Fahrbericht BMW R 1100 RT : Das Schwergewicht hat Talente, die man ihm auf den ersten Blick nicht zutraut: Boxt mit perfekter Deckung

Sonnabend morgen. Sieben Grad zeigt das Thermometer. Der Boxer erwacht auf den ersten Knopfdruck. Nur ein paar Kurbelwellenumdrehungen gönne ich ihm Gemischanreicherung zum Aufmuntern. Schon hängt er, etwas heiser böllernd zwar wie alle seine Sportfreunde mit Vierventil-Beatmung, aber absolut ruckfrei am Gas. Auf den noch leeren Stadtstraßen zeigt der Tourer mit seinem modernen Zweizylinder klassischer Bauart und dem für alle BMW die F 650 ausgenommen typischen Kardanantrieb Talente, die man ihm auf den ersten Blick wirklich nicht zutraut. Obwohl die R 1100 RT mit ihren knapp sechs Zentnern das Schwergewicht der mittlerweile fünfköpfigen neuen Boxerriege ist, gibt sie sich auch in der Stadt weder schwerfällig noch ungelenk. Trotz seiner üppigen Masse läßt sich das Dickschiff so forsch ins Eck knicken, so extrem schnell und hart einlenken wie eine leichte Straßenmaschine. Und wer beim Ausbalancieren vor der roten Ampel Schwierigkeiten bekommt, der hat vor dem Start etwas vergessen. Mit einigen wenigen Handgriffen läßt sich die zweiteilige Bank, die auch dem Sozius oder der Sozia bequemen Platz bietet, auf drei verschiedene Fahrer-Sitzhöhen einstellen. Da finden auch kurze Beine sicheren Halt.Auf der Autobahn gibt es an diesem kalten Tag den ersten Regenguß und eine weitere gute Erfahrung. Die R 1100 RT boxt mit perfekter Deckung. Mit ihrer Vollverkleidung und dem per Elektromotor stufenlos verstellbaren Schild schneidet sie wie eine Hochseeyacht durch den Wind und streift wie gutes Ölzeug Wasser ab. Die Regenkombi kann getrost in den je 33 Liter fassenden Seitenkoffern bleiben. Ebenso das zweite warme Handschuhpaar. Denn meine Finger sind weder naß noch klamm. Die Abwärme vom Ölkühler, der sich die Motortemperierung mit dem Fahrtwind teilt, läßt sich aus zwei Cockpit-Klappen direkt an beide Lenkergriffe leiten. Heizgriffe, die es zum Aufpreis gibt, ersetzt der milde Luftstrahl im Winter aber nicht. Übrigens gehen auch grobe Autobahn-Querfugen trotz aufrechter Sitzposition, wie sie sich für ein Tourenmotorrad gehört, nicht ins Kreuz. Der Fahrwerkskomfort der BMW ist unübertroffen. Telelever heißt hier das Zauberwort. Die einzigartige Konstruktion entkoppelt die vordere Radführung und -federung. Damit gibt s kein Kippeln, kein Flattern oder unangenehmes Eigenlenkverhalten auch auf groben Pisten. Als sich mit dem Regen auch das Tempolimit verabschiedet, darf der Motor zeigen, was er kann. Der mit allen Segnungen moderner Triebwerkstechnik von digitaler Motorelektronik bis hin zum geregelten Katalysator ausgestattete Boxer schöpft 90 PS auf 1100 Kubikzentimeter Hubraum. Damit ist er zwar kein Champion flinker Beinarbeit, doch bewegt er sich so elastisch und ausdauernd wie nur wenige seiner Gegner. Drehmoment heißt hier das Zauberwort. Davon ist quasi ab Standgas reichlich vorhanden. Seine Muskeln so richtig spielen aber läßt der Twin erst ab 4 000 Touren. Da wird jeder weitere Dreh am Gasgriff mit vehementem Vortrieb beantwortet. Enttäuschung am ZapfhahnSchaltarbeit am nicht gerade leichtgängigen Getriebe ist dann auch bei schnellen Spurwechseln oder Überholmanövern kaum mehr nötig. BMW notiert eine Höchstgeschwindigkeit von 196 km/h, die der Tourer ohne großen Anlauf erreicht. Und selbst beim Topspeed zieht er schnurgerade seine Bahn.Nach gut 200 Kilometern greife ich zum ersten Mal herzhaft in die Bremsen. Nein, keine Notbremsung, bei der mich das serienmäßige ABS vor einer gefährlichen Rutschpartie bewahrt hätte. Eilige Verzögerung nur. Denn die wenigen verbliebenen Anzeigebalken auf dem Fahrerinformationsdisplay signalisieren den bereits rapide abgesunkenen Spritstand in dem 26-Liter-Tank. In die Freude über den gelungenen Beitrag der kräftig zupakkenden Doppelscheibe vorn und der gut dosierbaren Einzelscheibe hinten zum kurzentschlossenen Abbiegemanöver auf die Tankstellenspur mischt sich dann jedoch Enttäuschung beim Betätigen des Zapfhahns. Erst bei 21 Liter Super bleibt das Zählwerk stehen. Doch nur 230 Kilometer stehen auf der Tagesuhr. Kopfschüttelnd errechne ich einen Durchschnitt von über 9,1 Liter Super. Das ist happig. Beim gemütlichen Touren über Landstraßen hatte ich es bislang auf höchstens sieben Liter gebracht.Nach 650 Kilometern und zwei weiteren Tankstopps bin ich am Ziel. Und da kommt endlich auch die Sonne raus, als wolle sie die BMW zum Tagesfazit in besseres Licht rücken. Doch das hat die R 1100 RT überhaupt nicht nötig. Sie ist ein überaus komfortabler und wetterfester Tourer, der eigentlich nur einen Fehler hat seinen stolzen Preis. 25 200 Mark kostet das nahezu komplett ausgestattete Dickschiff. Einziger Trost: Vergleichbare Reisemaschinen etwa aus dem Hause Honda kosten nicht weniger und können nicht mehr.