Fünf ehemalige Mitarbeiter und zwei Souvenirstandpächter des "Hauses am Checkpoint Charlie" haben in einem offenen Brief an Vorstandsmitglieder des Trägervereins schwere Vorwürfe gegen den 84jährigen geschäftsführenden Vorsitzenden Rainer Hildebrandt und dessen Ehefrau Alexandra erhoben.Seit dem Wechsel in der Geschäftsführung vor drei Jahren sei "die Arbeitsatmosphäre unter den Mitarbeitern des Museums von Angst und Schrecken geprägt", heißt es in dem Schreiben. "Intrigen" der Geschäftsleitung hätten zur Entlassung von 12 langjährigen Mitarbeitern und Neuangestellten geführt. Der Fortbestand des Museums sei "nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich gefährdet".Kritik wegen EntlassungenRund 370 000 Besucher kommen pro Jahr in das Museum, das Rainer Hildebrandt vor 36 Jahren gegründet hat. Das "Haus am Checkpoint Charlie" ist Hildebrandts Lebenswerk. Seit dem Mauerfall stiegen die Besucherzahlen jährlich. Hildebrandt, als Regimegegner während der NS-Zeit über ein Jahr inhaftiert, nach dem Krieg publizistisch gegen Menschenrechtsverletzungen aktiv, ist Träger der Ehrenmedaille der Stadt Berlin und des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse. Seit er vor drei Jahren seine Frau Alexandra als Assistentin und Vereinsmitglied in die Geschäftsführung eingebunden hat, wird Kritik an der Leitung des "Mauermuseums" laut. Die damals 34jährige war im April 1993 aus der Ukraine nach Deutschland übergesiedelt und hatte Hildebrandt 1995 geheiratet. Hildebrandt beauftragte sie zunächst, sich um die Museums-Werbung zu kümmern und sein Archiv auszubauen.Die von ihr und ihrem Mann entlassenen Mitarbeiter gehen jetzt erstmalig an die Öffentlichkeit. Seit September letzten Jahres seien 12 von 23 Beschäftigten entlassen worden, oftmals mit der Begründung, sie hätten Geld aus der Kasse gestohlen. Etliche Kündigungen erfolgten fristlos. "Unzutreffende und jeglicher Beweise mangelnde Beschuldigungen, wie Diebstahl, Dekken von Diebstahl, Störung des Betriebsfriedens wurden benutzt, sich der Mitarbeiter in diskreditierender Weise zu entledigen", erklären die Unterzeichner des Briefes.Der Betriebsratsvorsitzende Bernd-Uwe Tschöke, ehemaliger Bautzen-Häftling und 17 Jahre Mitarbeiter des Museums, erhielt am 28. September die fristlose Kündigung. Zuvor hatten die Hildebrandts Strafanzeige gegen wegen Unterschlagung erstattet und ihn mit einem Video aus dem Kassenraum konfrontiert. Darauf sei zu sehen, wie er nach dem Abkassieren einen Schein aus dem Fach auf die Münzschale lege, nicht aber, daß er den Schein später auch einstecke, sagt Tschökes Anwalt Martin Hage. Tschöke hatte später Anzeige gegen Rainer Hildebrandt wegen Behinderung der Betriebsratswahlen erstattet, weil eine detaillierte Mitarbeiterliste verweigert wurde. Gegen die Entlassung wehrt der 47jährige sich vor dem Arbeitsgericht, eine Entscheidung steht aus. Das Verfahren wegen Unterschlagung gegen ihn ist anhängig. Laut Hildebrandt sind die Wahlen vor Gericht für nichtig erklärt worden. Zwei weitere Unterzeichner des offenen Briefes, Ari Hatai ("Wir arbeiteten ständig in Angst und Schrecken") und Jürgen Quasdorff, waren wenige Monate im Museum beschäftigt. Sie wurden mit Videoaufnahmen konfrontiert, auch ihnen warf die Museumsleitung Diebstahl vor. Das Ehepaar Hildebrandt habe zunächst "eine gütliche Einigung" vorgeschlagen. Die Beschuldigten sollten als "Schadensersatz" 6 000 beziehungsweise 13 000 Mark bezahlen, zu überweisen in monatlichen Raten auf das Spendenkonto. Doch die Angestellten klagten: Im Oktober wurde ein Vergleich geschlossen, die Gehälter gemäß fristgerechter Kündigung nachgezahlt. Ermittlungsverfahren wegen der Diebstahlsvorwürfe laufen noch. Beide haben ihrerseits Strafanzeige gegen die Hildebrandts erstattet, wegen Nötigung und Verleumdung.Zwölf Jahre leistete Manuela Eikkenroth politische Bildungsarbeit im Museum. Die 40jährige, in der DDR politischer Häftling, hat den offenen Brief ebenfalls unterzeichnet. Nach ihrem Arbeitsgerichtsverfahren ließen die Hildebrandts die Diebstahl-Vorwürfe gegen sie fallen. Nur