WIESBADEN, 12. November. Es war das Bild des Wochenendes in Wiesbaden. Franz Josef Reischmann, jener Finanzbuchhalter der CDU-Landesgeschäftsstelle, der Anfang der neunziger Jahre die Parteikasse um knapp zwei Millionen erleichtert hatte, saß im Landtagsrestaurant und wartete. Blonde Locken, goldene Uhr und braun gebrannt, Reischmann ist sicher die schillerndste Figur der CDU-Spendenaffäre. Man glaubt ihm sofort, wenn er verbreitet, dass er einen guten Teil des unterschlagenen Geldes in einer "aufwändigen Beziehung mit einer Dame aus dem Milieu" durchgebracht hat. Er saß und wartete, vernommen wurde er nicht, weil der Zeitplan am Wochenende so eng gestrickt war, dass gleich drei Zeugen wieder nach Hause geschickt werden mussten. Gerade von Reischmanns Aussage hatten sich die Vertreter der Opposition einiges erhofft; musste doch auch der frühere Chef der Hessischen Staatskanzlei letztlich wegen dieser Affäre gehen. Stattdessen wurden weniger schillernde Zeugen vernommen. 20,8 Millionen Mark im AuslandDer frühere Ministerpräsident und langjährige CDU-Vorsitzende Walter Wallmann sagte wortreich, dass er von nichts gewusst habe. Zwar waren die 20,8 Millionen Mark Schwarzgeld in seiner Zeit ins Ausland geschafft worden, und große Teile auch in seiner Zeit zurückgeholt. Aber er habe damit nichts zu tun gehabt. "Ich bin immer davon ausgegangen, dass wir knapp bei Kasse waren", sagte er, und als ihm der Geschäftsführer des Frankfurter Kreisverbandes 1996 mitgeteilt habe, dass der Verband durch ein Vermächtnis schuldenfrei geworden sei, habe er sich einfach nur gefreut. Er habe die Dinge in den guten Händen von Generalsekretär Manfred Kanther und Schatzmeister Wittgenstein gewusst. Und auf die Nachfrage, wie es denn möglich sei, dass er kaum einen Rechenschaftsbericht unterschrieben habe: "Herr Abgeordneter, Generalsekretär Kanther war quasi geschäftsführender Vorsitzender, er hat sich darum gekümmert." Kein einziges Mal ließ er Anrede oder Titel weg, und seine Stimme wurde merklich eisig wenn ihn jemand nicht mit seinem Doktortitel, sondern einfach "Herr Wallmann" nannte. Er jedenfalls habe nichts gewusst, deshalb sei er sicher, dass auch Herr Ministerpräsident Roland Koch nichts gewusst habe. "Da gibt es was!"Etwas mehr Zweifel daran, ob und wann Roland Koch etwas von den "Honigtöpfen im Süden" wusste, säte die Aussage von Dieter Kapp, dem Kompagnon von Finanzberater Horst Weyrauch. Kapp berichtete von einem Gespräch am 1. Dezember 1999 in der Landesgeschäftsstelle der CDU. Es sei um die Frage gegangen, ob es geheime Geldquellen gebe. Mitten im Gespräch habe Weyrauch plötzlich den früheren Landesgeschäftsführer Siegbert Seitz vor die Türe gebeten, und ihm gesagt: "Da gibt es was!" Danach sei aber in der Runde nicht mehr darüber gesprochen worden. "Da muss doch jemand nachgefragt haben", wundert sich der SPD-Obmann im Untersuchungsausschuss, Jürgen Walther. Er ist überzeugt, dass es bei dem Gespräch längst darum ging, einen Weg zu finden, die ganze Angelegenheit zu bereinigen - als ohnehin nicht mehr zu vermeiden war, dass die Sache an die Öffentlichkeit kam. Aber nicht nur der Ausschuss kann Koch das Leben schwer machen; derzeit sitzt auch das Hessische Wahlprüfungsgericht über den Akten, mit dem Anfangsverdacht, dass die Landtagswahl 1999 ungültig ist, weil der CDU-Wahlkampf mit Schwarzgeld finanziert wurde.Vernehmungsmarathon // Auch mit noch so bohrendem Nachfragen haben SPD und Grüne den Zeugen bisher keine handfesten Beweise für eine Verstrickung von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in die Finanzaffäre seiner Partei entlocken können.Allerdings ist der Ausschuss noch nicht am Ende. Manche Komplexe wie etwa die nicht deklarierten Spenden des Süßwaren-Herstellers Ferrero sind kaum gestreift, wichtige Vernehmungen stehen noch bevor. Koch soll am 11. Dezember im Ausschuss aussagen. Sein im März über eine Schwarzgeld-Buchung gestolperter Ex-Generalsekretär Herbert Müller ist für den 27. November geladen.Zwei Tage später steht der Ex-CDU-Landesgeschäftsführer Siegbert Seitz auf der Zeugenliste. Er soll bemerkt haben, dass die Partei über eine geheime Geldquelle verfügte. Das gab der Ex-CDU-Finanzberater Weyrauch der Staatsanwaltschaft zu Protokoll.DPA Der frühere hessische Ministerpräsident Walter Wallmann vor dem Untersuchungsausschuss in Wiesbaden.