PAKS/PRAG/KATOWICE - Es ist eine kleine Zeitreise. Nicht nur in die Anfänge der Umweltbewegung, auch modisch. Türkisgrün leuchten die Schaltanlagen im ungarischen Atommeiler Paks und bakelitschwarz die kleinen Drehschalter. Da passt der schlecht sitzende Anzug des Sicherheitsingenieurs in postsowjetgrau gut ins Bild. „46 Prozent des ungarischen Stroms werden hier produziert“, erläutert der Mann. Aber Benedek Jávor will anderes wissen. „Wie war das beim Störfall hier 2003?“, fragt der ungarische Grünen-Abgeordnete und der Ingenieur muss kurz stammeln.

Sprachlosigkeit. Das erleben Umweltaktivsten oft im Osten Europas. Und eine gewisse Ignoranz für ihre Themen. Statt den Gefahren der Atomkraft geht es hier um Energieunabhängigkeit von Russland. Rebecca Harms, Grünen Fraktionschefin im Europaparlament, setzt daher auf klassische Werte wie Arbeit: Bei der Pressekonferenz am Ufer der Donau vor dem Budapester Parlament erklärt sie den Green New Deal: „Die Energiewende bringt mehr Arbeitsplätze in zukunftsfähigen Branchen!“.
Ihre Reise ist eine Schützenhilfe für die Grünen in Ungarn.

Der Aufbau Ost kommt nicht voran

Und in Osteuropa. Denn wenn Europas Grüne am Wochenende in Brüssel zusammenkommen, um über die Europawahl im Mai 2014 zu beraten, plagt sie ein ernstes Problem. Der Aufbau Ost kommt nicht voran. Grün ist in den östlichen Mitgliedstaaten der EU noch eine zarte Pflanze. Der Abgeordnete Jávor hat im ungarischen Parlament gerade mal 14 grüne Mitstreiter, und nicht mal mehr das. Denn im Streit um eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten haben sich die Grünen in Ungarn gespalten. In Tschechien hat die Partei bei den jüngsten Wahlen Ende Oktober den Einzug ins Parlament verfehlt und in Polen haben die „Zieloni“ gerade mal dreihundert Mitglieder. Landesweit. Dürre Zeiten also für grün.

„Man muss das verstehen“, sagt Jávor. „Nach der Wende ist hier ein stark polarisiertes Parteiensystem entstanden, das es den Grünen schwer macht sich zu etablieren.“ Und die Krise macht ein Übriges. „Hier geht es in erster Linie um Jobs, Jobs, Jobs“, sagt Jávor. „Wir müssen den Menschen hier erst einmal klar machen, dass grüne Ideen keine grünen Träumereien sind.“

Die Grünen im Westen kennen das aus ihren Anfangsjahren. Im Osten Europas fällt das Träumen schwer. Grün als Investition in die Zukunft, das ist nicht einfach zu vermitteln in den Ländern des Ostens mit zehn Prozent Arbeitslosen wie in Ungarn. Hier zählt erst einmal die Gegenwart. Und die ist vielleicht postkommunistisch, aber (noch) nicht postmateriell. In Tschechien etwa müssen sich Umweltaktivisten, die gegen den Einsatz der chemischen Keule gegen Borkenkäfer im Böhmerwald kämpfen, heimlich mit Journalisten treffen. In der Kneipe wäre das zu gefährlich.

Ondrej Liska sitzt in einer Hotelbar in Prag. Der Mann könnte auch locker aus der Berliner Szene-Bar „3“ kommen, modische Brille mit dickem Rand, Strickjacke mit Ellenbogenschonern. Hipster light. Liska ist 36, aber er war schon tschechischer Bildungsminister. Und das als Grüner. Schließlich gab es hier mit Vaclav Havel einen Präsidenten, der öffentlich erklärte, die Grünen seien seine Partei. Und es gab von 2007 bis 2009 eine Regierung mit grüner Beteiligung, danach freilich flogen die Grünen aus dem Parlament. „Unser Fehler war nicht, dass wir die Koalition eingegangen sind, sondern dass wir die Regierung zu spät verlassen haben“, sagt Liska.

