemals Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, heute Parlamentarischer Staatssekretär in Schäubles Bundesinnenministerium, lernten John Fahey am Dienstag erstmals kennen. "Wir wünschen uns einen Europäer als Wada-Chef", hatte Bergner kürzlich dem Deutschlandfunk gesagt. "Aber wir können jetzt niemanden mehr aus dem Hut zaubern." Man würde gern den früheren britischen Sportminister Richard Caborn lancieren, der derzeit als Lobbyist der englischen Bewerbung für die Fußball-WM 2018 tätig ist.Mysteriöser RücktrittDas Personalproblem hatte sich vor einem Monat zugespitzt, als der ehemalige französische Sportminister Jean-Francois Lamour überraschend seinen Verzicht auf die Wada-Kandidatur erklärte. Lamour war vor einem Jahr von 44 europäischen Sportministern nominiert worden. Elf Monate später überlegte er es sich anders. "Er hat noch nicht mal auf meine Anrufe reagiert", sagt Pound.Pound sagt übrigens nie "Jean-Francois Lamour", er sagt selten "John Fahey", er spricht von den Herren nur in der dritten Person Singular. Er drückt damit seine Missachtung aus. Zumal der Umfaller Lamour "ja noch ziemlich ärgerliche Dinge über die Wada gesagt hat", erklärt Pound. "Wer soll das alles verstehen? Da wollte jemand Wada-Präsident werden und hat sich ziemlich dafür engagiert, doch plötzlich sah er alles anders, hat sich mit niemandem beraten, ist einfach zurückgetreten und hat komische Sachen erzählt."Warum Lamour wirklich zurückgetreten ist, bleibt mysteriös. Es könnte mit seiner Vergangenheit als Säbelfechter (er war 1984 und 1988 Olympiasieger) zusammenhängen, mit den Geschichten um positive Dopingproben und verpasste Dopingtests. Lamour hat stets vehement argumentiert, er habe sich als Athlet nie etwas zu Schulden kommen lassen. Doch die Sachverhalte konnte er nicht wirklich glaubhaft ausräumen.Pound denkt gar nicht daran, die Narretei um die Wada-Präsidentschaft mit einer weiteren Absurdität zu krönen. Er steht für die Europäer nicht bereit, die ihn länger im Amt sehen wollten, um Zeit für neuerliche Kandidatenfindung zu gewinnen. "Wenn die Europäer sich nach langem Zaudern auf den falschen Kandidaten geeinigt haben, ist das ihr Fehler", sagt Pound. "Sie können dafür nicht den Rest der Welt verantwortlich machen."------------------------------Foto: Für Experten ein Phantom: Kandidat John Fahey (62) aus Australien.