Dass Wirte und Restaurantbesitzer das Finanzamt betrügen, ist offenbar gang und gäbe." Zumindest kommt ein Beamter, der gegen Händler, Wirte und Hoteliers ermittelt, zu diesem Schluss. Nach der Razzia bei Getränke-Lehmann, dem bekanntesten Getränkehändler in Berlin und Brandenburg, stehen nach Informationen der Berliner Zeitung 178 Besitzer von Hotels, Restaurants und Bordellen im Verdacht, Steuern hinterzogen zu haben. Der Schaden liegt bei drei Millionen Euro. Die Ermittler schließen nicht aus, dass sich die Zahl der Beschuldigten noch erhöhen wird."Einige Abnehmer sind bereits in der Vergangenheit rechtskräftig wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden", sagte Justizsprecher Michael Grunwald. Zu den Beschuldigten gehören auch die früheren Betreiber der Paris-Bar an der Kantstraße. Der Promi-Treff meldete im November wegen Steuerschulden in Millionenhöhe Insolvenz an.Die Firma Getränke-Lehmann soll, wie die Berliner Zeitung gestern berichtete, Beihilfe zu der Steuerhinterziehung geleistet haben. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Auf Betreiben des 68-jährigen Firmengründers Horst Lehmann sowie seines 67-jährigen Geschäftsführers Jürgen K. soll zwischen 1996 und 2001 an Wirte geliefert und bar kassiert worden sein. "In den Büchern wurden die Abnehmer nicht erwähnt", so die Staatsanwaltschaft. Die Wirte konnten gekaufte Waren dann weiterverkaufen, ohne dafür Steuern zahlen zu müssen.Auf Getränke-Lehmann wurde man angeblich aufmerksam, weil ein entlassener Prokurist Daten an das Finanzamt weitergeleitet habe, heißt es in der Branche. Der Mann stehe mittlerweile unter Polizeischutz. Bei der Polizei wollte man sich dazu nicht äußern, die Firma weist das zurück. Am Mittwoch durchsuchten Polizisten und Steuerfahnder in Potsdam den Firmensitz. "Wir müssen hundert Kartons mit Beweismitteln auswerten", sagte Grunwald. Lehmann, gegen den ein Haftbefehl vorlag, ging am Mittwoch selbst zur Polizei. Gegen Kaution von 250 000 Euro kam er sofort wieder frei. Sein ebenfalls verhafteter Geschäftspartner wurde gegen 500 000 Euro laufengelassen.Die Möglichkeiten, in der Gastronomie den Fiskus zu prellen, sind groß. "Entweder werden Kellner schwarz beschäftigt oder man versucht, weniger Umsatzsteuer zu bezahlen oder den Gewinn kleinzurechnen", sagt Wolfgang Lübke, Leiter der Steuerfahndung. Seine Kollegen schätzen, dass in der Gastronomie zwischen 25 und 40 Prozent an der Steuer vorbei verdient wird. Das Finanzamt vergleicht, wie viele Waren eingekauft und wie viele wieder verkauft wurden. Betrügen lässt sich dann gut, wenn man beim Einkauf ohne Rechnung kauft und das Amt davon nichts weiß.Insider berichten, dass es "so einige Großhändler" gebe, die ihren Kunden den Schwarzkauf ohne Rechnung anböten. "Aber selbst wenn Händler schwarz liefern, haben sie Aufzeichnungen", sagt Steuerfahnder Lübke. Auch über den Wasserverbrauch oder die Zahl gekaufter Kohlensäurepatronen für die Zapfanlage kommen Fahnder Betrügern auf die Spur. Außerdem seien moderne Kassen so gesteuert, dass sich kaum noch etwas manipulieren lasse, wie Klaus-Dieter Richter vom Hotel- und Gaststättenverband sagt. Steuerfahnder Lübke ergänzt: "Zu glauben man werde nicht ertappt, ist ein Irrglaube."Im Prinzip sieht das auch der Anwalt von Horst Lehmann, Michael Bärlein, so. Die Haftbefehle gegen die beiden Geschäftsleute bezeichnet er als "völlig rechtswidrig". So sei bei Lehmann Fluchtgefahr angenommen worden, wegen dessen Haus in Marokko, das er aber längst verkauft habe. Der Streit mit der Behörde habe schon vor fünf Jahren begonnen, so der Anwalt: "Es geht um unterschiedliche Auffassungen darüber, in welcher Form etwas verbucht werden muss - ob im Computer oder in Aktenordnern. Bei Lehmann ist alles im Computer nachzuvollziehen. Jede Flasche Bier ist verbucht."------------------------------Sinkender Umsatz - steigende KonkurrenzRund 9 500 Gastronomiebetriebe gibt es in Berlin. Darunter sind unter anderem rund 6 100 Restaurants, 2 300 Imbisse, 900 Schankwirtschaften, 100 Bars und 90 Diskotheken.Der Umsatz der Wirte sinkt seit Jahren. Die Konkurrenz ist größer geworden. 2001 gab es nur 7 062 Gastronomiebetriebe.Mit Betriebsprüfungen durch das Finanzamt müssen große gastronomische Betriebe alle drei bis vier Jahre rechnen, mittelgroße werden alle acht bis zehn Jahre überprüft und Kleinbetriebe alle 14 bis 20 Jahre.Die Steuerfahndung macht keine Schwerpunktkontrollen in der Gastronomie. Die Fahnder dürfen nur bei einem Anfangsverdacht tätig werden.Insolvenz durch Steuerschulden kommt durchaus vor. Im Jahr 2000 musste Aschinger Konkurs anmelden, 2005 die Paris Bar.Gesetzlich geregelt ist, dass jeder Gast eine Rechnung bekommen muss, die mit einer Computerkasse erstellt wurde.