Ätherisches Hauchen wie von einer verstorbenen Frau; ein langsam schwellender, geigenartiger Ton; ein gewaltiger, gischtartig brausender, dann britzelnd zerstäubender Bass. Körperlose Geistermusik aus dem Jenseits - und die Fachwelt ist sich einig: Nie hat Justin Bieber besser geklungenNicht nur bei den pubertierenden Mädchen der Welt ist der 16-jährige Bieber derzeit der beliebteste Star. Auch die Pop-Avantgarde liegt ihm zu Füßen. In gewisser Weise zumindest. Denn den Geistermusik-Remix seiner Single "U Smile" hat Justin Bieber nicht in Auftrag gegeben, und von ihm selbst ist auch nicht viel zu hören.Um das Achtfache hat der aus Florida kommende Produzent Shamantis den Titel "U Smile" verlangsamt, statt drei Minuten dauert "U Smile 800% slower" nun geschlagene 35 Minuten 48 Sekunden. Dennoch gehört der Track zu den meist gehörten und diskutierten Pop-Stücken in diesem Herbst; aus dem dahingeträllerten R'n'B-Stück ist eine epische Ambient-Sinfonie aus ätherisch-weltfernen Klängen geworden. "Justin Bieber klingt jetzt wie Animal Collective!" freute sich ein US-Rezensent; auf der einschlägigen Webseite Sound Cloud wurde das Werk über zwei Millionen Mal angeklickt.Witch House oder Ghost Drone heißt das Genre, zu dem dieser Remix gehört; in manchen Quellen wird auch von Glo-Fi, Drag oder Slow Wave geredet. Egal: Jedenfalls handelt es sich hierbei um den erstaunlichsten und irrsten Pop-Trend der Saison. Seit seiner ersten Erwähnung in einigen amerikanischen Pop-Blogs sind bloß ein paar Monate vergangen; inzwischen wimmelt es nur so vor blutjungen Künstlern, die Hitparadentitel durch Herunterpitchen in monströs gemurrte Gothic-Lieder verwandeln. Sehr schön etwa auch die "Zombie Rave Version", die die Band Mater Suspiria Vision von Scooters "I Want My Posse On The Floor" angefertigt hat: Aus den Technobeats ist eine langsame Reihe von granatenschlagartigen Erschütterungen geworden, zu denen der zerdehnte HP Baxxter heult und schreit wie bei einem besonders unangenehmen Exorzismus; im Videoclip sieht man in Zeitlupe dazu Drew Barrymore bei einem Autounfall.Der Trend ist neu, das Phänomen - Entschleunigung, extreme Verlangsamung des Pop - kennen wir seit ein paar Jahren. Gegen das eskalierende Tempo der kulturindustriellen Verwertung, gegen die kürzer werdenden Zyklen der Hypes und Trends hat die Pop-Avantgarde schon länger auf Zerdehnung und Dauer gesetzt. Man denke an Doom-Metal-Bands wie Sunn0))) oder Earth; ganze Konzertabende werden hier manchmal mit einer einzigen Bassvibration bestritten. Oder an Ensembles wie das Animal Collective, die das seit Hippie-Zeiten stigmatisierte endlose Daddeln und Gniedeln wieder in den Pop einführten.Mit Witch House ist nun der Gipfel dieser Entwicklung erreicht, die Entschleunigung ist zum Prinzip, zum ironisierten, übersteigerten, jedenfalls: vielfältig eingesetzten technischen Mittel geworden. Jenseits der Remix-Kultur mehren sich die Produzenten und Bands, die aus langsam rückwärts laufendem Rap-Gesang, gregorianischen Chören und synthetischem Kirchenorgelgehupe dunkelbunte Popsongs erzeugen. So etwa der in San Francisco lebende Charles Dexter Greenspan, der seine Musik unter dem Namen oOoOO veröffentlicht. Er stellt fast täglich neue Zeitlupenremixe ins Netz, hat aber auch gerade sein CD-Debüt "oOoOO" mit 5 Eigenkompositionen herausgebracht: Man hört Mönchsgemurmel und Hindi Pop, ätherischen Geistergesang von einer frisch enthaupteten Jungfrau und irdisches Sitargesurre.So paart sich die neue, aus dem (alles verfügbar machenden) Internet kommende Weltmusik mit der Entschleunigung des Doom Metal und dem Sound-Inventar des Gothic. Und mit allem semiotischen Schnickschnack, den die Grusel- und Horror-Kultur bietet. Die meisten zum Genre zugehörigen Bands geben sich nicht nur - wie oOoOO - unaussprechliche Namen, sondern gleich solche, die man mit einer normalen Tastatur nicht mehr hinschreiben kann: ein schwarzes Dreieck als Pyramidensymbol; umgedrehte Christenkreuze mit einem oder mehreren Querstrichen darin; unüblich gewordene Umlaute aus dem Altgotischen.Das sieht nicht nur schick aus, sondern hat auch den Effekt, dass man diese Bands nicht mehr googlen kann: Der maximalen Sichtbarkeit im Internet entziehen sich die Witch-House-Künstler durch alle möglichen Verschleierungstechniken - und machen sich dadurch, so geht halt die Pop-Dialektik, noch sichtbarer und interessanter. In Witch-House-Videos sieht man gebeutelte Gesellen mit verhängten Gesichtern; gern aber auch Schnipsel aus italienischen "Nonnen beim Exorzismus"-Gruselpornofilmen der 70er-Jahre (auch "Nunsploitation" genannt).Die Lo-Fi-Musik passt perfekt zu diesen Low-Budget-Videos, die wiederum perfekt zu YouTube passen - nach dem Ende des Musikfernsehens ja der einzige Ort, an dem noch im nennenswerten Umfang Musik-Clips aufgeführt und angeschaut werden. Gerade weil man in diesen Videos so wenig erkennt, ist die Bedeutung der Videos beim Witch House so groß wie bei keinem anderen Genre der letzten Jahre. Das Visuelle und die Musik, die Symbole und Sounds ergänzen einander zum multimedialen Mysterientrash.Und manchmal kommt auch wirklich großartige Musik dabei heraus - wie bei dem aus Michigan stammenden Trio Salem, das mit "King Night" das erste Langspielalbum des Genres vorgelegt hat: liebevoll arrangierter, gnadenlos übersteuerter, komplett größenwahnsinniger wagnerianischer Zeitlupenpop mit Chören, leiernden Kirchenorgel-Samples und verlangsamtem Rap-Gesang. Am Freitag geben Salem in Berlin ihr erstes Deutschland-Konzert. Live seien sie schrecklich, ein totales Desaster, berichten Konzertbesucher aus den USA. Aber das macht das Rätsel um diese Band und ihre Musik nur noch größer und toller.-----------------------Salem: Freitag, 3. 12., 24 Uhr, Festsaal Kreuzberg------------------------------Liebevoll arrangierter, gnadenlos übersteuerter, komplett größenwahnsinniger wagnerianischer Zeitlupenpop.Foto: Angemessen begruselt dreinschauende Vorreiter des Witch House: Das Trio Salem spielt am Freitag sein erstes Berlin-Konzert.

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