BERLIN. Der frühere US-Militärstaatsanwalt Stuart Couch (44) hat den Ehrenpreis "pro reo" des Deutschen Anwaltvereins (DAV) erhalten. Obwohl er ihn für überführt hielt, hatte Couch im Jahr 2004 die Anklagevertretung gegen einen mutmaßlichen Terroristen in Guantanamo niedergelegt, weil dessen Aussagen durch Folter erlangt worden und deshalb nicht vor Gericht verwertbar seien. Damit habe sich Couch "in einem schwerwiegenden Wertekonflikt für das übergeordnete Menschenrecht entschieden", sagte der Vorsitzende der DAV-Arbeitsgemeinschaft Strafrecht, Werner Leitner, am Sonnabend bei der Preis-Verleihung in Berlin.Nach den Anschlägen am 11. September 2001 hatte sich Couch zunächst freiwillig als Militärstaatsanwalt gemeldet, weil einer seiner Freunde im World Trade Center getötet worden war. Als Verantwortlicher Militärstaatsanwalt weigerte sich Lt. Colonel Stuart Couch jedoch, die Anklage gegen den mutmaßlichen Terroristen Mohamedou Ould Slahi zu vertreten, weil dieser in den Verhören gefoltert worden sei. Damit qualifizierte der Militärstaatsanwalt die von höchster Stelle erlaubten, sogenannten "Befragungstechniken" als Verstoß gegen US-Militärrecht, gegen US-Strafrecht und gegen das Völkerrecht. Die Anklagevertretung hatte Couch aus rechtlichen, ethischen und moralischen Gründen niedergelegt.Im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagte der ehemalige Militärstaatsanwalt am Wochenende in Berlin, für einen Rechtsstaat verbiete sich Folter aus drei Gründen. Erstens könne unter Gewaltanwendung einem Gefangenen jede gewünschte Aussage abgepresst werden, allerdings sei sie in der Regel unbrauchbar, weil ihre Richtigkeit nicht überprüft werden könne. Selbst die beschränkte Freigabe der Folter öffne - zweitens - die "Büchse der Pandora". Sei Folter erst einmal erlaubt, sei ihr Einsatz in der Praxis nicht mehr zu kontrollieren. Drittens müsse schon das Selbsterhaltungsinteresse verbieten, die eigene Wertordnung mit den Mitteln ihrer Feinde zu verteidigen. Wer die Folter erlaube, stärke in Wahrheit Terrororganisationen wie El Kaida. Für ihn persönlich seien auch religiöse Gründe hinzugetreten, sagte Couch, ein bekennender Christ, der inzwischen als Rechtsanwalt arbeitet. Insbesondere die Ethik des deutschen protestantischen Theologen und Nazi-Gegners Dietrich Bonhoeffer habe ihn in seiner Haltung bestärkt.In seiner Laudatio klagte Winfried Hassemer, ehemaliger Vize-Präsident des Bundesverfassungsgerichts, am Sonnabend, der "Widerstand gegen staatliche Folter ist bei uns kein Selbstläufer mehr". Das sei lange Zeit anders gewesen, als "der Schrecken über die Gewaltausübung der Nazis in unseren Herzen und Köpfen noch lebendig war und als in Deutschland und in der Welt Gesetze und sonstige Regelwerke es nach und nach geschafft haben, Folter zu ächten". Das habe sich jedoch unter dem Eindruck terroristischer Bedrohung in den vergangenen Jahren geändert. Die Auseinandersetzungen darüber, ob der Staat in bestimmten Situationen Folter anwenden dürfe, seien zwar in der jüngsten Zeit leiser geworden, aber nicht verstummt. Der Riss sei unverkennbar zwischen denen, die "auch unter schmerzlichen Beschädigungen im Einzelfall die Rettung niemals in der Folter suchen", und jenen, "es ist wohl die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger", die in "bestimmten Konstellationen der staatlichen Gewalt einen Türspalt öffnen wollen". Mit der Preisvergabe an Couch habe sich die Arbeitsgemeinschaft Strafrecht zu Gunsten der Ersteren positioniert. Das erfülle ihn mit Genugtuung, wenn es ihn auch nicht überrasche: "Denn wo sollten Strafverteidiger anders stehen als auf dieser Seite?"Frühere Preisträger waren unter anderem der Anwaltliche Notdienst (Legal Team), der Demonstranten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 rechtlichen Beistand gewährt hatte, und der Gerichtsberichterstatter der Süddeutschen Zeitung, Erwin Tochtermann.------------------------------"Selbst wer Folter in nur sehr beschränktem Umfang gestattet, öffnet damit die Büchse der Pandora." Stuart Couch