Kein Mithalten mit dem populistischen Milliardär

3,2 Prozent haben Liskas Grüne bei den Parlamentswahlen Ende Oktober erzielt. Zu wenig für das Parlament. Aber immerhin genug, um staatliche Gelder für die Parteiarbeit zu erhalten. Mit dem populistischen Milliardär Andreij Babis können die Grünen dennoch nicht mithalten. Zweistärkste Kraft ist dessen Partei bei den Wahlen geworden. Aus dem Stand. Nach den Wahlen setzen die Menschen auf neoliberale Ideen, geblieben ist davon nur ein Aktionärsverständnis von Politik. Gewählt wird, wer viel verspricht. Liska sprich von einer „Berlusconisierung der Politik“.

Europa ist da weit weg. Es zählt für viele hier als Sicherheitsanker. Vor allem aber als großer blaugelber Fördertopf. Umwelt zählt hier nicht. „Eine rein ökologische Partei hat im Osten Europas keine Chance“, sagt Liska. Trotz des Atommeilers Temelin. Er weiß, dass sich die Grünen hier thematisch breiter aufstellen müssen. Er spricht von Bürgerrechten, demokratischer Teilhabe und von sozialen Themen. Und auch von Netzpolitik. Nur kann man mit den erfolgreichen Piraten hier nicht zusammenarbeiten. „Wirtschaftspolitisch sind die viel zu neoliberal“, sagt Liska.

Es ist ein merkwürdiger Kampf. Mit der Wende zerbrach die alte Ordnung, es kam ein neoliberaler Schwung und dann populistische Enttäuschung. Und so führen Liska und seine Mitstreiter einen einsamen Kampf für eine Zivilgesellschaft. Die Wahlgrafiken der Zeitungen zeigen nur in den Städten ein zartes Grün. „Auch wir hatten zunächst ein klassisches Stadt-Land-Gefälle“, versucht Rebecca Harms Mut zuzusprechen.

Der Zug erreicht Polen

Die Fraktionschefin will die Grünen als Spitzenkandidatin in den Europawahlkampf führen. Doch die Aussichten sind nicht günstig. Auch im krisengeschüttelten Süden schwächelt die Partei. 58 Abgeordnete hat die Grüne-Gruppe derzeit im Parlament, viertstärkste Kraft. Im nächsten Parlament könnten es zehn Abgeordnete weniger sein. Weiter geht es mit dem Zug durch die grünen Problemzonen. Draußen ziehen Kohlekraftwerke vorbei und aufgelassene Fabriken. Und schon bald erreicht der Zug Polen.

Das Land diskutiert über den Bau eines AKW in Zarnowiec, findet aber keinen Investor. Es debattiert über Schiefergas, doch regt sich Widerstand, etwa in Zurawlow. Eigentlich ein gutes Umfeld sollte man meinen. Aber die Energiepolitik hat es schwer. Das Land setzt auf Kohlekraft. In der kommenden Woche startet in Warschau die UN-Klimakonferenz. Aber die deutsche Energiewende sieht man hier als Luxusproblem. Die Grünen bitten zu einer Gegenkonferenz. Aber auch Polens Regierung ist nicht untätig. Ungeniert laden sie zu einer Tagung über Kohlestrom ein.

Am Rande von Katowice präsentiert ein Investor in einem Industriepark stolz ein energieeffizientes Bürogebäude. Das modernste in Kontinentaleuropa. Nebenan ziehen Maurer schon das nächste Gebäude hoch. Aber unten in der Stadt empfängt der Marschall, eine Art Regierungspräsident, der Region Schlesien die Grünen-Delegation. Der Marschall hofft vor allem auf Fördergelder aus Brüssel für neue Busse und Trambahnen. Er sagt aber auch: „Atomkraft ist für das Klima besser als Kohle.“ Es ist noch ein weiter Weg. „Wir stellen die richtigen Fragen, aber nicht zur falschen Zeit“ sagt Polens Grünen-Chefin Agnieszka Grzybek resignierend. Es die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, die den Grünen in Europa zu schaffen macht.