Die einen wollen im Loft wohnen, andere würden nie aus ihrem Kiez ziehen und wieder andere sind stolze Besitzer eines Hausbootes... Wer wo wie wohnt - das sagt sagt viel über die Vielschichtigkeit des Lebens in der Stadt - und über ihre Einwohner - einige stellen wir in der Serie "Wohnen in Berlin" vor.----Das Geheimnis ist gelüftet, das Ergebnis enttäuschend. So gewöhnlich sieht also eine Wohnung im Wasserturm aus. Was haben die Leute alles über den Turm erzählt. Es gebe keine Ecken in den Zimmern, und wenn doch, dann nur welche mit ganz spitzem Winkel. Stimmt alles nicht. Vom Rundbau ist im Innern kaum etwas zu bemerken. Man merkt die Rundung eigentlich nur an den Außenwänden mit den Fenstern. Viele können das gar nicht fassen.", sagt Uwe Lukoschat. Er hat schon oft enttäuschte Gesichter bei seinen Gästen gesehen. Manchmal klingeln Fremde unten und fragen, ob sie sich die Wohnung anschauen können. Ein japanisches Paar, beide Architekturstudenten, hat Lukoschat schon durch die Zimmer geführt, Besucher aus Bonn waren da, im Juli zeigte er zwei jungen Frauen aus Stuttgart die Räume. Wer nett ist, darf mal gucken.Seit 20 Jahren wohnen Uwe Lukoschat (65) und seine Ehefrau Brigitta (64) im Wasserturm, dem Wahrzeichen von Prenzlauer Berg. "Dicker Hermann" wird das Baudenkmal an der Knaackstraße in Reiseführern genannt, doch die Bewohner sagen, so nennt niemand den Turm. 1877 wurde das Backsteingebäude auf dem ehemaligen Windmühlenberg errichtet. Der Turm sorgte für den nötigen Wasserdruck in den umliegenden Wohnungen.Von den Fenstern ihrer Vier-Zimmer-Wohnung haben Uwe und Brigitta Lukoschat einen 180-Grad-Blick. Sie sehen den großen Spielplatz, Bäume und Häuser rund um den Wasserturmplatz.Uwe Lukoschat ist ein freundlicher Gastgeber. Er führt durch die Wohnung mit ihren Durchgangszimmern: Diele, Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer. Ein Raum ist für die vier Enkelkinder als Spielzimmer eingerichtet. Man merkt beim Durchqueren der Wohnung nicht, dass man einen Halbkreis zurücklegt. Lukoschat hat ein paar Zimmertüren herausgenommen, sie würden stören, sagt er und die Zimmer verdunkeln.Die Form der Zimmer erscheint bei genauer Betrachtung dann aber doch noch als etwas Besonderes. Einem viereckigen Zimmer folgt ein dreieckiges Zimmer, das wie ein Tortenstück aussieht. 70 Zentimeter dicke Wände trennen die Räume. Diese Wände mussten einst den tonnenschweren Wasserbottich mit 1 400 Kubikmetern Fassungsvermögen auf der Spitze des Turmes aushalten. Stahlträger sind als Stabilisatoren wie ein Ring über jede Etage gezogen, sie haben verhindert, dass der Turm unter der Last zusammenbricht. Lukoschats haben die Stahlträger mit einer Herbstblättergirlande in der Küche verziert, im Spielzimmer hängt eine Schaukel daran.Den Wasserturm kannten Brigitta und Uwe Lukoschat schon lange bevor sie selbst dort eingezogen sind. Beide sind in Prenzlauer Berg aufgewachsen. Bis 1952 war der runde Backsteinbau als Wasserspeicher in Betrieb.Die neun Wohnungen im Haus, haben unterschiedliche Größen, Grundrisse und Mietpreise, Leerstand gibt es auf den vier bewohnten Etagen nicht. Die älteste Bewohnerin ist über 80 Jahre, eine Familie mit kleinen Kindern ist eingezogen, auch ein Architekt und eine bekannte Schauspielerin leben dort. Die obere Etage, von außen sieht sie bewohnt aus, ist nicht begehbar, Stahlkonstruktionen und der Wasserbottich sind dort untergebracht. Im Innern führt ein Leitersystem in die Höhe, früher mussten dort die Angestellten der Wasserbetriebe zum Kessel hinaufsteigen, die Büroangestellten in den Etagen darunter wollten die Arbeiter nicht in den Treppenhäusern sehen.Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg als Eigentümerin ließ das denkmalgeschützte Bauwerk im Jahr 2000 für zwei Millionen Euro sanieren. Alle Bewohner bekamen Umsatzwohnungen und kehrten ein Jahr später zurück. Gern würden die Lukoschats noch viele Jahre in ihrer Wasserturmwohnung leben, auch wenn es dort keinen Balkon und keinen Aufzug gibt. 900 Euro warm kostet die Wohnung zurzeit im Monat. Uwe Lukoschat befürchtet, die Miete könne in den kommenden Jahren weiter steigen, so wie überall im Viertel. "Mal sehen wie lange wir uns ein Leben im Wasserturm noch leisten können", sagt er.------------------------------Mehr zum Thema in der Ausstellung "Berliner Einsichten - 20 Jahre Wohnen in der wiedervereinigten Hauptstadt", bis 31. Oktober, Spandauer Straße 2, Mitte.------------------------------Foto: Seit 1990 wohnt Uwe Lukoschat mit seiner Frau im Wasserturm. Die Räume liegen hintereinander, doch Durchgangszimmer stören die beiden nicht.Foto: Das Wahrzeichen von Prenzlauer Berg: Zwischen Knaackstraße und Belforter Straße steht der Wasserturm. Neun Wohnungen gibt es in dem Rundbau. Alle haben verschiedene Größen.

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