Herr Ernst, vor zehn Jahren haben Sie als SPD-Mitglied zusammen mit anderen Gewerkschaftern aus Protest gegen die Agenda 2010 einen Aufruf zur Gründung der Initiative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit verschickt. Aus der Initiative entstand später die WASG, die 2007 mit der PDS zur Linkspartei verschmolz. Wie viel WASG steckt noch in der Linkspartei?

Inhaltlich sehr viel. Dass sich die Linkspartei für soziale Gerechtigkeit und das Thema Arbeit interessiert, ist Einfluss der WASG, obwohl wir zunehmend auch um gewerkschaftliche Positionen in der Fraktion ringen müssen. Beim Personal sieht das anders aus.

Immerhin ist mit Bernd Riexinger ein West-Gewerkschafter Co-Parteichef.

Dort, wo die Mitglieder entscheiden können, also in der Partei, haben wir weniger Probleme. Aber in der Fraktionsführung bin ich inzwischen der einzige Wessi aus der WASG. Das hat gar nicht mal was mit Flügelzugehörigkeiten zu tun. Aber personell ist von der WASG nicht mehr viel übrig.

Was ist daran so schlimm, solange die WASG-Positionen in der Fraktion vertreten sind?

Die Fraktion trägt zu viele unproduktive Flügelkämpfe aus. Da streiten teilweise dieselben Leute wie vor 15 oder 20 Jahren um dieselben Fragen. Ost-Pragmatiker und West-Fundis gab es in der PDS auch schon vor der Fusion. Der Kern der ehemaligen WASG gehörte zu keinem dieser Blöcke und ist leider zwischen ihnen unter die Räder gekommen. Und dann ist es natürlich auch eine Frage der Gesichter. Erst mit der WASG kam der Zugang zum Westen, den die PDS nie hatte.

Hat der Rückzug ihres einstigen Frontmannes Oskar Lafontaines aus der Bundespolitik die Position der ehemaligen WASGler geschwächt?

Ja, ganz klar. Er stand für die uns und im Westen so wichtigen gewerkschaftsnahen Positionen und hat uns fulminant in der Öffentlichkeit vertreten. Aber es gab schon unter Lafontaine eine Reihe von Leuten, die fanden, dass die Linke eigentlich ihr Laden sei und in den sie sich nicht reinreden lassen wollten. Dieser Versuch, die alte Dominanz in der Partei wieder herzustellen, hatte zu großen Konflikten geführt. Die Partei wurde dadurch sehr geschwächt. Es wäre ein Schritt zurück, würde sich diese Haltung jetzt doch durchsetzen.

Es war also kein Lapsus, als Gregor Gysi am Abend der Bundestagswahl ausrief: „Wer hätte bei der Gründung der PDS vor 25 Jahren gedacht, dass wir einmal drittstärkste politische Kraft der Republik werden“?

Nein. Ich glaube, das hat er leider so gemeint. Und ich glaube auch, dass viele, die bereits in der PDS Politik gemacht haben, so denken. Weniger die Basis. 2007 hat sich die WASG nicht der PDS angeschlossen. Das hätte auch nicht funktioniert. Der Erfolg der Linken bestand darin, eine neue Partei mit Schwerpunkt soziale Gerechtigkeit ohne Dominanz der einen oder anderen Himmelsrichtungen oder Strömungen zu organisieren.

Man könnte aber auch sagen, hier haben wir mal eines der seltenen Beispiele, in denen der Osten den Westen dominiert. Der Osten kennt es eigentlich nur andersherum.

Aber das widerspricht von Grund auf der ganzen Idee der Partei die Linke. Vereinbart war gleiche Augenhöhe und es schadet auch der Linkspartei. Sie ist auch auf einen starke Entwicklung im Westen und auf Verankerung in der Gewerkschaftsbewegung angewiesen.

Dass die Linke bei der Bundestagswahl im Oktober gegenüber 2009 bei Gewerkschaftsmitgliedern und Arbeitnehmern verloren hat, ist für Sie eine Folge des verringerten Einflusses der WASG?

Ja, nicht nur, aber auch. Man muss sich doch fragen, was war eigentlich die Ursache dafür, dass es im Westen plötzlich geklappt hatte? Das lag doch nicht an den radikalen Positionen der kleineren Gruppierungen, die es auch schon früher dort gab. Mit der reinen Lehre gewinnt man keine Wahl.

Wie kam es dann soweit?

Wir wollten damals alle die gemeinsame Linke. Niemand wollte es versemmeln. An manchen Stellen waren wir bei der WASG wohl zu nachgiebig und auch zu naiv. Es war eben nicht so, dass alle aus Überzeugung mit der WASG zusammen gehen wollten. Ein Teil der Ost-Funktionäre wollte sehr schnell wieder die Macht in der Partei. Das hat auch Oskar Lafontaine zu spüren bekommen. Der konnte sich nur besser wehren.

Letztendlich hat er kapituliert?

Vielleicht. Der Umgang mit ihm von einem Teil der Partei war jedenfalls nicht in Ordnung. Er ist am Erfolg der Linken maßgeblich beteiligt. Was er von manchen aus der Partei erleben musste, war einfach unanständig.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.