aus Respekt vor Rainer Hildebrandt und seiner Idee, das Museum den Menschenrechten zu widmen, habe sie so lange geschwiegen, sagt Eickenroth.Bürgerrechtler Wolfgang Templin, von 1994 bis 1996 im Museum angestellt und damals als Nachfolger des Leiters im Gespräch, kündigte an, aus dem Trägerverein, der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" (Arge) auszutreten. Templin sagte, es könne den Freunden Hildebrandts nicht egal sein, wenn eine so traditionsreiche Einrichtung untergehe. Templin fürchtet, das Museum könnte trotz guter Einnahmen aufgrund von fehlender Planung in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Falls das passiert, fällt das Museum satzungsgemäß an das Land Berlin. Der freie Wirtschaftsprüfer Artur Waibel, im Mai beauftragt, die Arge betriebswirtschaftlich zu ordnen, gab nach drei Monaten auf. "Rainer Hildebrandt hat das Haus jahrelang wie einen kleinen Familienbetrieb geführt und verkannt, daß es sich um ein mittelständisches Unternehmen handelt", sagt der Wirtschaftsingenieur. Spätestens mit der geplanten Erweiterung in den Räumen der angrenzenden Württembergischen Hypothekenbank sei das Museum in Problemen. Das Museum hat für die Mietkaution des Erweiterungsbaus hunderttausende Mark zusammenbringen und bislang auf Investitionen wie ein neues Kassensystem und Instandhaltungsmaßnahmen verzichten müssen. Bis jetzt fehlten, so Waibel, die Mittel für beides. In einem Schreiben fordert jetzt die Lotto-Stiftung vor der Bewilligung neuer Förderung: "Die personenunabhängige Sicherung der Fortführung des Museums ist nachzuweisen." Die Stiftung will einen "verbindlichen Gesamtfinanzierungsplan".Alexandra Hildebrandt, die als Sprecherin ihres Mannes auftritt, weist daraufhin, daß Waibel nur kurze Zeit in dem Museum tätig war und sich daher kein Bild über den Zustand habe machen können. Außerdem verkenne er den Charakter des Museum und dessen Geschichte. Das Museum sei ein eingetragener Verein, die personenunabhängige Führung sei bereits in den Personen der Vorständler und Mitglieder gewährleistet. "Das Museum war eine Insel für Menschen, die Hilfe nach Fluchten aus der DDR gebraucht haben. Man hat damals sich nicht als Unternehmen empfunden, sondern als eine politische Organisation, die zum Mauerfall beigetragen hat. Nun beschäftigten wir uns mit dem schrittweisen Aufbau nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten."Der CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky sieht "keinen Grund, am Bestand des Museums zu zweifeln". Als Kuratoriumsmitglied des Trägervereins setzte er sich wiederholt dafür ein, daß das "Haus am Checkpoint Charlie" für Aus- und Umbauten mit Lottogeldern gefördert wurde. Seit 1987 flossen rund 3,7 Millionen Mark. Die Diskussion um eine neue Museumsführung, die Rainer Hildebrandt folgen könnte, kommentiert Landowsky so: "Ob das Frau Hildebrandt sein muß, weiß ich nicht. Ich würde da eher auf eine professionelle Geschäftsführung setzen." Die Kulturverwaltung des Senats steht zu Hildebrandts Projekt. Es sei das einzige Museum der Stadt, das sich selber trage, erklärte der Sprecher Axel Wallrabenstein. Bei rund drei Millionen Mark Umsatz im Jahr sehe man keinen Grund, sich um die Zukunft des Hauses zu sorgen.Alexandra Hildebrandt erklärt, für sie und ihren Mann seien die Probleme mit den Entlassenen "abgehakt", von Templin sei man persönlich enttäuscht: "Wir sind jetzt inhaltlich, personell und finanziell so gut gestellt wie noch nie." Man habe bis zum September 1998 rund 460 000 Mark mehr Eintrittserlöse als im Vorjahr erzielt. Seit sie mitarbeite, würden überhaupt erst Jahresprogramme erstellt, die eine kontinuierliche Planung ermöglichen. Frau Hildebrandt: "Wir haben auch neue Werbemittel geschaffen. Am Ausgang soll ein abgetrennter Souvenirshop entstehen. Wir werden bis Jahresende moderne Kassen anschaffen um sicher zu sein, daß beim Kassieren alles regulär läuft." Rainer Hildebrandt sagt: "Wir sind das Museum in der Stadt mit den wenigsten Kündigungen gewesen. Dann gab es Kündigungen. Jetzt sind wir wieder ein festes Team."