Als Fabio Luisi zuletzt im Januar mit dem Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks ein Konzert in Berlin gab, war der große Saal des Konzerthauses fast menschenleer. Am vergangenen Dienstag war es im selben Saal zwar nicht brechend voll, aber dennoch gut gefüllt. Das lag vermutlich nicht nur an Gustav Mahlers erster Symphonie und Antonin Dvoraks Cello-Konzert, sondern auch daran, dass Luisi mittlerweile zum designierten Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin avanciert ist: Vielleicht für nicht wenige ein Grund, den Dirigenten, der im August 2001 Christian Thielemanns Nachfolger wird, einmal in Augenschein zu nehmen. Vor allem Mahlers Symphonie gelingt Luisi beeindruckend. Diese Partitur frappiert ja durch den gänzlichen Mangel dessen, womit ein junger Komponist ein an Brahms und Bruckner gewöhntes Publikum von seinen Fähigkeiten hätte überzeugen können: Sie enthält keinerlei konstruktiven Kontrapunkt, keine formalen Mehrdeutigkeiten oder Raffinessen und ihre Harmonik kommt weitgehend ohne chromatische Verfeinerungen aus. Der immerhin schon 27-jährige Komponist scheint über kaum mehr als ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ein allerdings bestürzendes Formgefühl zu verfügen. Luisi versucht nun nicht, den Mangel an kompositorischer Kultur zu kompensieren, sondern zeigt sehr deutlich, wie Mahler die Formteile tatsächlich nur nebeneinander stellt, statt zu vermitteln, indem er das Tempo von einem Moment zum anderen ändert, zum Beispiel im dritten Satz, wo das ungarische Schmachten mit einer plötzlich viel schnelleren Zirkusmusik zusammenstößt. Die Exposition des ersten Satzes ist dann auch keine allmähliche dynamische Entwicklung vom zart instrumentierten piano zum aufgeknöpften Tutti; bei Luisi geht der Weg von "sehr gemächlich" bis "frisch, belebt" durchaus auch gegen die Vorschrift "allmählicher Steigerung" in Stufen vor sich. Im letzten Satz entlarvt Luisi die Überleitung zwischen erstem und zweitem Themenkomplex als äußerliche Kaschierung der parataktischen Konstruktion, wenn er die Vortragsanweisungen "etwas drängend" und "molto ritardando" so ernst nimmt, dass die acht Takte fast einen abgeschlossenen Formteil bilden: Der greift zwar deutlich den aufwärts gerichteten Halbtonschritt auf, mit dem der vorangegangene Abschnitt endete, steht aber in seiner intensiv geformten Gefühlskurve durchaus für sich. Diese intensive Formung ist vielleicht Luisis größtes Verdienst: Sie äußert sich als frappierende Intensität des Instrumentalklangs. Dem vergleichsweise konventionell-brucknerischen Scherzo trieb Luisi die Gemächlichkeit gründlich aus: "Kräftig bewegt" steht da, und das MDR-Orchester schont die Instrumente nicht. Jeder Ton wird bis zum Ende durchgezogen, da bleibt nichts übrig von tänzerischer Lockerheit: Der Satz schäumt über vor nicht geheurer Wucht und Triebhaftigkeit. Mahlers Fanatismus, sein Spaß am Lärm, der Ungestüm seines Charakters wurden, und das betrifft prinzipiell alle Sätze, selten so authentisch eingefangen wie in dieser Aufführung. Die leisen Passagen fallen dagegen leider ab, bleiben im Tempo starr, setzen sich kaum durch gegen die Stürme, die ringsum toben. Im Vergleich zu Thielemanns tendenziell narzisstischer Klang-Inbrunst hat Luisis Intensität etwas Schenkendes, sich selbst Veräußerndes. Aber wie Thielemann ist auch Luisi nicht in erster Linie ein Gestalter formaler Zusammenhänge, das zeigte seine Darstellung von Mahlers Symphonie nicht weniger als die von Dvoraks Cello-Konzert. Kürzere Distanzen gelingen in der klanglichen Formung und in der Phrasierung zwingend, insgesamt aber tendieren die Teile zum unvermittelten Nebeneinanderstehen. So verfolgt Luisi den kurzen Gedanken, den die Celli in der Durchführung des ersten Satzes der Symphonie neu ins Spiel bringen, nicht aufmerksam genug, mit dem Ergebnis, dass der Höhepunkt, der hauptsächlich über die Entwicklung dieses Gedankens herbeigeführt wird, wenig organisch wirkt. In Dvoraks Cello-Konzert wirken die Sätze fast alle zu kurz, sie gelangen überraschend schnell zur Coda, in der die gestalterischen Energien erschöpft wirken. Allerdings dominierte hier ohnehin der Solist Alban Gerhardt das Feld mit einer souverän ins Expressive gewendeten Virtuosität und großer gestalterischer Kraft.