Der umstrittene Millionen-Vertrag mit einer Düsseldorfer Werbeagentur über Berlins Kampagne zur Olympia-Bewerbung sei dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) vor Abschluß bekannt gewesen. Dies erklärte der frühere Geschäftsführer der Olympia GmbH, Lutz Grüttke, gestern vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß.Grüttke war nach nur fünf Monaten Amtszeit im September 1991 über diesen Vertrag gestolpert und nahm seinen Hut. Angeblich war der Aufsichtsrat der Olympia GmbH, dessen Vorsitzender Diepgen war, nicht rechtzeitig über das Geschäft informiert worden. Grüttke sagte dagegen gestern, daß es eine Absprache mit Diepgen gegeben habe, aus Zeitnot ihm anstehende Entscheidungen auf dem kurzen Dienstweg mitzuteilen. Diepgen war informiert Er habe dem Regierenden Bürgermeister auf einem Flug von Frankfurt nach Berlin Werbekonzept und Vertrag der Agentur Schirner erläutert, so Grüttke. Für ihn sei der Aufsichtsrat informiert gewesen, nachdem der Vorsitzende Bescheid gewußt habe. Die Firma habe an einer Ausschreibung teilgenommen, die vor seiner Zeit als Geschäftsführer liege. Grüttke bestritt, persönlich an der Agentur beteiligt gewesen zu sein.Der Ex-Geschäftsführer wies auch vehement von sich, irgend etwas mit "Sex-Dossiers" über IOC-Mitglieder zu tun gehabt zu haben, die angeblich in seinem Auftrag von dem Beratungsunternehmen Bossard Consultans erstellt worden seien. "Ich komme aus einem Unternehmen, das seine Mitarbeiter für Datenschutz und Datensicherheit sensibilisiert hat", betonte er. In dem Auftrag mit der Beratungsfirma sei es eindeutig nicht um persönliche Angelegenheiten von IOC-Mitgliedern gegangen. Grüttke: "Ich hätte sofort Mitarbeiter gefeuert und den Vertrag gekündigt."Allgemeine Informationen zum Beispiel über Herkunft und Beruf von IOC-Mitgliedern hätten lediglich anläßlich eines Essens im Pergamonmuseum eine Rolle gespielt, um die geladenen Senatoren auf ihre Tischnachbarn vorzubereiten. Dazu seien öffentlich zugängliche Dokumente wie IOC-Handbücher benutzt worden. Der FDP-Abgeordnete Axel Hahn fand in den Ausschußunterlagen dagegen zum Beispiel auch Informationen darüber, daß ein IOC-Vertreter den ganzen Tag über Kartoffelchips esse oder ein anderer abends in die Disko gehe. Geheimnisvolle Mappe Grüttke verwies darauf, daß auch dies möglicherweise öffentlich verfügbare Details seien. Eine von ihm erwähnte "Mappe" mit der Informationssammlung machte den Ausschußvorsitzenden Jürgen Lüdtke (SPD) hellhörig. Bislang liegt sie den Abgeordneten nicht vor.Für neue Verwirrung sorgte im Ausschuß auch der zweite Zeuge. Jürgen Heydt aus der Senatskanzlei, in der Olympia GmbH zuständig für die Finanzen, bestritt entschieden, die "Aktion Reißwolf" veranlaßt zu haben, bei der Akten vernichtet worden sein sollen. Entsprechende Vermerke von GmbH-Mitarbeitern, auf die der Grünen-Abgeordnete Reimund Helms eine Antwort forderte, konnte Heydt nicht erklären. +++