BIESDORF. Der Abschnittsbevollmächtigte (ABV) liest das "Neue Deutschland", das offizielle Presseorgan der SED. Alles in seinem Büro ist typisch DDR - von den berüchtigten "Juwel 72"-Zigaretten und der Vita Cola auf dem Spanplattenschreibtisch mit grauem Diensttelefon bis hin zur Zeitung "Die Volkspolizei". Heinz Grünwald, ein Fahrlehrer aus Mönchengladbach, hat das Dienstzimmer und tausende andere Exponate über die DDR-Volkspolizei zusammengetragen.Rund 6 000 werden es wohl sein, sagt Grünwald (58), früher Verkehrspolizist in Magdeburg, der Ende 1989 in den Westen ging. Darunter sind Orden und Abzeichen, Ausweise, Dienstanweisungen und Zeitungen, Arbeitsmaterialien wie die alte Schreibmaschine Idea, ein Radarmessgerät und eine Infrarotlampe, mittels derer Falschgeld, sogenannte Blüten, enttarnt wurde. Das und vieles andere steht jetzt in acht großen Glasvitrinen im Einkaufszentrum Biesdorf Center. Grünwald selbst paradiert heute zum letzten Mal in der typischen Uniform eines Wachtmeisters der Schutzpolizei aus den Jahren 1955-64 mit Tschako und Stiefeln durch das Center. Das Schmuckstück der Ausstellung ist ein Streifenwagen Wartburg 311 von 1960, sorgsam aufgearbeitet. Unter der Haube stecken 28 PS, mit Höchstgeschwindigkeit von 115 Stundenkilometern ging es auf Verbrecherjagd.Sein erstes Sammlerstück hat Grünwald vor 17 Jahren erworben. Damals besorgte er einem Polizisten aus Mönchengladbach eine Vopo-Mütze. "Dann hat mich selbst die Sammelleidenschaft gepackt." Auch seine Ehefrau macht mit, stöbert wie er im Internet oder auf Trödelmärkten. Inzwischen musste Grünwald eine Lagerhalle anmieten, um seine Exponate unterbringen zu können. Er zeigt sie deutschlandweit auf Ausstellungen in Einkaufszentren oder Geschäftshäusern, auch schon mal bei Tagen der offenen Tür in Polizeidienststellen.Grünwald stellt zwar typische Aufgaben der Volkspolizei vor, spart aber politische Bezüge weitgehend aus. "Ich informiere neutral", sagt er. Ingo Koar, seit 30 Jahren Streifenbeamter in Prenzlauer Berg, findet das ganz in Ordnung. Gemeinsam mit einem früheren Kollegen ist er gekommen, um in Erinnerungen zu schwelgen und mit Grünwald zu fachsimpeln - ist er doch auch Sammler. Bei Ulrich Naujoks aus Biesdorf hinterlässt die Exposition, die auch eine DDR-Arrestzelle zeigt, einen zwiespältigen Eindruck: "Ich erinnere mich noch gut an den 7. Oktober 1989, als viele Menschen von den Vopos festgenommen wurden", sagt er. Eine Auseinandersetzung damit fehle hier.Auch Harold Selowski, zuständig für politische Bildung bei der Berliner Polizei, vermisst eine solche Einordnung bei vielen Volkspolizei-Sammlern: "Wir sind zwar für Traditionspflege, aber es wird meist ein nostalgisches Bild vermittelt." Die Vopo sei zwar eine normale Polizei gewesen, gleichzeitig aber auch die eines Unterdrückerstaates, sagt er. In der Polizeihistorischen Sammlung im Präsidium am Platz der Luftbrücke sei dagegen auch die Geschichte der DDR-Volkspolizei in den historischen Kontext integriert."Polizei im Wandel der Zeiten": Biesdorf Center, Weißenhöher Straße 108, bis 20. Januar, Mo-Sa 6-22 Uhr.------------------------------Foto: Sammler Heinz Grünwald in Vopo-Uniform im selbst gestalteten Original-ABV-Zimmer mit einer Puppe als Model.------------------------------Foto: Polizeiauto: Der Wartburg 311 ist das Schmuckstück der Sammlung.