Die Sonne bringt das Wasser der Elbe noch einmal zum Glitzern und die alten Schiffe zum Leuchten. Im Terrassencafé am Museumshafen in Altona drängen sich die Ausflügler, um die vielleicht letzten warmen Strahlen des Spätsommers zu genießen. Ab und an passiert ein riesiges Containerschiff den Fluss, tutet ein Fährschiff, das in die Welt aufbricht. Hier sind wir verabredet. Hier treffen sich Hamburger mit ihren Gästen. Seit fast drei Jahren arbeitet Evelyn Zupke in Hamburg und lebt im nahen Winsen. Als Sozialarbeiterin hilft sie psychisch Kranken, wieder mit ihrem Alltag zurechtzukommen. Sie hat hier hergeheiratet. Sie wollte diesen Neuanfang, eine neue Liebe, wollte von ihrer Vergangenheit in der DDR und ihrem Leben im vereinten Berlin ein Stück Abstand gewinnen.Doch je länger, je größer der Abstand wird, desto näher kommt ihr das vergangene Leben wieder. Es lässt sich nicht an den Rand drängen, es war wohl zu prägend. Evelyn Zupke war 1989 in der DDR eine der Anstifterinnen der friedlichen Revolution. 1989 deckt sie zusammen mit Freunden die Fälschung der Ergebnisse der Kommunalwahlen am 7. Mai durch das SED-Regime auf - der Anfang vom Ende der DDR.Da ist Evelyn Zupke 27 und gehört zu den Mutigsten im Sommer und Herbst '89. Wie wird man mutig in einer Diktatur?1962 wird sie als Tochter einer alleinerziehenden Deutsch- und Kunstlehrerin im Badeort Binz auf Rügen geboren. Die ist nicht in der SED und gerade so angepasst, dass sie in der Kleinstadt nicht auffällt.Auch Evelyn soll nicht auffallen. Als sie eines Sonntags trotz Verbots mit der Schulfreundin zum Kindergottesdienst in die Kirche geht, ist das im Ort schnell rum, es gibt Ärger. Wenn der Opa vor dem Fernseher sitzt - auf Rügen kann man damals nur den Ostsender gucken - sagt er immer nur: "Ach nee, ach nee, alles Verbrecher das." Und Mariechen Hoffmann, die schrullige Alte im Ort, die in einer Laube wohnt, erzählt ihr schlimme Dinge über die Russen im Krieg. Bei den Pionieren hat sie etwas ganz anderes gelernt. Onkel und Tanten reisen als Artistentruppe "Die Tornados" mit dem Zirkus Berolina um die Welt und bringen heimlich West-Bücher mit. "Ich hab das alles so nebenbei aufgenommen, und es hat sich dann später irgendwie entfaltet", so sieht sie das heute.Auf der Oberschule in Bergen wird das brave Kind Evelyn aufmüpfig. Sie sagt, was sie denkt. Als ein Mitschüler von der Schule fliegen soll, weil er nicht wie versprochen Offizier werden will, setzt sie sich für ihn ein. Kurz vor dem Abitur sagen ihr die Lehrer, für ein Studium brauche sie sich gar nicht zu bewerben. Sie käme an keine Uni. Sie lernt dann Kellnerin in einem Ferienheim der Einheitsgewerkschaft. Über den Lautsprecher der Strandterrasse spielt sie 1983 Udo Lindenbergs "Sonderzug nach Pankow", sie weigert sich, für ein Fernstudium in die Partei einzutreten, und 1984 geht sie demonstrativ nicht zur Wahl. Ihre Chefs sind empört. Fortan wird sie kontrolliert und schikaniert.Sie will weg von der Insel, irgendwie freier leben. Ein Buch über die Förderung von behinderten Kinder, das sie gelesen hat, kommt ihr in den Sinn. Das will sie machen, etwas Sinnvolles. Sie kündigt, packt ihre Siebensachen und zieht mit ihrem Freund nach Ducherow bei Anklam, wo sie anfängt, als Hilfspflegerin in einem kirchlichen Heim für geistig Behinderte zu arbeiten. Hier ist eine andere Atmosphäre, sie kann aufatmen, muss nicht ständig aufpassen, was sie sagt. Eng ist es dennoch. Sie heiratet, bekommt ein Kind, lässt