William Walker, vor einem Jahr Leiter der OSZE-Mission im Kosovo und jetzt US-Diplomat im Wartestand, hat seine Ansicht bekräftigt, dass es sich bei dem Racak-Massaker im Januar 1999 um eine Massenhinrichtung unbewaffneter Männer gehandelt habe. Im Interview mit der "Berliner Zeitung" nannte er Darstellungen, es habe Manipulationen an den Leichen gegeben, Unsinn. Herr Walker, im Juni vergangenen Jahres wurden Sie als OSZE-Missionschef im Kosovo abgesetzt. Was treiben Sie seitdem? Nicht viel. Ich arbeite als Berater in der Südosteuropa-Abteilung des Außenministeriums. Ich warte bis heute noch auf die nächste Berufung. Bevor ich nach Kosovo ging, hat mir Außenministerin Madeleine Albright einige Karrierezusagen gemacht. Ich warte noch darauf, dass diese eingelöst werden.Um was für Versprechungen handelte es sich da?Das wäre nicht klug, an dieser Stelle darüber zu reden. Ich kann nur sagen, dass ich mich lieber woanders aufhalten würde als in diesem Ministerium, ich würde lieber in den Kampf geschickt. Ein Jahr nach dem Beginn der amerikanischen Luftangriffe gegen die Serben ist das Thema nun seit einigen Wochen wieder in den Schlagzeilen, vor allem in Europa. Bleiben Sie angesichts der neuesten Erkenntnisse bei Ihrer ursprünglichen Aussage, dass am 15. Januar 1999 in Racak ein Massaker an unschuldigen Zivilisten stattfand? Absolut, ich weiß, was ich gesehen habe und bin heute noch sicherer als damals. Ein britischer Kollege von Ihnen warnte mich schon vor einigen Monaten, dass in Europa diese revisionistischen Theorien kursieren, die tatsächlich Geschehenes wieder auf den Kopf stellen wollen. Ich weiß leider nicht, wo das herrührt.Nun gibt es aber schwer widerlegbare Beweise, die wichtigen Einzelheiten des Sonderberichts der OSZE zu Racak objektiv widersprechen, zum Beispiel die vierzig Autopsieprotokolle des finnischen Untersuchungsteams unter Helena Ranta. Demnach wurde nur ein Opfer, und nicht dreiundzwanzig, aus "nächster Nähe" erschossen. Warum bleiben Sie sich Ihrer Sache so sicher? Ich war schließlich nicht der Einzige am Tatort und hatte in der Zwischenzeit die Gelegenheit, mit anderen zu reden, die ebenfalls da waren. Dazu gehören mein britischer und deutscher Stellvertreter sowie Dorfbewohner, zahlreiche Journalisten und auch die finnischen Gerichtsmediziner, die allerdings erst mehrere Tage nach der Massenhinrichtung die Leichen zu Gesicht bekamen. Alle haben mir bestätigt, dass die OSZE mit meinem Input einen korrekten und akkuraten Sonderbericht erstellte.Nun bestätigen aber die Obduktionsunterlagen, dass es keine Hinweise auf ein Hinrichtungsszenario gibt. Ich gebe als Erster zu, dass ich kein Gerichtsmediziner bin. Doch ich sah bei einigen Einschusswunden an der Schläfe, bei anderen an der Stirn und am Hinterkopf. Zu beurteilen wo die Kugeln nun ein- und austraten, dazu fehlt mir die fachliche Kompetenz. Es waren jedenfalls größtenteils ältere Männer, ein halbes Dutzend von ihnen oder sogar mehr wiesen derartige Wunden auf.Am Morgen nach dem Massaker teilte die UCK mit, dass acht ihrer Kämpfer in Racak gefallen seien. Deren Namen tauchen aber nicht in der Liste des Kriegsverbrechertribunals auf. Am selben Tag nennt die UCK 22 weitere Opfer, von denen aber nur die Hälfte in der Totenliste aufgeführt wird. Wie viele Tote gab es nun wirklich? Eine genaue Zahl kann und will ich nicht nennen, viele der Einzelheiten sind mir mittlerweile offen gestanden auch entfallen. Ich habe selbst acht Opfer gezählt und einen weiteren Leichenhaufen gesehen, kann aber nichts Konkreteres sagen. Übrigens schließe ich nicht aus, dass sich unter den Opfern auch UCK-Kämpfer befanden. Ich selbst habe jedenfalls nur Menschen in Zivilkleidung gesehen. Ich war lange genug in der Region, um einen Dorfbewohner von einem bewaffneten Rebellen zu unterscheiden, und die meisten waren mit Sicherheit Dorfbewohner.Es gibt ja Spekulationen, wonach die UCK den eigenen Opfern Zivilkleidung überstreifte, um die Medien zu täuschen. Es kam ja noch viel schlimmer. Einige warfen mir sogar vor, im Auftrag des CIA gearbeitet zu haben und an den Täuschungsmanövern beteiligt gewesen zu sein. Diese Verschwörungstheorien sind allesamt blanker Unsinn. Ein Beispiel: Als ich, meine zwei "Deputies" und ein Tross von Journalisten am Morgen des sechzehnten Januar den Hügel bei Racak bestiegen, sahen wir verstümmelte Leichen. Einige von ihnen hatten die Hosen voller Urin, nach meinem Dafürhalten ein Zeichen von Angst und unbeschreiblicher Panik vor einer Hinrichtung. Wenn alle diese Theorien zuträfen, dann hätten wir ja die Leichen entkleiden, wieder bekleiden und dann mit fremdem Urin begießen müssen. Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Wer glaubt, dass irgendjemand mitten in der Nacht auf einem verschneiten, vereisten Gelände die Beweise sabotiert haben könnte, der hat den Verstand verloren. Warum sind Sie denn eigentlich erst am Morgen danach ausgerückt?Lassen Sie mich den Ablauf schildern. Am Nachmittag des fünfzehnten Januar informierte uns der serbische Oberbefehlshaber in Pristina, dass "in einem Ort namens Racak" nach einem Gefecht mit der UCK fünfzehn Rebellen getötet wurden, die serbische Seite hätte keine Opfer zu beklagen gehabt. Die OSZE schickte daraufhin eine Patrouille nach Racak, das Dorf war so gut wie verlassen. Unsere Leute fanden ein paar Frauen und Kinder, einen Toten sowie zwei Verwundete. Dass sie das Dorf wieder verließen, hat mehrere Gründe: Zum einen setzte Abenddämmerung ein, schon aus Sicherheitsgründen musste der Wagen bei Dunkelheit wieder abfahren. Auch wollten wir die Verwundeten möglichst schnell medizinisch versorgen. Das wahre Ausmaß der Tragödie sahen wir erst am nächsten Morgen. Nicht einmal die Dorfbewohner wussten am Nachmittag des fünfzehnten Januar von dem Massaker, sie entdeckten das erst am nächsten Tag und führten uns dann zu dem Hügel. Kann es denn sein, dass Sie den Sonderbericht der OSZE zu Racak zu schnell erstellt haben und er deswegen Ungenauigkeiten enthielt? Ich habe den Bericht nicht geschrieben, das war die Zuständigkeit einer Sonderabteilung.Aber der Inhalt beruht doch auf Ihren Befunden.Durchaus, und ich stehe dazu. Es handelte sich um eine Massenhinrichtung unbewaffneter Männer. In diesem Zusammenhang sollte man übrigens über die unterschiedlichen Auffassungen des Begriffs "Massaker" reden. Selbst wenn unter den Opfern UCK-Kämpfer waren, schließt dies nach meiner Interpretation doch längst keine Hinrichtung aus. Auch sie waren Menschen, denen die Waffen abgenommen wurden und die dann Opfer einer Exekution wurden, ob Rebellen oder Zivilisten. Inwieweit sehen Sie sich als Mitauslöser der Luftkampagne? Haben Sie heute ein reines Gewissen?Ich habe keine Gewissensprobleme. Natürlich war die Episode in Racak entscheidend für die Bombardierungen. Doch Sie dürfen nicht vergessen, dass die Friedensverhandlungen in Rambouillet dazwischengeschaltet waren. Milosevic hatte Zeit und Gelegenheit, noch einen friedlichen Schlussstrich zu ziehen, doch er hat es drauf ankommen lassen. Auch war Racak ja keineswegs ein Einzelfall. Doch diesmal sah die internationale Staatengemeinschaft wenige Stunden nach dem Geschehen aus erster Hand, wozu Milosevic fähig ist, das war letzten Endes der Auslöser. Was sagen Sie denn zu dem Vorwurf, Sie hätten als Leiter der OSZE im Kosovo das Gelände absperren müssen, damit die Beweise ordentlich gesichert werden konnten? Ich muss leider zugeben, dass es zu erheblichen Schlampereien kam, doch ich war machtlos. Wir hatten keine Autorität, die Journalisten auf Distanz zu halten. Das hat die Beweislage natürlich kompromittiert. Was soll ich tun, wenn Fernsehreporter mich drängen, mich über eine enthauptete Leiche zu bücken und ernst dreinzuschauen, damit sie dann knackige Bilder ausstrahlen können? Und es kam überhaupt kein Druck aus Washington, das Szenario ein wenig zu dramatisieren? Nein, nicht der geringste. Hätte mir Botschafter Richard Holbrooke gesagt, dass ich etwas manipulieren soll, dann hätte ich ihn höflich darauf hingewiesen, dass ich im Auftrag der OSZE und nicht der amerikanischen Regierung handele.Apropos Holbrooke: Haben Sie nun mit ihm und Nato-Oberbefehlshaber General Wesley Clark am Tage nach dem Massaker telefoniert? Die beiden sagen Ja, Sie sagten in einem BBC Interview Nein. Ich kann mich offen gestanden nicht erinnern. Es mag sein, dass mir die Gespräche entfallen sind. Wie beurteilen Sie denn die Umstände Ihrer Ablösung. Hatte die Umdefinition des Mandats der OSZE im Kosovo etwas mit der Unzufriedenheit der Europäer oder der Russen zu tun? Nach dem Ende der Luftangriffe ging es um die Frage, wer im Kosovo die Regie führen sollte. Die Europäer argumentierten, sie würden beim Wiederaufbau den größten Beitrag leisten und sollten deswegen Ton angebend sein. Die OSZE führte ins Feld, dass sie 1 400 kompetente Leute im Einsatz hatte und ihr Mandat unverändert fortsetzen sollte, dann wollten zur Verwunderung vieler die Vereinten Nationen das Heft an sich reißen. Was Intrigen hinsichtlich meiner Ablösung angeht: Dahinter kann ich nur die EU vermuten. Ich wäre gern da geblieben.Das Gespräch führte Peter de Thier.WILLIAM WALKER 1998 nach Kosovo // Der US-Berufsdiplomat Walker absolvierte einen Großteil seiner beruflichen Laufbahn in Lateinamerika.In den achtziger Jahren war er US-Botschafter im Bürgerkriegsland El Salvador, es folgten Bolivien und Honduras.1997 übernahm er die Übergangsverwaltung in Ostslawonien, 1998 wurde er OSZE-Missionschef im Kosovo.