WASHINGTON, 10. Dezember. Nach genau vierundzwanzig Stunden war Al Gores Hoffnung schon wieder verflogen. Nachdem Floridas Oberster Gerichtshof am Freitagabend weitere Handzählungen angeordnet und damit der Kampagne des demokratischen Kandidaten neues Leben eingehaucht hatte, riss das United States Supreme Court, das höchste Gericht der Vereinigten Staaten, am Samstag das Ruder wieder herum und verfügte die sofortige Einstellung der Nachzählung.Die Wahlhelfer, die nach dem Beschluss des Obersten Gerichtes von Florida wieder mit dem Zählen von neuntausend Wahlkarten aus dem überwiegend demokratischen Bezirk Miami-Dade begonnen hatten, mussten ihre Arbeit einstellen. In allen siebenundsechzig Bezirken sollten jene Karten mit der Hand gezählt werden, bei denen die maschinelle Auswertung keine Stimme für einen Präsidentschaftskandidaten registriert hatte."Begründete Wahrscheinlichkeit"Beide Seiten sollen am heutigen Montag um 17 Uhr (MEZ) vor dem Supreme Court in Washington ihre Standpunkte darlegen. Zur Sache selbst hatte sich das Oberste Gericht nicht geäußert. Den vorläufigen Stopp begründete die Richtermehrheit damit, dass es eine "begründete Wahrscheinlichkeit" dafür gebe, dass die Klage Bushs gegen die Fortführung der Nachzählungen erfolgreich sein werde.Entsprechend erfreut zeigte sich der Gouverneur von Texas, der in Florida einen hauchdünnen Vorsprung hat. Allerdings habe Bush wirklich Qualen durchlitten, sagte dessen Sonderbeauftragter James Baker, der frühere Außenminister. "Einen Tag ist man oben, den anderen wieder unten." Nicht anders ist es Gore ergangen. Nach der richterlichen Anordnung aus Florida, die von den Maschinen bislang nicht erfassten etwa 45 000 Wahlzettel zu zählen, schien es, als würde der Vizepräsident nun auf die Siegerstraße einschwenken und Bushs Minimalvorsprung einholen können.Nach dem Spruch aus Washington herrscht Verbitterung und Enttäuschung im demokratischen Lager, aber auch Entschlossenheit, bei der Anhörung am Montag das Blatt noch einmal zu wenden. Gores Anwalt David Boies sagte, bei einer akkuraten Auswertung in Florida würde Gore die Stimmenmehrheit in Florida ebenso gewinnen, wie er dies bereits landesweit getan habe.Nach dem Wechselbad der Gefühle, das beide Kandidaten durchlebten, hat nun also wieder Bush die besseren Karten. Zum einen läuft die Uhr, bis Dienstag muss Florida seine fünfundzwanzig Elektoren ernennen, um sechs Tage danach vom Wahlmännergremium berücksichtigt zu werden, das formal den Präsidenten bestimmt. Selbst wenn der Supreme Court in Washington die Fortsetzung der Handzählung genehmigen sollte, bliebe kaum noch Zeit, die Stimmen zu zählen und die Meldefrist einzuhalten.Die Republikaner strotzen aber aus einem anderen Grund vor Optimismus. Denn während der ausschließlich demokratisch besetzte Supreme Court von Florida zum zweiten Mal in Folge ein umstrittenes Urteil zu Gunsten von Gore fällte, hat der Oberste Gerichtshof in Washington nun das letzte Wort. Dort stehen sieben Republikaner nur zwei Demokraten gegenüber, die auch vehement gegen den Mehrheitsentscheid vom Samstagnachmittag protestierten.Zwar sollte das Parteibuch bei angeblich unabhängigen Richtern keine Rolle spielen, doch in diesem skurrilen Nachspiel zur aufregendsten Präsidentschaftswahl in der Geschichte sind die Richter fast durchweg der Parteilinie treu geblieben.Viele Rechtsexperten gehen davon aus, dass die hohen Richter in Washington in ihrer abschließenden Entscheidung im Sinne des Republikaners befinden werden und damit einen Schlussstrich unter das Wahldrama ziehen. Damit wäre die Partie entschieden. Das derzeitige Wahlergebnis - demnach liegt Bush mit 537 Stimmen in Führung - würde dem Republikaner Floridas Elektoren und damit den Sieg bei der Wahl bescheren. (mit AFP)Von 1 784 auf 154 Stimmen // Der Vorsprung von George W. Bush gegenüber seinem demokratischen Herausforderer Al Gore im Bundesstaat Florida hat sich seit der Wahl am 7. November immer wieder verändert.Nach der Wahl lag Bush nach offiziellen Ergebnissen 1 784 Stimmen vor Gore. Der geringe Stimmenunterschied von weniger als 0,5 Prozent machte nach dem Wahlrecht von Florida eine erneute maschinelle Stimmenauszählung erforderlich. Insgesamt gaben im Bundesstaat Florida knapp sechs Millionen Wähler ihre Stimme ab.Die Neuauszählung ließ den Vorsprung Bushs am zehnten November zunächst auf 327 Stimmen schrumpfen.Nach Auszählung der Briefwahlstimmen aus Übersee gab Floridas Innenministerin Harris am 18. November ein neues Ergebnis bekannt: Bush führte nun mit 930 Stimmen vor Gore.Nach Ablauf einer Frist zur manuellen Nachzählung erklärte Innenministerin Harris den Republikaner am 26. November mit 537 Stimmen Vorsprung zum Wahlsieger in Florida. Die insgesamt 383 Stimmen aus den Wahlbezirken Palm Beach und Miami-Dade für Gore rechnete Harris nicht mit, weil sie nach Ablauf der Frist eingegangen waren.Die Entscheidung des Obersten Gerichts von Florida, alle umstrittenen Stimmzettel nachzuzählen und Gore auch die 383 Stimmen aus Palm Beach und Miami-Dade zuzuschlagen, ließ Bushs Vorsprung am Freitag auf 154 fallen.Ein Urteil des Supreme Court in Washington zu Gunsten von Bush würde den Abstand wieder auf 537 Stimmen erhöhen.DPA Nachdem der Washingtoner Supreme Court ein Auszählungsstopp verhängt hat, sammeln Sheriffs in Florida die Wahlzettel wieder ein.