Herr Wagner, die Zahl der Opfer rechtsextremistischer Gewalt ist in Deutschland offenbar erheblich höher als bisher offiziell eingeräumt. Wundert Sie das?

Meiner Erfahrung nach stand in unterschiedlichen Regionen immer wieder ein Verhältnis von eins zu zehn im Raum: eine staatlich registrierte rechtsextremistische Gewalttat gegen zehn verleugnete Taten. Die neuen Zahlen erstaunen mich einerseits also nicht. Andererseits schockiert mich doch, dass das jetzt erst klar wird.

Wie ist diese Differenz denn zu erklären?

Entscheidend ist, welche Kriterien zur Einstufung einer Tat herangezogen werden. Außerdem ist die Erfassung nicht bundesweit einheitlich. Dabei wurden die Zahlen von Anfang an immer nach unten gedrückt. Die politische Führung hat es immer sehr gerne gesehen, die Zahlen niedrig zu halten. Denn Rechtsextremismus steht der deutschen Demokratie innen- wie außenpolitisch nicht gut zu Gesicht. Die Einstufung ist überdies auch polizeifachlich heikel. Das Opfer gibt allerdings in der Regel einen Hinweis.

Das heißt, wenn ein Migrant betroffen ist ...

.. kann es immer ein rechtsextremistischer Täter sein. Das wurde aber nicht immer vorausgesetzt. Beim Nationalsozialistischen Untergrund haben wir das erlebt. Es gab außerdem stets das Bestreben, aus den Tätern verirrte Jugendliche zu machen und keine Rechtsradikalen. Es wurden ganze Institute damit beschäftigt, solche Theorien zu entwickeln. Die Polizei hatte den Druck, dieser Sicht zu entsprechen. Oft galt als Kriterium, dass die Grundlagen der Verfassung aus einer rechtsradikalen Gesinnung vorsätzlich angegriffen worden sein mussten. Ein Mord wäre dann ein rechtsextremistischer Mord, wenn das Opfer ein organisierter Linker war und aus diesem Grund ermordet wird. Heute guckt man jedoch deutlich genauer hin, wenn ein Ausländer betroffen ist, als früher. Wenn einer sagt, ich habe einen Ausländer geschlagen oder getötet, weil Ausländer hier nicht hergehören, dann reicht das für ein rechtsradikales Motiv völlig aus.

Welche Konsequenzen sollten jetzt gezogen werden?

Wir müssen die Uhr zurückdrehen und brauchen eine grundsätzlich neue Analytik. Wir müssen fragen, ob wir bei der Bewertung politischer Kriminalität von den richtigen Voraussetzungen ausgehen. Da müssen wir ganz von vorne anfangen.

Das Gespräch führte Markus Decker.