sich scheiden, macht eine kirchliche Ausbildung als Heilerziehungspflegerin und zieht 1986 nach Berlin. Hier trifft sie viele Gleichgesinnte und ist in verschiedenen oppositionellen Gruppen aktiv, als die DDR ihrem Ende zugeht.An jenem Wahlsonntag im Mai '89 überwachen sie und ihre Mitstreiter im Berliner Stadtbezirk Weißensee - wie Oppositionelle überall im Land - die Auszählung der Stimmen. Sie berufen sich dabei auf das pseudodemokratische DDR-Wahlrecht, das dies gestattet. Als Egon Krenz am Abend in der "Aktuellen Kamera" das offizielle Ergebnis bekanntgibt, angeblich 98,85 Prozent Ja-Stimmen, und von einem überwältigenden Bekenntnis für den DDR-Staat redet, da ist klar, dass der Staat diese Wahl gefälscht hat. Etwa zehn Prozent Nein-Stimmen haben die unabhängigen Beobachter gezählt.Und als Eingaben und Protestbriefe an die zuständigen Behörden von der Nationalen Front bis zum Staatsrat totgeschwiegen werden, die Bürgerrechtler daraufhin vorgeladen und kriminalisiert werden, organisiert Evelyn Zupke gemeinsam mit dem jungen Berliner Oppositionellen Frank Ebert und anderen an jedem 7. eines Monats öffentliche Demonstrationen gegen den Wahlbetrug auf dem Alexanderplatz - bis zum 7. Oktober. Am 7. Juli schlägt die Stasi das erste Mal brutal zu. Die Sicherheitskräfte schleifen die jungen Leute über den Alex, einem Mitstreiter wird der Arm gebrochen, Evelyn Zupke kommt mit zahlreichen Hämatomen davon. Viele werden mit ihr verhaftet. Passanten, die sich über die Gewalt empören, sagen die Stasi-Männer, hier werde nur ein Film gedreht. Die Vernehmer drohen Evelyn Zupke, sie solle die Namen weiterer Organisatoren nennen, sie wolle doch wohl nicht, dass ihr dreijähriger Sohn ohne Mutter aufwachsen muss. In den kommenden Wochen wird die junge Frau immer wieder verhaftet. Das einzige, was ihr wirklich Angst macht, ist die Sorge, man könnte ihr Kind in ein Heim stecken.Im November '89 ist der ganze Spuk vorbei. Evelyn Zupke gibt ihre Arbeit in der evangelischen Diakonie auf. Politische Aufräumarbeit ist jetzt angesagt. Sie gehört zu den Stasi-Auflösern und bereitet die erste freie Wahl im März 1990 vor. Sie arbeitet im neugegründeten Haus der Demokratie. Viele Akten statt Aktionen. Das geht ein paar Jahre so. "Dann fragte ich mich, was mache ich hier eigentlich", erzählt sie. "Irgendwie erschienen mir die Dinge alle als zu unwichtig, um sich dafür aufzureiben." Das konnte es nicht gewesen sein, wofür sie 1989 so viel riskiert hatte.Als sie an einem Abend aus dem Büro kommt, sieht sie im Schaufenster eines Buchladens einen Bildband über Irland. Das blaue Meer und die grüne Weite - diese Sehnsucht wird "fast zur fixen Idee", erinnert sie sich. Sie folgt ihrer Sehnsucht. Nach einem Probeurlaub auf der grünen Insel vermietet sie 1994 ihre Berliner Wohnung, meldet ihr Kind von der Schule ab, lädt ein paar Kartons und Koffer in einen alten VW-Bus und bricht mit einer Fähre vom Hamburger Hafen aus auf gen Irland. Dort hat sie ein kleines Cottage gemietet - die einzige Vorbereitung. "Ich hatte überhaupt keine Angst und das vollkommene Vertrauen, dass das gutgeht", staunt sie noch heute über diesen Aufbruch. In Clifden, zwischen Hügeln und Ozean, findet sie einen Job in einer Einrichtung für Behinderte. Zwei Jahre bleibt sie, dann ist die Sehnsucht gestillt.In Deutschland ist es unterdessen nicht wenigen Protagonisten des untergegangenen SED-Staates gelungen, wieder gutbezahlte Posten zu erlangen. Frühere Stasi-Vernehmer