Der Rassismusforscher Timothy Ready glaubt nicht, dass den USA jetzt wieder solche gewalttätigen Unruhen drohen wie 1992. Ready leitet das Walker Institute an der Western Michigan Universität. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Verständnis zwischen den Völkern und Kulturen der USA zu erforschen und zu fördern.

Herr Ready, was sagt der Ausgang des Trayvon-Martin-Prozesses über den Rassismus in Amerika?

Es ist ein wichtiger Fall, weil er die Ungleichheit aufzeigt. Es kann doch nicht sein, dass ein unbewaffneter Afro-Amerikaner bei einem Spaziergang erschossen wird.

Glauben Sie, dass die aktuellen Proteste gegen den Freispruch von George Zimmerman zu Unruhen führen werden wie 1992 in Los Angeles?

Die Fälle sind verschieden. 1992 hat die Polizei gefilmt, wie sie Rodney King verprügelt hat. Das Video war entscheidend für die Diskussion über den Vorfall. Von Trayvon Martins Tod gibt es kein Video. George Zimmerman war nicht im offiziellen Auftrag unterwegs. Er war freiwilliger Nachbarschaftswächter. Er selbst ist Latino, was die Situation verkompliziert.

Macht es einen Unterschied, dass die USA jetzt anders als 1992 einen afroamerikanischen Präsidenten haben?

An der Situation der Afroamerikaner hat sich in meinen Augen nicht viel ändert, wenn man sich beispielsweise ansieht, wie hoch der Prozentsatz von Schwarzen in den Gefängnissen ist. Oder wie wenige den sozialen Aufstieg schaffen.

Nimmt der Rassismus in den USA eher zu oder eher ab? Gibt es Unterschiede nach Regionen?

Das fällt mir schwer zu beurteilen. In New York beispielsweise verfährt die Polizei nach dem Programm „Stop and frisk“, also Verdächtige anhalten und kontrollieren. Dort hat sich gezeigt, dass Afro-Amerikaner deutlich häufiger gestoppt werden, gleichzeitig ist die Quote von nachgewiesenen Straftaten sehr niedrig.

US-Präsident Obama äußerte sich, als am Wochenende das Urteil gefallen war. Er sagte die beste Weise um Trayvon Martin zu ehren, sei sich die Frage zu stellen, „ob wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, um Waffengewalt einzudämmen“. Welche Rolle spielt Waffengewalt im Umgang von Menschen unterschiedlicher Ethnien?

Das ist eine interessante Frage. Diese beiden Aspekte waren bis zu dem Punkt, als Obama darüber sprach, im öffentlichen Bewusstsein meiner Meinung nach nicht verknüpft. Aber natürlich gibt es einen Zusammenhang. Zum einen werden vor allem junge schwarze Männer sehr schnell einer Straftat verdächtigt. Zum anderen kommen die sehr lockeren Waffengesetze hinzu. Und die Selbstverteidigungs-regelungen in Florida, die es einem erlauben, jemanden zu erschießen, wenn man sich in Gefahr wähnt, auch wenn man die Möglichkeit zur Flucht hat. Ich finde die Sorge verständlich, dass vor allem junge Schwarze in das Visier geraten.

Das Gespräch führt Edgar Walters.