Dienstag abend in der BE-Kantine: Die Vollversammlung des Theaters ist vorbei, gerade beginnt die "Geisel"-Vorstellung. Eva Mattes, die Zadek-Schauspielerin, zögert lange, gibt dann doch ein Interview. Mit ihr sprach Detlef Friedrich.Berliner Zeitung: Was werden Sie jetzt tun?Eva Mattes: Ich werde hierbleiben. Peter Zadek hat mich ins Direktorium geholt als Vermittlerin zwischen Direktorium und Ensemble. Weil ich Schauspielerin bin, habe ich eine Nähe zum Ensemble und zu den Regisseuren, die ja oft von vielen Schauspielern gar nicht direkt ansprechbar sind. Ich habe Spaß an der Direktorin gefunden, ich mag das Ensemble sehr, habe das Vertrauen eines großen Teils der Schauspieler. Ich kann jetzt aus einer anderen, neuen Sicht über Theater nachdenken. Bisher habe ich mich als Schauspielerin ja nur um meine Rollen gekümmert. Ich empfinde das Berliner Ensemble als Heimat. An keinem anderen Theater war es so warmherzig, so herzlich. Die Arbeit hat meine Phantasie belebt. Ich entdecke mich selbst neu.Werden Sie demnächst also neben Müller, Marquardt, Palitzsch auch Gesellschafterin?Vorerst nicht. Ich will das nicht. Ich sehe keinen Sinn darin. Ich will auch nicht Regie führen, sondern brachliegende Ecken im Hause mit Kunst erfüllen. Beispielsweise einen BE-Nachtklub installieren, internationale Sängerinnen einladen, kleine Stücke aufführen. Der Schauspieler Ben Becker wird ein Stück inszenieren, mit seiner Schwester Meret auch spielen. Viele junge Künstler hier im BE warten auf die Chance, aufzutreten. Ich möchte durch Deutschland reisen, begabte Nachwuchsregisseure finden, junge Schauspieler entdecken. Selbst möchte ich gern bei dem BE-Nachwuchsregisseur Thomas Heise spielen.Nicht mehr bei Peter Zadek?Noch im Herbst werde ich bei ihm eine Rolle in Wien spielen. Ich bin eine Zadek-Schauspielerin, er ist für mich der Regisseur überhaupt, das wird er auch bleiben. Das weiß ich seit zehn Jahren.Aber das wird hier wohl das Müller-Theater werden Ich kann mit Heiner Müller arbeiten, ich habe den Eindruck, er auch mit mir. Ja. Es ist ein Theater, das mir zunächst fremd ist. Wie weit ich mich dem als Schauspielerin öffnen kann, weiß ich noch nicht. Es ist eine Spielweise, wo man sich nicht anguckt, nicht miteinander redet, wie Menschen es tun Aber vielleicht braucht die Schauspielerin Mattes auch eine Atempause. Ich habe viel gespielt in letzter Zeit. Gilt Ihre Entscheidung zu bleiben nur vorerst?Nein, bis 1997, bis das Gesellschaftermodell ausläuft. Ich habe Familie. Meine vierzehnjährige Tochter liebt Kreuzberg, mein fünfjähriger Sohn fühlt sich wohl in Berlin. Ich kann nicht dauernd die Stadt wechseln.Also haben Sie Gefallen gefunden an der fremden BE-Tradition?Ich habe das Gefühl, daß Ost und West hier besonders zusammenprallen. Das ist spannend. Der Osten muß sich in der neuen Freiheit austoben. Die müssen ihre Freiheit erst lernen.Müssen. Lernen? Das klingt gönnerhaft Ja? Vielleicht. Gut, daß sie mir das sagen.Wie leben Sie mit der Brecht-Tradition dieses Hauses?Wir dürfen ja die Stücke von Brecht nicht spielen, deswegen lebt man damit nicht. Man muß sich auch befreien.Wie kommen Sie mit Schleef aus?Er war einer der Gründe, warum Peter Zadek kündigte. Einar Schleef wird bestimmt auch künftig schwierig sein. Ich werde bei ihm nicht spielen. "Faschismusscheiße", wie Zadek sagte, oder Antisemitismus habe ich bei "Wessis in Weimar" aber nicht entdecken können.Warum ist also Zadek gegangen?Weil Müller sich durchsetzte. Es konnte nur er oder er sein. +++