Mike Tyson zwinkerte dem schwerkranken Muhammad Ali kurz zu, fiel auf die Knie und betete. Die Moschee in der Nähe des Indiana Youth Centers in Indianapolis war am Sonnabendmorgen die erste Station des ehemaligen Schwergewichts-Champions nach seiner vorzeitigen Entlassung nach 1 095 Tagen Haft wegen Vergewaltigung.Keine Pressekonferenz, keine Autogramme, nur die stille Bestätigung, daß der 28jährige tatsächlich ein Moslem geworden ist. "Mike ist ein besserer, reiferer und intelligenterer Mensch geworden. Er wird ein neues Leben beginnen", sagte Rapsänger und Box-Promotor Hammer, der wie Tysons ehemaliger Mananger Don King gleich um die Gunst des "kostbarsten Schatzes der Sport-Geschichte" ("Los Angeles Times") buhlte. Spätestens im Juli soll Tyson seine Ring-Rückkehr feiern, aber in den nächsten Wochen will er nach Aussagen seines Freundes Jay Bright erst einmal seine veränderte persönliche Situation analysieren: Die schwerste Zeit seines Lebens hinter sich und ein ungewisse, wenn auch finanziell lukrative Zukunft vor sich. Knapp 20 Millionen Dollar dürfte Tyson für seinen ersten Comeback-Fight kassieren. Bei einem Titelkampf winkt dem wegen Vergewaltigung rechtskräftig verurteilten Amerikaner der größte Zahltag der Boxgeschichte mit Börsen von mehr als 100 Millionen Dollar - und dabei spielt es keine Rolle, ob der Gegner George Foreman, Evander Holyfield, Riddick Bowe oder Tommy Morrison heißt. "Sie verhandeln, als ob es um den Verkauf Indiens ginge, nur weil Tyson so beliebt ist", sagte der ehemalige Ali-Betreuer Ferdie Pachecho. Sein erster Tag in der Freiheit begann vielversprechend. Kaum war er zu Hause angekommen, verbreitete die Tageszeitung "Dayton Daily News" bereits die Nachricht, fünf der zwölf Geschworenen im Tyson-Prozeß hätten inzwischen Zweifel, ob der Verurteilte die Schönheitskönigin Desiree Washington tatsächlich vergewaltigt habe. "Mike wird auch in der Freiheit weiter versuchen, seinen Namen zu säubern und seine Unschuld zu beweisen", sagte King. Tyson scheint ein Verbrecher-Image schon wieder los zu sein. Häftling-Nummer 922 335 ist (fast) Vergangenheit. Die sensationssüchtige US-Öffentlichkeit hat ihn bereits vor Wochen zum Helden und Retter der Schwergewichtsszene gekürt, in der es inzwischen vier verschiedene Weltmeister gibt. "Mike kann das Boxen wieder so beherrschen wie früher, wenn er will", prophezeite Trainerfuchs Angelo Dundee. +++