BERLIN, 30. August. Das deutsche Gesundheitssystem weist schwere Mängel auf. Nach einem Gutachten hochrangiger Experten werden Jahr für Jahr Milliardenbeträge für unnötige Untersuchungen, Therapien oder Operationen ausgegeben. Zugleich werden chronisch Kranke nur mangelhaft versorgt. Als Konsequenz forderte der Gesundheits-Sachverständigenrat umfassende Strukturreformen im Gesundheitswesen. Zugleich wurde bekannt, dass die gesetzlichen Krankenkassen im ersten Halbjahr ein Defizit von rund fünf Milliarden Mark angehäuft haben. Beitragsanhebungen auf breiter Front sind unausweichlich.Der Gesundheits-Sachverständigenrat kritisierte unter anderem die Vorsorgung von Diabetes-Kranken, die Behandlung von Brustkrebs und Rückenleiden sowie von Herz-und-Kreislauferkrankungen. Viel zu wenig wird nach Ansicht der Experten für die Prävention getan. Zweifel äußerten sie auch am System der Selbstverwaltung im Gesundheitssystem. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Friedrich Wilhelm Schwartz, sagte, die aufgedeckten Missstände seien das Ergebnis langfristig gewachsener Fehlsteuerungen im deutschen Gesundheitssystem. Sie ließen sich allerdings nicht mit einer "Sofort-Reform aus einem Guss" korrigieren. Stattdessen seien langfristig angelegte Reformschritte nötig. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sah sich durch die Experten in ihrer Auffassung bestätigt, die Probleme nicht mit einer großen Gesundheitsreform lösen zu wollen, sondern schrittweise vorzugehen. So habe bereits die Gesundheitsreform 2000 die Voraussetzung für wesentliche Verbesserungen geschaffen. Schmidt führte auch das im ersten Halbjahr entstandene Defizit bei den gesetzlichen Kassen auf eine "langfristige Fehlorientierung" zurück. Den Vorwurf, das Defizit sei vor allem Folge der von ihr aufgehobenen Budgetierung, wies sie zurück.Schmidt: Reformdruck erhaltenSchmidt rechnet damit, dass sich das Defizit der Kassen im zweiten Halbjahr nicht weiter erhöht. Bleibt es dabei, müssen sich die Versicherten auf Beitragsanhebungen von durchschnittlich bis zu 0,3 Prozentpunkten einstellen. "Ich kann das nicht verhindern, auch wenn ich das gerne täte im Sinne der Lohnnebenkosten", sagte die Ministerin. Fragen nach Konzepten, um kurzfristig die Anhebung zu verhindern, wich sie aus. Eine klare Absage erteilte sie zugleich Forderungen, zur Entlastung der Kassen versicherungsfremde Leistungen aus Steuergeldern zu finanzieren oder den Mehrwertsteuersatz für Arzneimittel zu halbieren. Dies würde den Druck von allen Beteiligten für umfassende Reformen nehmen, argumentierte die SPD-Politikerin.Die Ministerin zeigte sich überzeugt, dass vor allem eine effizientere Versorgung der Patienten zu Kosteneinsparungen führt. So gebe es im Gesundheitssystem erhebliche Wirtschaftlichkeitsreserven. Die Sachverständigen äußerten sich hierzu vorsichtiger. So koste eine bessere Versorgung der chronisch Kranken möglicherweise mehr Geld, als durch den Abbau von Überversorgung eingespart werde. Der Gutachter Eberhard Wille sagte, es gehe dem Sachverständigenrat nicht vordergründig um mögliche Beitragssatzsenkungen, sondern um eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung. Analyse Seite 4, Politik Seite 5