BERLIN, 17. September. Wiens zweiter Bezirk, die Leopoldstadt, ist ein altes Viertel. Viele der Häuser sind saniert, doch in manchen finden sich noch billige Wohnungen. Deshalb leben hier auch viele Studenten. Siegfried D. ist einer von ihnen. Der 34 Jahre alte Mann bewohnt eine 130 Quadratmeter große Wohnung im Haus Springergasse 11. Weil sie ihm allein zu groß war, suchte er im Jahr 1996 Untermieter. Ein italienisches Pärchen meldete sich, Francesco Spinola und Monica Arini. Sie machten einen sympathischen Eindruck, und so zogen sie bei D. ein.Seit Mittwoch weiß Siegfried D, wer seine Untermieter wirklich waren. Ein Antiterror-Kommando der österreichischen Polizei erschoss in Wien-Donaustadt Spinola und nahm seine Freundin Monica Arini fest. Wenig später nur war klar, dass der ahnungslose D. dreieinhalb Jahre lang zwei der meistgesuchten deutschen Terroristen beherbergt hatte: Hinter den italienischen Namen verbargen sich Horst Ludwig Meyer und Martina Andrea Klump, die von deutschen Sicherheitsbehörden der Terrororganisation "Rote Armee Fraktion" (RAF) zugerechnet werden.D. konnte in mehreren Vernehmungen inzwischen glaubhaft nachweisen, dass er von der Doppelexistenz seiner Untermieter nichts gewusst hat. In seine Wohnung darf er aber vorläufig dennoch nicht: Experten der Wiener Staatspolizei durchsuchen noch immer die Zimmer und sichern sämtliche Spuren. Unterstützt werden sie dabei von zwei Terrorismusexperten des Wiesbadener Bundeskriminalamtes. Auch zwei Antiterror-Spezialisten aus Italien sind dabei, weil Meyer und Klump italienische Pässe benutzten. Beweise oder Anhaltspunkte dafür, dass die beiden mutmaßlichen Terroristen einen Anschlag in Wien vorbereiteten, haben die Beamten bislang nicht finden können. Auch Waffen oder Sprengstoff suchten sie vergebens. Am ergiebigsten dürfte noch der in der Wohnung sichergestellte Computer mit Scanner und Internet-Anschluss sein. Von der Auswertung seiner Festplatte erhoffen sich vor allem die Fahnder des Bundeskriminalamtes Hinweise auf Verbindungen der beiden zu Sympathisanten in Deutschland. Derzeit ist aber die Wiener Staatspolizei noch Herrin des Ermittlungsverfahrens. Der Grund dafür ist die Pistole vom Typ Beretta, mit der Horst Ludwig Meyer sich am Mittwoch den Weg freischießen wollte. Sie ist identisch mit der Waffe, die 1996 bei einem Raubüberfall auf einen Wiener Supermarkt benutzt wurde.Bis zur Klärung der Frage, ob die beiden vor drei Jahren den Supermarkt überfallen haben, bleibt Andrea Klump in österreichischer Untersuchungshaft. Die deutschen Behörden müssen sich also vorerst gedulden, bis sie die mutmaßliche RAF-Terroristin vernehmen und den Computer auswerten können.Doch es könnte sein, dass Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft es ohnehin nicht so eilig haben mit dem Fall. Haben doch die Beweise, die 1992 zur Ausstellung des richterlichen Haftbefehls gegen Andrea Klump geführt haben, inzwischen an Überzeugungskraft verloren. Seinerzeit hatte die Bundesanwaltschaft einen Kronzeugen präsentieren können: Siegfried Nonne, ein Gelegenheitsspitzel des hessischen Verfassungsschutzes. Er gab an, Andrea Klump und drei weitere RAF-Leute in Vorbereitung des Attentats auf den Deutsche-Bank-Sprecher Alfred Herrhausen im Jahre 1989 in seiner Wohnung beherbergt zu haben. Doch die Story platzte schon nach wenigen Monaten. Journalisten deckten Widersprüche in Nonnes Aussage auf, ein Informant vom BKA spielte ihnen interne Vermerke zu. Nonne widerrief schließlich seine Behauptungen und gab an, vom Verfassungsschutz zu seiner Aussage erpresst worden zu sein. Inzwischen bringt die Bundesanwaltschaft Andrea Klump nicht mehr ausdrücklich mit dem Attentat auf Herrhausen in Verbindung. Rätselhaft bleiben vorerst die Umstände, unter denen es am vergangenen Mittwoch zur Festnahme von Andrea Klump und zum Tod von Horst Ludwig Meyer kam. Drei Jahre lang lebten die beiden unauffällig in Wien. Sie benutzten nur Fahrräder, um nicht in eine Verkehrskontrolle zu geraten.Auffällige TreffenPlötzlich aber, im Juli dieses Jahres, begannen sie damit, sich zwei Mal in der Woche zur gleichen Zeit an der Kreuzung Wagramer und Donaufelder Straße im Wiener Stadtteil Donaustadt zu treffen. Sie trugen Baseballkappen und Sonnenbrillen und versuchten erst gar nicht, unauffällig zu wirken.Die Anwohner schöpften bald Verdacht. Forscht das seltsame Pärchen die Umgebung für einen Bankraub oder einen Anschlag aus? Ein Anwohner fotografierte das verdächtige Paar und übergab das Bild der Polizei. Dort sagte man, er solle sich melden, wenn die beiden wieder auftauchen. Am letzten Mittwoch war es soweit. Als eine Funkstreife die beiden kontrollieren wollte, drehten sie durch, überwältigten eine Polizistin und flohen.Warum diese überzogene Reaktion? Außer ihren italienischen Pässen besaßen die beiden auch noch österreichische Falschpapiere auf die Namen "Jensen" und "Vieri". Eine Flucht ins Ausland wäre ihnen damit möglich gewesen.Rätselhaft bleibt auch, dass die Wiener Antiterror-Einheit so schnell zum Einsatz kam. Fünf bis sechs Minuten, nachdem die beiden die Polizistin überwältigt hatten, traf die Gruppe am Tatort ein und fand die beiden Flüchtigen nur vierhundert Meter entfernt in einer Seitenstraße, wo es zum blutigen Showdown kam.Schon wird spekuliert, die Wiener Polizei habe bereits vor dem Einsatz am Mittwoch gewusst, wer das verdächtige Paar in der Wagramer Straße war. Bislang gibt es dafür aber keine Beweise.