sitzen als Anwälte in Kanzleien, Ärzte, die ihre Patienten an die Geheimpolizei verraten haben, bekleiden Chefarztposten im Westen. Evelyn Zupke arbeitet nach ihrer Rückkehr aus Irland in der Albert-Schweitzer-Stiftung in Blankenfelde bei Berlin. Die Stiftung hat ein überbelegtes und marodes Pflegeheim für Alte, geistig und körperlich Behinderte übernommen und modernisiert. Eines Tages sieht Evelyn Zupke einen Mann, den sie kennt. Es ist der frühere Psychiater aus dem Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Die Stiftung hat ausgerechnet Dr. Dr. Horst Böttger, einen der skrupellosesten Stasi-Mitarbeiter, zur Betreuung der etwa 500 Bewohner bestellt und bezahlt ihn gut. Evelyn Zupke kann es nicht fassen.Böttger erschlich sich zu DDR-Zeiten das Vertrauen der gequälten Häftlinge. Er sei ihr Arzt, sagte er, ihm könnten sie alles sagen. Was die Gefangenen in ihrer Not preisgaben, gab er auf Mitschnitten an die Vernehmer weiter. Viele wurden vor allem aufgrund dieser Arztgespräche verurteilt. Andere erhielten bewusstseinsverändernde Injektionen. Mehrere Prozesse gegen Böttger endeten mit Freispruch wegen Verjährung oder aus Mangel an Beweisen. Die Stasi war gut im Vernichten von Beweisen.Evelyn Zupke legt der Leitung des Heims Zeitungsberichte über Böttger vor. Die ist der Meinung, jeder solle eine zweite Chance haben. Eine Chefin aus dem Westen sagt ihr: "Auch bei uns in der Bundesrepublik gab es Berufsverbot. Das wollen wir nicht mehr." Viele Betreuer untersagen die ärztliche Versorgung ihrer Mandanten durch Böttger. Doch der bleibt, und betreut dann eben die übrigen Bewohner. Bis heute hat er zudem seine eigene Praxis: Dr. Dr. Horst Böttger. Ein Doktortitel steht für die Dissertation an der Stasi-Hochschule. Thema: Die Optimierung der Zersetzung Andersdenkender.Mit einer Kollegin wendet sich Evelyn Zupke an die Medien, das wird ihr umgehend untersagt. Als Antwort auf ihren Protest wird sie degradiert, man entzieht ihr Kompetenzen, sie wird jahrelang gemobbt. Sie wird krank, mehrere Monate kann sie nicht arbeiten. Dann begegnet ihr im Heim ein weiteres bekanntes Gesicht. Ein Rechtsanwalt bittet um ein Gespräch mit ihr wegen eines Patienten. Er trägt einen Ohrring und eine blondierte Igelfrisur. Er ist kaum wiederzuerkennen, der DDR-Staatsanwalt Genosse Schneider, der jetzt gesetzlicher Vertreter eines Behinderten ist. 1989, nach ihrer Strafanzeige wegen des Wahlbetrugs, hatte er sie vorgeladen und ihr gedroht: "Es kann nur eine Wahrheit geben, und die steht im -€öNeuen Deutschland'." Daran will er sich nicht erinnern.Es wird zu viel. So kommt Evelyn Zupke nach Hamburg. Privat ist sie hier glücklich. Sie heiratete - was zunächst einige Freunde erstaunte - einen Verwaltungswirt aus dem Westen. Einen erstaunlich unkonventionell-kreativen Beamten, mit dem sie ihre alte Leidenschaft für Irland teilt. Jeden Sommer reisen die beiden auf ihre Sehnsuchtsinsel. Die Arbeit als Sozialarbeiterin gefällt ihr, die Kollegen sind freundlich. Und doch hört sie nicht auf, sich fremd zu fühlen. Vielleicht, weil sie ihre Vergangenheit hier mit niemandem teilen kann.------------------------------Sie wollte diesen Neuanfang, eine neue Liebe, wollte von ihrer Vergangenheit in der DDR und ihrem Leben im vereinten Berlin ein Stück Abstand gewinnen. Doch es lässt sich nicht an den Rand drängen, es war wohlzu prägend.Foto: Evelyn Zupke am Museumshafen in Hamburg-Altona

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