Paris im Nachkriegsjahr 1948. In der westlichen Kunstszene ist die abstrakte Kunst allmächtig geworden. Wer an der Figur festhält und der Malerei, die Formlosigkeit zum Prinzip erhebt, nichts abgewinnen kann, wird als gestrig belächelt. Aber das Modediktat hat auch seine Opposition: Im Hotel Notre Dame trifft sich am 8. November eine verschwörerisch gestimmte Gruppe junger Maler, um eine Vereinigung zu gründen. Ihr Programm heißt Spontaneität wider die Überintellektualisierung der Malerei. Die Gruppe heißt Cobra.Emotionsgeladen und giftigDas doppelsinnige Wort ist ein Gebilde aus den Anfangsbuchstaben von Copenhagen, Brüssel und Amsterdam; so verweisen die Künstler auf die Städte ihrer Herkunft. Mit der Anspielung auf die Giftschlange Cobra soll durchaus auch die emotionsgeladene, kunstpolitische "Gefährlichkeit" der Neuschöpfung signalisiert werden. Die Gruppe bricht auf gegen bourgeoise Restauration und zugleich gegen die konventionalisierte Moderne, ihre Bilder werden zur lustvollen Abwehr gegen das aktuelle "Kopflastige", ergo "Unsinnliche" in der Kunst. Vorbild ist alles Unakademische die Kritzeleien von Kindern, Volkskunst und Graffitis. Stark inspirieren die Werke von Miró, die Art-brut-Gebilde Dubuffets, die Gestaltformen von Giacometti.Auch die Motive der Cobra-Maler kreisen fortan immer wieder allein um das Existentielle und Ursprüngliche der Lebenszusammenhänge: Himmel und Erde, Feuer und Wasser, Mutter, Kind, Tier, Auge und Hand, Baum, Sonne, Mond und Sterne. Die angestrebte Einheit von Denken und Handeln sei einzig in der Welt der Kinder und Tiere zu finden gewesen, erinnert sich der Holländer Karel Appel später. Seine Bilder scheinen wie aus geronnenen Lavaströmen enstanden zu sein, darin eingeschlossen monströse Zyklopenaugen. Dicke Farbströme von Rot, Blau, Gelb, Weiß und Schwarz sollten zu Weltströmen werden. "Die Farbe", so Appel "drückt sich selbst aus." In wildem Gestus bekannten die Cobra-Maler sich zur Figur, zugleich zu regelrecht primitivistischer Ausdrucksweise, was auf die Tradition des deutschen Expressionismus verwies und das amerikanische Action-Painting der 50er Jahre etwa eines Jackson Pollock ankündigte. Cobra sorgte allerdings nur kurze Zeit für Aufsehen, gerade mal bis 1951. Rasch hatte sich der heftige Ausschließlichkeitsanspruch verbraucht. Dennoch machte das kurze Intermezzo, zu dem sich belgische, holländische, dänische und französische Maler namens Pierre Alechinsky, Karel Appel, Corneille, Constant, Lucebert, Rooskens, Ejler Bille, Asger Jorn, Egil Jacobson, Carl-Henning Petersen, Jean-Michel Atlan und Jacques Doucet zusammenfanden, Kunstgeschichte. Cobra war die einzige Gruppe experimenteller Malerei, die unmittelbar auf die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg reagierte. Proklamiert wurde der Aufbruch: künstlerisch wie gesellschaftlich. In der gleichnamigen Zeitschrift Cobra ging es nicht nur um künstlerische Experimente. Man übte marxistisch beeinflußte Kapitalismuskritik.Die Symbiose von künstlerischer Emotion und visionärer Theorie wirkte kurzzeitig anziehend, viele Künstler und Schriftsteller suchten die Nähe zu Cobra. Auch Art-brut-Meister Jean Dubuffet war begeistert von diesem Streben nach einer neuen expressiven Universalität. Nach ihr hatten in Paris um 1904 schon die Fauves um Vlaminck und Matisse gesucht, kurze Zeit später in Deutschland die Blauen-Reiter-und Brücke-MalerDie alten WildenAbermals lebte mit Cobra die Sehnsucht nach einer Unmittelbarkeit des Empfindens, der Entgrenzung hin zum Archaischen und Mystischen auf. Zugleich bedienten sich die neuen "alten Wilden" unbekümmert der Motivwelten eines Bosch oder Breughel, eines Ensor, Picasso, Miró, Munch. Der Sog solcher Kunst wirkte nach. Etliche deutsche Künstlergruppen der sechziger und siebziger Jahre, beispielsweise "Spur", "Geflecht" und "Wir" setzten die Mixtur aus starkem Pinselgestus und Kapitalismuskritik auf ihr Programm, selbst noch die "neuen" oder "jungen Wilden" der achtziger Jahre in Berlin (West) dürfen wir als späte Cobra-Nachfolge sehen.Das Bedingungslose, im Elementaren des Lebens Verankerte, das Bekenntnis zu Leidenschaftlichkeit und Abgründigkeit ist es, was an der Kunst von Cobra noch heute anzieht und irritiert. Doch gleich vielen anderen aufwühlenden und aufrührerischen Kunstgesten der Moderne wurden auch von Cobra und Nachfolge die mit revoltierender Ästhetik verknüpften Visionen nicht eingelöst. Sie blieben nur Versprechen.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.